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Mecklenburg Magazin

11. Dezember 2016 | 05:12 Uhr

Lederfabrikant Jean Pierre Perriard : Die Felle wegschwimmen sehen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

1771 baut der französische Lederfabrikant Jean Pierre Perriard an der Elde bei Dömitz eine Lohgerberei auf

Nachdem die bei Dömitz an der Elde gelegene „Eisenfabrique“, wie sie nach damaliger französischer Lesart genannt wurde, 1770 aus wirtschaftlichen Gründen einge-gangen war, entstand in den dortigen Anlagen bereits ein Jahr später eine Lohgerberei. Der französische Lederfabrikant Jean Pierre Perriard hatte 1771 begonnen, die bereits vorhandene Mühlenanlage und weitere Gebäude der ehemaligen Eisenfabrik an der Elde zu einer Walkmühle umzurüsten und als sogenannte „Lederfabrik“ auszubauen.

Eine Lederfabrik der damaligen Zeit hatte eher die Dimension einer Manufaktur. Sie bestand vor allem aus Vorrichtungen, an denen Arbeiten wie Weichen, Entfleischen, Enthaaren und Beizen vorgenommen wurden. Hinzu kam der Gerbprozess selbst. Zum Schluss ging es „dem Leder dann ans Leder“ – in Form von Falzen, Weichmachen, Fetten und Zuschneiden.

Da insbesondere die ersten beiden Arbeitsschritte ziemlich unerträgliche Geruchsbelästigungen mit sich brachten, ordneten die mecklenburgischen Herzöge schon frühzeitig das Anlegen von Gerbereien nur noch außerhalb der Städte an. Der Standort, mehrere Kilometer vor Dömitz, aus dem sich später das Dorf Neu Kaliß entwickelte, verfügte über ein qualitativ gutes Elde-Wasser. Es war für den Mühlenbetrieb und für die Reinigung der Häute dort in ausreichender Menge vorhanden. Da der französische Lederfabrikant früh starb, übernahm Jens Christian Woht, ein Müllersohn aus Kopenhagen, die Lohgerberei an der Elde als Pächter.

Eine wichtige Voraussetzung zum Gerben des Leders war die Herstellung der Lohe, die den eigentlichen Gerbprozess beförderte. Die Lohe wurde aus den gerbstoffrei-chen Rinden von Eichen, Fichten oder Buchen gewonnen, die zu diesem Zweck in einer Lohmühle zerkleinert werden mussten.

Bereits 1776 hatte der Lederfabrikant Perriard den Herzog ersucht, ihm für die Herstellung benötigter Lohe aus den herzoglichen Forsten jährlich zwölf Faden Eichen- oder Buchenholz zur Verfügung zu stellen. Zur Herstellung von 50 Kilogramm lohgaren Leders benötigte der Lederer etwa 200 bis 250 Kilogramm Lohe. Neben der Lohgerberei, so lässt sich einem alten Erbpachtkontrakt entnehmen, erbaute oder übernahm 1785 Johann Gottlieb Davids ein weiteres Mahlwerk und betrieb damit bedarfsweise eine Öl- bzw. Walkmühle.

Auch die Walkmühle war für den Produktionsprozess der Lederherstellung unabdingbar, denn bevor die Häute zum Gerben in die Lohbrühe eingelegt werden konnten, waren zuvor weitere zeitaufwendige Arbeitsschritte erforderlich.

Erst nach dem Abhängen im Elde-Kanal (Wässern), der Grobreinigung mit dem Schabeisen auf dem Schabebaum und dem Kalken der Felle in einem Escher wur-den diese etwa drei Wochen später enthaart und dann mit Asche vorbehandelt. Übri-gens steht die Redensart, dass jemandem die Felle wegschwimmen, für das Pech des Lederers, dem die im fließenden Wasser sich aus der Befestigung lösenden Felle verloren gingen.

Nach diesen Arbeitsgängen folgten die Feinsäuberung der Fleischseite, das Ausstreichen und schließlich das Walken in der Walkmühle. Auf diese Tätigkeit beziehen sich die Redensarten „jemanden ordentlich durchwalken“ oder „jemandem das Fell gerben“.

Immer wieder werden die Häute gewaschen und schließlich geschwellt und gebeizt, wodurch sie die Eigenschaft erhalten, die Gerbsäure aufzunehmen. Mehreren Wochen später wurden die Häute zu Partien von 30 bis 35 Häuten wechselweise mit der in der Lohmühle zerkleinerten Baumrinde (Lohe) in die bis zu 2,5 Meter tiefen, wegen der Arbeitserleichterung in die Erde eingelassenen Eichenbottiche, eingeschichtet. Nach mehreren Wochen wurde die Grube entleert und die angegerbten Häute mit frischer Lohe in die Grube erneut eingelegt. Bei all diesen Arbeiten trugen die Lohgerber wegen der stetigen Nässe Holzpantinen, lange Stulpenschäfte und schwere Lederschürzen. Die Arbeiten der Lohgerbergesellen waren körperlich anstrengend und wegen des Umgangs mit rohen Häuten und der ständigen Nässe auch gesundheits- und lebensgefährdend (Rheuma, Verätzungen, Geschwüre, Tuberkulose, Tod durch Milzbrand).

Möglicherweise hing auch der frühe Tod des Lederfabrikanten Perriard mit diesen ungünstigen Berufsbedingungen zusammen. Auch der frühe Tod seines Nachfolgers Christian Wood im Jahr 1795 mag den gesundheitlichen Risiken seines Gewerbes geschuldet gewesen sein. Wie lange die Lohgerberei von der Witwe und ihrem Sohn noch fortgeführt wurde, ist nicht bekannt. Die angeschlossene Walkmühle aber wird noch 1799 von der Walkmüllerwitwe Christina Groth betrieben.

Sie verkauft den Mühlenbetrieb im gleichen Jahr an den Papiermüller Johann Friedrich Idler aus Schlagsdorf bei Ratzeburg. Der Papiermüller Idler begründete 1799 die nunmehr über zweihundertjährige Papierproduktionsgeschichte im heutigen Neu Kaliß.
 

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erstellt am 15.Okt.2016 | 00:00 Uhr

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