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Mecklenburg Magazin

03. Dezember 2016 | 03:30 Uhr

Brauchtum : Bräuche rund um die Haselnuss

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wegen seines Aussehens und der Kraft spendenden Wirkung wurde der Haselstrauch mit Liebe und Erotik in Zusammenhang gebracht

Der Haselstrauch gehört seit alters her zu den verehrten und begehrten Pflanzen in vielen Teilen der Welt. Seine Früchte sind überaus beliebt. Sie wandern gehackt und gemahlen in Frühstücksaufstriche, Schokolade und Kuchen. Im Dezember gehören Haselnüsse zur Weihnachtsbäckerei wie Puderzucker zu Vanillekipferl.

In Mecklenburg wachsen viele Haselsträuche in Wäldern und Gehölzen, Parks und Gärten. Unsere Vorfahren widmeten dem Strauch viel Aufmerksamkeit, so wie auch dem Holunder und dem Wacholder. Vor allem das frühe Blühen, gelegentlich schon im Februar, die Bekömmlichkeit der Nüsse, die Bedeutung der Haselruten und Haselstöcke, die biegsamen Zweige als Flechtwerk - all das machte die Haselnuss zu einer in früheren Zeiten hoch geschätzten Pflanze.

Hierzulande galt die Haselnuss als ein wichtiges Heilmittel gegen das Fieber. Dazu musste die Nuss in zwei Teile zerlegt und der Kern entfernt werden. In die leere Schale kam eine lebende Spinne. Die Nuss wurde wieder mit einem Faden dreimal geknotet, verschlossen und dann um den Hals gelegt, so dass die Nuss mit der Spinne gerade die Herzgrube berührte. Nach zwei Tagen übergab der oder die Kranke die Nuss einem fließenden Gewässer, und das Fieber war weg.

Auch im Hexenglauben, der sich bekanntlich in Mecklenburg recht lange hielt, spielte der Haselstrauch eine Rolle. Alte Urkunden berichten von dem Bekenntnis einer der Hexerei beschuldigten Frau aus dem Jahre 1587. Nach einem Rostocker Ratsprotokoll aus jener Zeit hatte diese Frau mit Namen Gertrud Schwarthe zugegeben, dass sie zwei Haselruten benutzt habe, um festzustellen, ob es mit einem Kranken gut oder böse stehe. Andererseits sollte dieser Strauch gleichwohl ein Mittel gegen Zauber und Hexerei darstellen und besondere Kräfte vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang entfalten, um bösen Zauber abzuwenden. Bei Haustieren konnte die Blüte dieser Nuss Gutes bewirken.

In Hanstorf bei Doberan gaben die Bauern ihren Pferden die Blütenkätzchen der Nuss unter das Futter, um die Tiere mutig und stark zu machen. Bei den Kühen sollte Gleiches bessere Milcherträge ergeben. Schließlich sei an die plattdeutsche Volksüberlieferung erinnert: „De Wünschelraud mütt Johannisdag von ’ne Hassel schneden warden“. Mit der Haselnussrute oder einem Blatt von diesem Strauch glaubte man zudem, sich vor Schlangenbissen schützen zu können. Andere Methoden in der Volksmedizin waren die blutstillende Wirkung eines frisch geschnittenen Haselzweiges oder die Bekämpfung der Warzen damit.

Haselstöcken und –ruten wurden ferner wichtige Eigenschaften zugeschrieben. Sie halfen gegen Geister und Vampire und sollten Gefahren auf langen Wegen, Wanderungen und Kriegszügen abwehren. Bei all dieser Bedeutung blieb es nicht aus, dass die Nuss auch in Märchen vorkommt. Die bekanntesten sind wohl „Drei Haselnüsse für Aschenputtel“ oder „Nussknacker und Mäusekönig“. Das Aschenputtelmotiv ist übrigens seit der Antike bekannt und in etwa 400 Variationen in der ganzen Welt verbreitet.

Es gibt obendrein noch eine Menge Sprichwörter, in denen sich alles um die Nuss dreht: „Gott schenkt die Nüsse, aber er knackt sie nicht“. Oder: „Mit jemandem ein Nüsschen zu knacken haben“, „Jemand eins auf die Nuss geben“ oder „Du bist eine taube Nuss“.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Haselnuss aufgrund ihrer Lebenskraft und Fruchtbarkeit mit Liebe und Erotik in Zusammenhang gebracht wurde. Vielleicht auch deswegen, weil oft zwei Nüsse innig zu einem Paar zusammengewachsen sind. Mit jemandem „in die Haseln gehen“ bedeutete, seinen Liebsten oder seine Liebste heimlich zu besuchen. Ähnliche pflanzliche Bilder dafür waren mit jemandem „ins Heu gehen“ bzw. „Erdbeeren pflücken“ und „Rosen brechen“.

Zudem wurden Haselstauden zum Liebes- und Eheorakel benutzt. Eine ganz besondere Eigenschaft schrieb man dem Haselstock zu: Er lässt Kraftströme fließen. So entstand die Wünschelrute, mit der man auf Suche nach Schätzen, Metalladern und Quellen ging und gelegentlich fündig wurde. Die Wünschelrute hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Weihnachten ohne Hasel- und Walnüsse, das gab und gibt es wohl nicht in Mecklenburg. Die Nüsse galten als ein Geschenk der Liebe.

Vor gar nicht langer Zeit noch mit Gold- und Silberpapier umwickelt, waren die Nüsse eine Zierde an jedem Weihnachtsbaum. Fritz Reuter beschreibt in seiner „Stromtid“ einen Weihnachtsabend in einem mecklenburgischen Pastorenhaus, wo auf den Gabentischen neben Äpfeln und Pfeffernüssen auch die richtigen Nüsse lagen. Zu Silvester gab es neben dem Bleigießen den Brauch, dass zwei junge Leute, die eine Walnuss knackten, in jede Hälfte ein winziges Wachslicht stellten und diese in eine Schale mit Wasser setzten. Sollten beide „Gefährte“ sich berühren, gäbe es eine Hochzeit des jungen Paares. Versank aber eine Hälfte, drohte ein Unglück.

Peter Gerds

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