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Mecklenburg Magazin

09. Dezember 2016 | 08:49 Uhr

Bildung MV : Ausflug in die Schulgeschichte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Generationen von Schülern wuchsen mit der „Fibel zum Mecklenburgischen Lesebuch“ auf

Vor hundert Jahren erschien in Schwerin die „Fibel zum Mecklenburgischen Lesebuch“ in, man staune, 22. Auflage von L.W. Steuer. Neu bearbeitet von Hans Plagemann, versehen mit etlichen Federzeichnungen des Hofbildhauers Buchholz. Auf den ersten 15 Seiten werden einzelne Buchstaben behandelt, in Schreibschrift und Druckschrift. Hübsch mit Bildern erläutert – H für Hase, L für Löwe, M für Mühle, K für Kamm und Kuh oder F für Fahne.

Im zweiten Abschnitt des Buches werden derweil schon ganze Wortreihen im gleichen Klang oder mit gleichem Anfangsbuchstaben gelernt. Also: sein, fein, nein, kein, mein bzw. Zeile, Zeit, Zaum, Zaun und Züge. Die Kinder schreiben nun schon ganze Sätze. Allerdings fehlen im Alphabet für die erste Klasse die beiden Buchstaben x und y. Neben den Selbstlauten a, e, i, o und u lernen die Jungen und Mädchen auch die Doppellaute ae, oe, ue, ei, ai, eu, äu, und au.

Über einen Satz und einen zweiten und einen dritten gelangen die Schüler nun dahin, dass sie eine kleine Geschichte schreiben, wie etwa: „Den Roggen schüttet man in Säcke. Die Müller mahlen ihn zu Mehl. Aus dem Mehl backen die Bäcker Brot“. Im Anschluss an die Schreibübungen machen sich die Kinder ans Lesen von kleinen Tiergeschichten, Gedichten, Rätseln, Gebeten, den zehn Geboten, Fabeln, Sprüchen und Liedern.

Weggelassen wurde in der Fibel von Steuer der pädagogische Teil. 100 Jahre zuvor hatte der Rostocker Georg Detharding darauf viel Wert gelegt. So heißt es in seiner „Fibel oder Schul-Buch zum Buchstabiren für die Schulen der Gemeinde St. Jacobi in Rostock“: „Gute Kinder sind in der Schule still, sind lernbegierig, aufmerksam auf das, was der Lehrer sagt, fragen höflich nach allem, was sie nicht verstehen.“ Vor allem spielen sie nicht mit Würfeln, Karten und Geld. „Böse Kinder gehen nicht gern in die Schule, bleiben ungeschickt…“

Den Eltern wurde empfohlen, auf Fleiß, Sauberkeit und Ordnung zu achten und den Kindern nicht alles zu geben, was sie haben möchten, „vor allem keinen Branntwein.“

Schule und Schulwesen spielten in der entsprechenden Literatur im 18./19. Jahrhundert eine große Rolle. Einen kleinen Einblick vermittelt die 1837 von Heinrich Burmeister verfasste Schrift mit dem Titel „Urkundliche Geschichte der Schulen in Wismar“.

Der Autor weist für die Hansestadt die erste Schule 1278 nach, als Fürstin Anastasia, die Gemahlin von Heinrich dem Pilger, dem Rat zu Wismar das Patronat der Schulen (Fächer Religion, Latein, Schreiben, Lesen) an St. Nikolai und St. Marien vermachte. Aufschlussreich ist das Standardwerk „Geschichte der Volksschule in Mecklenburg Schwerin“ von Hans Voß, das 1893 erschien. Über eine öffentliche deutsche Schule in Rostock ab 1488 berichtete Friedrich Lisch, die von den „Brüdern des Gemeinsamen Lebens“ (im Volksmund Michaelisbrüder genannt) betrieben wurde. Die Bruderschaft lebte in eigenen Stadthäusern, ohne an ein Gelübde gebunden zu sein. Die Mitglieder verdienten ihren Unterhalt durch ihrer Hände Arbeit mit dem Abschreiben von Texten und waren in Rostock Begründer der Druckerei.

Zwei der Mönche wurden 1488 als Schulmeister bestellt, die in ihrem Haus eine Schule betrieben.1534, drei Jahre nach der Reformation in Rostock, übergab der hiesige Magistrat den Brüdern den Auftrag zur Errichtung einer neuen Schule, nun unter reformatorischem Vorzeichen.

Insgesamt aber bleiben die Aufzeichnungen spärlich, vor allem über lateinische Stadtschulen vor der Reformation. Das änderte sich nach dem gewaltigen Umbruch durch Luther in Mecklenburg vor allem durch den Rostocker Joachim Slüter (1491-1532). Mit diesem Datum begann auch ein neues, wenngleich wechselvolles Kapitel in der Schulgeschichte mit mehr Tiefen als Höhen, vor allem auf dem Lande. Der eigentliche Anstoß zu einer Reform der mecklenburgischen Volksschule ist ab etwa 1830 anzusetzen. Aus dieser Zeit stammt dann schließlich ein recht vielseitiges Angebot an Schulbüchern. Eines soll etwas näher betrachtet werden – das Lese- und Lehrbuch für Volksschulen in Mecklenburg“, erschienen 1831.

Das Buch beginnt mit einfachen Sätzen, die die Kinder in den ersten Jahren – etwa bis zur 4. Klasse gelernt haben. Führt hin zur Vertiefung der Rechtschreibung, leitet über zu verbundenen Sätzen und bringt den Lernenden dann Begriffsbestimmungen bei. Zum Beispiel mit den Begriffen Weg, Bahn, Straße, Pfad und Pass. Den Weg kann man zu Wasser und Lande nehmen, es gibt gute und schlechte Wege, und die Vögel nehmen ihren Weg durch die Luft. Eine Bahn ist ein zubereiteter Weg, worin ein Körper bleiben muss wie in Schlitten-, Kegel- und Laufbahn. Straße ist vor allem geprägt durch die Pflasterung, es gibt aber auch die Milchstraße. Ein schwieriger Übergang durch das Gebirge ist der Pass, und auf dem Pfade, neben der Straße, lässt es sich sicher und gut marschieren.

So die kurzen Erklärungen für die Kinder. Ein anderer Begriff hat mit dem Sitzen zu tun, auf Bank, Schemel, Stuhl oder Sessel. Schließlich wird das Lesen dann anhand von Erzählungen, Märchen, Liedern, Gebeten und Sprichwörtern intensiviert. Gottesglaube, Treue, Redsamkeit, Gehorsamkeit, Zufriedenheit mit dem, was man hat, Liebe zu den Eltern und der Obrigkeit und Freundschaft stehen dabei weitgehend im Mittelpunkt der Texte.
 

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erstellt am 08.Okt.2016 | 00:00 Uhr

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