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Mecklenburg Magazin

10. Dezember 2016 | 23:21 Uhr

Vietschow : „Drogen“ aus dem Dorfladen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bernhard Lau aus Vietschow bot in seinem Geschäft neben Zucker und Mehl auch Salben, Tropfen und Beratungsgespräche an

Ein Inserat aus dem Jahre 1928 offeriert das Angebot einer ländlichen Gemischtwarenhandlung in Jördenstorf. Neben Kolonialwaren und Dingen des täglichen Gebrauchs waren auch „Drogen“ im Angebot – wie die Anzeige zeigt. Nur: Das waren nicht Marihuana, Opium, Kokain und sonstige Rauschmittel aus den Chemieküchen der Hinterhöfe. Es waren schlichtweg Artikel, die jede Drogerie führt: Salben, Tropfen, Tabletten, Mittel, die nicht apothekenpflichtig und rezeptfrei waren.

Irgendwann hatte ein windiger Vertreter den ländlichen Geschäften in Mecklenburg in den 20er-Jahren Fächerschränke mit ca. 50 Heilmitteln angedreht. Wer hieraus Salben oder Tabletten kaufte, der tat es ohne Gewähr auf den erhofften Heilerfolg. Ein solcher Schrank war nicht nur im Geschäft des Kaufmanns Henke in Jördenstorf, sondern in etlichen anderen Dörfern anzutreffen – so auch bei uns in Vietschow bei Bernhard Lau, einem Kaufmann für Lebensmittel und Inhaber einer Gastwirtschaft.

Im Hause Lau herrschte genaue Arbeitsteilung. Die Gastwirtschaft und einige Hektar Acker- und Waldland waren der Bereich von Bernhard Lau. Nebenbei amtierte er auch noch bis kurz vor Kriegsende als Bürgermeister der Gemeinde Vietschow. Außerdem war er für die Abteilung Heilmittel und Drogen zuständig – allerdings gab es auch die Beratung nur ohne Gewähr. Fürs Erste aber sparten sich die Einwohner des Dorfes die Fahrt zum Arzt nach Teterow.

Hedwig Lau, die zweite Ehefrau des Bernhard Lau, war eine resolute Person, die, aus Düsseldorf stammend, irgendwie in Vietschow gelandet war. Sie war als Kauffrau für das Ladengeschäft zuständig. Das Sortiment waren die Dinge des täglichen Bedarfs: Zucker, Mehl, Grieß und mehr, aber auch Seife und Waschpulver. Die Vierfruchtmarmelade aus einem Blecheimer wurde abgewogen. Eine Zeigerwaage gehörte deshalb zum unentbehrlichen Inventar. Ein Elektro-Kühlschrank, in den 30er-Jahren noch eine Besonderheit, stand ebenfalls im Geschäft. Allerdings blieb der Umsatz bei den nur 250 Einwohnern in Vietschow und dem Nachbardorf Stierow bescheiden, zumal in Nachbarorten ebenfalls Kolonialwarenhändler ansässig waren.

Für uns Dorfkinder war an Regentagen der „Drogenschrank“ ein Anziehungspunkt. Von besonderem Interesse war das Buch „Der Weg zur Gesundheit“. Bernhard Lau hatte es sich angeschafft, um als Medizinberater wirksam in Erscheinung zu treten. Die beigefügten Schautafeln mit den aufklappbaren Körperteilen faszinierten uns. So bekam man beim Aufklappen der papiernen Bauchdecke einen grausigen Einblick in die menschlichen Gedärme.

Während der Zuteilwirtschaft der Kriegsjahre fehlten immer häufiger Medikamente. Dank der „Heilkunst“ von Bernhard Lau gab es jedoch Alternativen. Gegen Kopfschmerzen wurden ganz einfach Ohren- oder Nasentropfen eingesetzt – schließlich befanden sich ja auch diese Körperteile am Kopf. Bauchschmerzen versuchte man mit der „Schwarzen Heil- und Zugsalbe“ zu bekämpfen. Hoffmannstropfen waren ein Heilmittel gegen vielerlei Wehweh – und seltsamerweise sollen die Alternativen oftmals sogar geholfen haben.

 


 

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erstellt am 26.Nov.2016 | 00:00 Uhr

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