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Mecklenburg Magazin

03. Dezember 2016 | 20:49 Uhr

Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Aus dem Lande „Rübezahls“ nach Mecklenburg

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Christa Laudahn aus Boizenburg erlebte die Vertreibung aus dem Sudetenland. Noch heute träumt sie von der alten Heimat

Auf dem Försterberg in Maffersdorf bei Reichenberg, jetzt Vratislavice Liberec, Tschechische Republik, verlebte ich eine unbeschwerte Kinderzeit. Der 8. Mai 1945, der Krieg war endlich aus.

Aus dem Radio erfuhren wir, dass alle Deutschen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Sudetenland ausgesiedelt werden sollten. Ein Schock für uns alle! Russische Soldaten besetzten unseren Ort. Viele Landsleute wurden über die Grenze gejagt, über die Elbe bei Bodenbach, nach Österreich, nach Sachsen. Viele davon starben unterwegs, vor allem alte Leute und Kinder. Nach etlichen Raubzügen von Banden wurde die Aussiedlung planmäßig durchgeführt. Wir durften noch bis September 1946 bleiben, allerdings nicht mehr in unserem Haus. Jeder tschechische Bürger konnte sich ein Anwesen aussuchen und in Besitz nehmen von uns Deutschen.

Neben der Tätigkeit meines Vaters als Schmied betrieben wir eine Landwirtschaft. Die obere Etage unseres Hauses bewohnte eine fünfköpfige Familie. Zusammen mit unseren Mietern mussten wir unser Haus verlassen und durften nur wenige Habseligkeiten mitnehmen. Wir hatten friedlich zusammengelebt, Deutsche und Tschechen, unsere Mieterin war ebenfalls Tschechin. Plötzlich verstanden einige Leute kein Deutsch mehr. Wir mussten weiße Armbinden tragen und uns einen Film über die Greueltaten in KZ ansehen. Erst dann erhielten wir Lebensmittelkarten.

Ab Mai 1946 wurde ich bei einem tschechischen Bauern zur Zwangsarbeit verpflichtet. Die Bäuerin war während der Heu- und Getreideernte verreist. Ich fragte mich: Was habe ich verbrochen? Warum muss ich hier so schuften? Ich musste zum Beispiel Heu stapeln, Getreidegarben binden, auf- und abladen, auf dem Dreschkasten arbeiten, die Ställe ausmisten. Ende August 1946 wurden wir in das Auffanglager Habendorf bei Reichenberg eingewiesen und durften pro Person 50 Kilogramm unserer Habe mitnehmen. Im Lager herrschten katastrophale Zustände. Plumpsklo im Freien, Läuse, Wanzen... Am 3. September ging es ab in Richtung Deutschland. Gleich hinter der Grenze warfen wir unsere weißen Armbinden weg. Nach langer Fahrt erreichten wir den Ort Grevesmühlen und wurden in das ehemalige Kriegsgefangenenlager Questin einquartiert.

Wie sah es im Lager aus? Lange Baracken, keine Bettgestelle, nur Stroh und Ungeziefer. Nach dreiwöchiger Quarantäne und Entlausung wurden wir wiederum in Güterwagen verfrachtet. Wir erreichten Boizenburg und wurden von hier in die Dörfer aufgeteilt. Nach langer, langer Fahrt, keine Berge oder Hügel, überall Sandwege, erreichten wir in Granzin-Ausbau, drei Kilometer vom Dorf entfernt, den Hof von Großbauer Lau, der uns seine Altenteilwohnung – eine kleine Küche und ein Zimmer – zur Verfügung stellte. Meine erste große Freude: Vor unserem Fenster stand ein großer Apfelbaum, überall lagen reife Äpfel. Eine Enttäuschung: Wir konnten die Bewohner nicht verstehen, sie sprachen plattdeutsch, die Kinder allerdings sprachen hochdeutsch.

Von Familie Lau wurden wir geachtet. Abends saßen wir während der Stromsperren oft zusammen, sangen Lieder, spielten Karten. In Boizenburg, einer idyllischen Kleinstadt an der Elbe, habe ich meine zweite Heimat gefunden, obwohl ich noch oft in meinen Träumen auf meinen Försterberg hinaufwandere.

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