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Mecklenburg Magazin

03. Dezember 2016 | 16:43 Uhr

Historie : Als der Aufstieg Schwerins begann

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Schwerinerin Dora Strempel schreibt über ihre Jugenderinnerungen, die in die Mitte des 19. Jahrhunderts fallen

Eine Schwerinerin berichtete im November 1916 in der Mecklenburgischen Zeitung über ihr Leben in ihrer Heimatstadt. Es war die Bürgermeistertochter Dora Strempel, die unter dem Pseudonym Detlef Stern schrieb. Dora Strempel war Pädagogin und Schriftstellerin und stammte aus einer höher gestellten Familie. Sie wurde am 11. November 1837 in Schwerin geboren und verstarb dort am 19. November 1919. Ihr Vater, ein Polizeisenator, Jurist und Bürgermeister, war mit Herzog Paul Friedrich befreundet. Dora Strempels Erinnerungen gehen über 70 Jahre zurück, eine Zeit, in der Schwerin noch eine kleine Stadt war und Dora Strempel ein kleines Mädchen.

In ihrem Bericht aus dem Jahre 1916 erinnert sie sich daran, dass es nur noch wenige Einwohner gibt, die als Zeitzeugen diese Epoche miterlebten. Die Autorin des Artikels berichtet, dass nachdem Paul Friedrich 1837 die Regierung angetreten hatte, der Aufstieg Schwerins begann. „Die Alexandrinenstraße entstand da, wo sich Kartoffelfelder und Gärten ausgebreitet hatten. Der Bau des Zeughauses und des Krankenhauses wurde begonnen.“

Aus den Erzählungen ihres Vaters erinnerte sich Dora Strempel, dass die sechs neu eingeführten Droschken untätig auf dem Markt warteten, da niemand sich entschließen konnte, sie zu benutzen. Ihr Vater, dem Paul Friedrich geneigt war, klagte als Polizeisenator dem Herzog die Erfolgslosigkeit der neuen Einrichtung. „Das wollen wir bald ändern, kommen Sie Strempel, wir setzen uns in eine offene Droschke und fahren damit durch die ganze Stadt. Von diesem Tag an waren die Droschken in Schwerin ein begehrtes Verkehrsmittel. Die Regierungszeit Paul Friedrichs war eine kurze. Als er starb (7. März 1842), weinte mein Vater, den ich nie hatte weinen sehen.“ In der Zeit, in der die sechsjährige Dora eingeschult wurde, hatte die Schule nur vier Klassen. Etwas später wurde eine fünfte Klasse eingerichtet. Neben ungelernten Damen unterrichteten junge Kandidaten der Theologie. Unter ihnen befand sich der Kandidat Kliefoth, später Seminardirektor in Neukloster und Bruder des Oberkirchenrats.

„Seiner Anregung verdanke ich meine erste schriftstellerische Bildung. Ich befand mich damals schon in der zweiten Klasse, schrieb Aufsätze, die ihn wohl das schriftstellerische Talent in mir entdecken ließen und ihn veranlassten, dies in jeder Weise zu fördern.“

Zwischen März 1848 und Juli 1849 kam es zur Revolution im Deutschen Bund. Dora Strempel berichtete, dass es 1848 auch in Schwerin kriselte. An einem Märztag befand sie sich mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zum Tee bei einer benachbarten Familie. Plötzlich kam es draußen zu einem Auflauf.

„Eine Bande mit Laternen zog den Großen Moor entlang. Vor dem Hause machte die Bande halt. Steine wurden aus dem Pflaster gerissen und ein Bombardement auf unsere Fenster begann. Wie lange der Spektakel dauerte, weiß ich nicht mehr. Gegen 10 Uhr schickte mein Vater einen Stadtdiener und ließ uns nach Hause holen. Da sah es schön aus. Die Fensterläden waren durch Steinwürfe zerschlagen, kein Fenster war heil, auch im Oberstock nicht, und die Gardinen in meines Vaters Zimmer hatten große Löcher“, so Dora Strempel.

Ihr Bruder und die Köchin waren über den Zaun geflüchtet. Der Diener berichtete, dass ein paar Hauptkrakeeler die Treppe herauf gestürmt seien und mit Fäusten die Tür ihres Vaters bearbeitet hätten. Dieser befand sich im Rathaus in einer Konferenz. Nachdem Bürgerwehr und Militär Ruhe geschafft hatten, kehrte er heim. Nach diesen Unruhen wurden strengere Maßregeln getroffen. Es durften nur drei Leute auf der Straße zusammenstehen und die Bürgerwehr kontrollierte am Abend und in der Nacht die Straßen. Es kam aber in der Folgezeit in Schwerin immer wieder zu Unruhen und Schlägereien, die auch ein Opfer forderten. Der dicke Herbergsvater, der sich aus Angst durch ein kleines Fenster gezwängt hatte, starb wenige Tage später.

„Mein Vater hat treu zu seinem Großherzog gestanden und ist ihm in dem unruhigen Jahre 1848 ein kräftiger Beistand gewesen. Den Ruhestörern war er ein Dorn im Auge“, schreibt Dora Strempel. Im Jahre 1849 hielt Großherzog Friedrich Franz II. mit seiner ersten Gemahlin seinen Einzug in Schwerin.

„Das war ein Fest für uns Kinder. Eifrig wurden die Bilder mit den mecklenburgischen Volkstrachten studiert, um danach ganz genau unsere Einzugsanzüge zu fertigen. Da gab es Rehnaer, Biestower oder Warnemünder Trachten. Am Ehrenbogen, der zwischen dem Stadthaus und dem Neuen Gebäude errichtet war, hatten wir unsere Aufstellung. Dort hielt die großherzogliche Einzugskutsche und das Paar nahm die Begrüßung des Magistrats entgegen. Ehe der Neubau des Schlosses begann, bewohnte Großherzog Friedrich Franz II. einen Teil des alten Schlosses. Damals fanden im Schloss noch große Festlichkeiten statt“, heißt es weiter in dem Bericht.

Nach dieser Zeit enden die Aufzeichnungen von Dora Strempel. Sie schließt ihre Erinnerungen mit den folgenden Worten: „Dies sind die Erinnerungen aus meiner Jugendzeit. Mein späteres Leben führte mich in weite Fernen und erst im hohen Alter kehrte ich in meine Vaterstadt zurück. Ihre Einwohnerzahl ist bis heute um mehr als das Doppelte gewachsen und Leben und Treiben haben völlig andere Formen angenommen, in die sich mein altmodischer Verstand schwer hineinfügt.“

 


 

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erstellt am 05.Nov.2016 | 00:00 Uhr

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