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Mecklenburg-Vorpommern

05. Dezember 2016 | 15:33 Uhr

Dokumentarfilm Boizenburg : Leben neben den Gleisen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Dieter Schumanns langer Dokumentarfilm „Neben den Gleisen“, der aus dem „Weltbahnhof mit Kiosk“ entstand, hat heute auf dem Dokfilmfestival in Leipzig Premiere

Eine Frau sitzt vor einem Spielautomaten und steckt Münze um Münze in das bunt blinkende Gerät. Als eine Stimme aus dem Hintergrund fragt, ob sie schon einmal etwas gewonnen habe, antwortet sie mit einem langgezogenen: „Nööööö.“ Es ist kein enttäuschtes norddeutsches Nein, auch kein resigniertes. Es steht am ehesten für ein gar nicht böse gemeintes: „So ist es halt.“

Die meisten anderen Stammgäste des Kiosks am Bahnhof in Boizenburg, die bei Bernd, dem Wirt, und seiner Frau Regina seit Jahren einen Pott Kaffee, ihre Zigaretten oder eine Flasche Bier bekommen, haben in ihrem Leben auch nicht viel gewonnen. Die einen hadern damit, die anderen haben sich damit abgefunden, die dritten suchen einen Sündenbock. Manch einer findet ihn in den Syrern, die auf ihrer Fahrt zur Zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge im nahegelegenen Horst in Boizenburg den Zug verlassen.

Die meiste Zeit bleiben die Kioskkunden unter sich. Der Dokumentarfilmer Dieter Schumann allerdings nimmt uns mit in ihren Mikrokosmos. „Neben den Gleisen“ heißt der Film, der heute auf dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm – kurz DOK Leipzig – anläuft. Es ist die Weltpremiere auf einem der drei international wichtigsten Dokumentarfilmfestivals für einen Kiosk in Mecklenburg. Die Einladung nach Leipzig sei eine große Ehre, sagt Regisseur Schumann. Damit gehöre „Neben den Gleisen“ bereits zu den zehn besten deutschen Dokumentarfilmen des Jahres.

Schon mit seinem ersten Filmprojekt mit gleichem Sujet sorgte Schumann für Aufsehen: „Weltbahnhof mit Kiosk“ entstand 2015 mit Kameramann Michael Kockot und lief im vergangenen Mai auf dem Filmkunstfest Schwerin und im NDR. Der Film zeigt die Ankunft der Flüchtlinge am Bahnhof in Boizenburg und die Reaktionen der Einheimischen – präzise und einfühlsam beobachtend. Der „Weltbahnhof“ ist allerdings auf die Gegenüberstellung der Kneipenbesucher mit den durchreisenden Flüchtlingen fokussiert. Jetzt wurde daraus ein langer Film über 83 Minuten, der die Leben der Kneipengäste im Kiosk in den Mittelpunkt rückt.

„Ja, wo willst du hingehen? Hier kennst du viele“, sagt sich ein Kneipengast. Ein Anderer berichtet, wie er „sein letztes Hemd ausziehen“ musste, als er Hartz IV beantragen wollte. Ein Dritter verdient 1100 Euro in der nahen Bonbonfabrik. Aufstocken, also Unterstüzung vom Jobcenter holen, will er nicht. Er will allein wieder auf die Beine kommen.

Während ihr Freund Schnaps in sich hineinkippt und auf „die Ausländer“ schimpft, präsentiert das intelligente Mädchen aus dem Heim stolz seine Kenntnisse in Arabisch. Ihr bester Kumpel sei Syrer, von dem hat sie die Sprache gelernt. Ein junger Glatzkopf proklamiert, „der Amerikaner“ sei an allem schuld und die Bundesrepublik lediglich ein Befehlsempfänger der USA. Der Computerexperte erzählt indes von seinem ersten Treffen mit seiner Frau vor neun Jahren, und dass er immer noch Gänsehaut bekommt, wenn er daran denkt. Der Taxifahrer handelt mit den Flüchtlingen den Fahrpreis zur Aufnahmestelle in Horst aus. Nicht nur die Syrer loben Deutschland. Auch ein russischer Arzt, der sich in Boizenburg über Wasser hält, meint: „Deutschland, das ist Glück.“

All dies bekennen die Protagonisten unkommentiert vor Schumanns Kamera. „Man muss das ernst nehmen und versuchen, zu verstehen, was da abläuft“, sagt der Dokumentarfilmer. „Es geht mir immer darum, dass der Mensch eine Würde hat“, sagt Schumann. Die Gesellschaft habe „die Verantwortung, sie nicht nur materiell zu versorgen, sondern es muss eine seelische Komponente hinzukommen. Sie wollen wahrgenommen werden.“

Es hat fünf Monate gedauert, bevor Schumann und Kameramann Michael Kockot drehen durften. Fünf Monate, in denen sie sich immer wieder unter die Kneipengänger mischten, um Vertrauen aufzubauen. Dieter Schumann ist selbst zur See gefahren, bevor er bei der Defa das Filmhandwerk lernte. Das hat ihm geholfen, in den Mikrokosmos der Kioskkneipe eintauchen zu dürfen. „Ich habe noch Stallgeruch“, sagt Schumann, „das merken die Leute dort.“

Vor fünf Jahren hat Schumann mit „Wadans Welt“, einem Film über die krisengeschüttelte Werft in Wismar, „die Würde der Arbeit“ beschworen. Mit „Neben den Gleisen“ greift er das Thema wieder auf.

Mit etwas Glück gewinnt der Film in Leipzig nicht nur den Defa-Förderpreis, für den er nominiert ist. Stößt er auf genügend Interesse der angereisten internationalen Filmfest-Organisatoren, könnte er wie „Wadans Welt“ eine Reise um den Globus antreten.
 

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erstellt am 03.Nov.2016 | 12:00 Uhr

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