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Mecklenburg-Vorpommern

11. Dezember 2016 | 12:53 Uhr

Fragen und Antworten : Männer in MV haben höchstes Krebsrisiko

vom
Aus der Onlineredaktion

Politiker Peter Hinze und Moderatorin Miriam Pielhau, Popstar David Bowie und „Harry-Potter“-Star Alan Rickman: 2016 scheint ein Jahr der Krebs-Tode zu sein. Zeit, sich daran zu gewöhnen?

Die Zahl der Krebsneuerkrankungen hat sich in Deutschland seit 1970 fast verdoppelt. 2013 erkrankten etwa 482 500 Menschen an bösartigen Tumoren, wie aus dem heute erstmals vom Bundesgesundheitsministerium vorgestellten „Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland“ hervorgeht.

Als ein Hauptfaktor dafür werden demografische Veränderungen genannt: Gibt es mehr Ältere in der Bevölkerung, werden Krebserkrankungen häufiger.

Mecklenburg-Vorpommern macht keine Ausnahme. Nach neuesten Auswertungen der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland (GEKID) waren 2013 landesweit 11064 Menschen an bösartigen Tumoren erkrankt – das sind 16 Prozent mehr als noch zehn Jahre zuvor.

Besorgnis bei Medizinern löst vor allem das hohe Krebsrisiko bei Männern im Nordosten aus. 492,2 Neuerkrankungen auf 100000 männliche Einwohner sind trauriger Rekord in Deutschland – der Bundesdurchschnitt liegt bei 454,8 Erkrankungen. Ungesunde Lebensgewohnheiten machen aus Sicht der Experten den Unterschied aus. „Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern sind die stärksten Raucher in Deutschland und erkranken entsprechend häufig an Lungenkrebs“, begründete Dr. Sibylle Kohlstädt vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg das Phänomen gegenüber unserer Redaktion. Lungenkrebs ist die zweithäufigste Krebsart bei Männern und die dritthäufigste bei Frauen. „Damit wird deutlich, dass sich das Rauchen ganz klar auf die Rate der Neuerkrankungen auswirkt“, sagte Dr. Kohlstädt.

Laut Krebsatlas haben Frauen in MV im Bundesvergleich ein geringes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Mit 106,7 Neuerkrankungen auf 100  000 Frauen hatte der Nordosten 2013 hinter Sachsen-Anhalt (95,7), Thüringen (96,3), Brandenburg (99,6) und Sachsen (103,5) einen der niedrigsten Werte. Eine Erklärung sehen Experten darin, dass in der DDR Frauen früher Kinder bekamen, sie länger stillten und weniger Hormone nahmen.

Positiver Trend: Die Zahlen der Krebserkrankungen des Darms und des Magens sind in den letzten Jahren in Mecklenburg-Vorpommern deutlich rückläufig.

Die Angst-Krankheit

Experten am Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin haben Bundesländer-Daten  zusammengetragen und einen übergreifenden Bericht zum Krebsgeschehen geschrieben. Gisela Gross hat einige Details aus dem 270-Seiten-Report zusammengestellt.

Erkranken und sterben mehr Menschen an Krebs?

Ja und ja. Das Erkrankungsrisiko nimmt bei vielen Krebsarten mit zunehmendem Alter zu – damit steigen in der älter werdenden Gesellschaft Deutschlands die Fallzahlen. Es gab zuletzt fast doppelt so viele Neuerkrankungen wie 1970: Rund 253 000 Männer und 230 000 Frauen bekamen 2013 Krebs-Diagnosen. Während 1980 noch 193 000 Menschen an Krebsfolgen starben, waren es 2013 knapp 223 000.

Dabei gibt es regionale Unterschiede: Baden-Württemberg hat bei beiden Geschlechtern die niedrigste Krebssterblichkeit. Es gibt Bundesländer, deren Werte je nach Geschlecht 25 beziehungsweise 35 Prozent höher liegen.

Woran liegt das?

Vermutlich an einer gesünderen Lebensweise im Südwesten, wie Andreas Stang sagte. Er ist Beiratsvorsitzender des Zentrums für Krebsregisterdaten, an dem der Bericht verfasst wurde. Baden-Württemberg sei wirtschaftlich stark, nur wenige Menschen seien arbeitslos. Solche Umstände machten sich im Lebensstil bemerkbar.

Welcher Lebensstil hilft denn bei der Krebs-Vorbeugung?

Viele Krebsfälle gelten als vermeidbar – 30 Prozent weltweit werden angenommen. Als ungesund und damit auch krebsförderlich gelten Rauchen und Alkoholkonsum, Übergewicht und Bewegungsmangel. Beim Essen beobachten die Fachleute, dass die Deutschen zu wenig Obst und Gemüse essen, aber zu viel rotes Fleisch. Vorbeugen lasse sich zudem mit Schutzimpfungen gegen Humane Papillomviren (HPV) und Hepatitis B. 

Haben alle Patienten eine höhere Lebenserwartung?

Die Aussichten unterscheiden sich von Krebsart zu Krebsart. Im Bericht sind insbesondere Bauchspeicheldrüsen- und Leberkrebs als Formen genannt, bei denen sich bisher keine Verbesserungen abzeichnen. Stattdessen: steigende Fallzahlen und kaum veränderte Sterblichkeitsraten.  Auch allgemein betonten die Experten: Weder mit Prävention noch mit Medizin-Fortschritt wird Krebs in absehbarer Zeit gänzlich beizukommen sein.

Was bringt Früherkennung?

„Derzeit haben nur Untersuchungen zur Früherkennung von Darm- und Gebärmutterhalskrebs das Potenzial, [...] das Risiko einer Krebserkrankung deutlich zu verringern“, schreiben die Experten. Es ist geplant, dass Versicherte in Zukunft persönlich zur Früherkennung dieser beiden Krebsarten eingeladen werden, sagte Gröhe.

Was sagt der Bericht über die umstrittene Mammografie?

Über die zwischen 2005 und 2009 flächendeckend eingeführten Reihenuntersuchungen gibt es noch kein endgültiges Urteil. Die Experten formulieren zurückhaltend: Es sei ein „erster Hinweis für einen positiven Effekt“, dass Tumore in der Altersgruppe der 50- bis 69-Jährigen durch das Screening in einem früheren und kleineren Stadium entdeckt werden als vor Beginn des Screenings.

Infografik: Immer mehr Menschen erkranken an Krebs | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista 

Kommentar "Chancen und Hoffnung" von Andreas Herholz

Beinahe jeder kennt einen, es gibt heute kaum eine Familie mehr, in der es keinen Krebskranken gibt. Es sind schwere, mit viel Leid und Schmerz verbundene Schicksale.  Bereits vor 40 Jahren forderten Ärzte eine umfassende bundesweite Analyse zu dieser bösartigen Krankheit. Seitdem hat sich die Zahl der Neuerkrankungen verdoppelt. Die erste umfassende Studie liefert erschütternde Ergebnisse, macht aber auch Hoffnung.

Dass die Zahl der Krebspatienten steigt, liegt heute vor allem auch an der immer höheren Lebenserwartung. Von der Vorbeugung durch gesunden Lebenswandel, der Früherkennung über Therapiemöglichkeiten bis hin zu den Heilungs- und Überlebenschancen hat sich viel zum Positiven getan. Dort, wo die Diagnose Krebs einst ein sicheres Todesurteil bedeutete, gibt es heute oft Chancen und Hoffnung, zumindest das Leben zu verlängern. Doch dürfen die Fortschritte der Medizin Forscher nicht ruhen lassen beim Versuch, die Krankheit früher und besser in den Griff zu bekommen, als derzeit möglich erscheint. In 30 Jahren etwa könnte dies nach Medizinermeinung der Fall sein. Bis dahin gilt es, dafür zu sorgen, beste Therapien  zu ermöglichen. Einer Pharmaindustrie, die bei der Entwicklung neuer Medikation  in Goldgräberstimmung ausbricht, müssen hier Grenzen in ihrer Preispolitik gesetzt werden.




 

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erstellt am 29.Nov.2016 | 19:45 Uhr

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