zur Navigation springen

Kultur MV

25. Juli 2016 | 06:20 Uhr

Jahrmarkt der Sensationen : Wundern wie in alten Zeiten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der „Jahrmarkt der Sensationen“ bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern

Im Vorhof dreht ein kleines Mädchen den Leierkasten. Farbige Bänder flattern am Schleswig-Holstein-Haus. Der „Jahrmarkt der Sensationen“, wie von Prinzipal Markus Fein zu vernehmen, will Stimmung schaffen ähnlich dem Wandertheater um 1900. Es gibt Popcorn, ein Glas Wein aus Baden kostet vier Euro, Bruschetta eins fünfzig, und feilgeboten wird auch digitales Schau- und Hörgut der Akteure. Also, 1900 ist ein bisschen geflunkert, was doch zum Jahrmarkt recht eigentlich gehört.

An drei Bühnenorten aber, zwischen denen auch das Publikum wandern muss, gehen dann Tat-Sachen des Vergnügens los, ein buntes Treiben aus Zirkus, Posse, Gebärdenspiel. Und dazu schlagen die leidenschaftlichen Musikanten der Gruppe Quadro Nuevo den Takt, spielen Tango, wozu sich trotz Aufforderung niemand zu tanzen traut, lassen die Klarinette orientalisch beschwören, das Saxophon schmachten, das Akkordeon Valses Musettes drehen. Oder unter dem Titel „Paprika“ wird Csárdás virtuos aufgejazzt und dazu das Pulver verteilt. Scharf gewürzte Klänge. Und stummes Musik-Mimen zu einem klassischen Violinkonzert. Bravi! Mit der Novität des musikalischen Wandertheaters – vorgestern in Schwerin wie zuvor schon in Tressow, Redefin und künftig bis hin nach Putbus – illustrieren die Festspiele MV ein Stückchen Theatergeschichte. In seiner Genese, die aus vorzeitlichen Riten und Mysterien herkommt, gehört auch der Jahrmarkt samt Gauklern zum Theater, wo Hanswurst für Belustigung sorgte. Seit dem 17. Jahrhundert zogen in Deutschland Komödianten umher, oft mehr Handwerker als Schauspieler. Sie waren das Gegenteil vom Hoftheater und unterhielten das Volk mit derben Possen, tituliert als „Haupt- und Staatsaktionen“, die höfische Tragödien oder Opern parodierten, meist aus dem Stegreif.

Jetzt sind das Traum- und Spaßaktionen, weniger grob als anno dunnemals, sozusagen verfeinert durch die Manieren der Eventkultur. Da windet sich Nicola Elze mit ihrem „Danza Furiosa“ aus roten Tüchern, in denen sie dann am Dreiecksmast in die Luft geht und sinnliche Artistik figuriert. Sie schlängelt sich gleichsam wie eine grüne Mamba aus einem Tongefäß, bis sie wie auf einem Basar mit einem echten Tigerpython posiert; wer Mut hat im Publikum, darf die Schlange auch mal als Schal benutzen. Schließlich ist die Multikünstlerin Elze eine, die attraktiv mit dem Feuer tanzt.
Es gibt historisches Kino, in dem der umwerfende Jacques Tati die „Schule der Postboten“ absolviert, stürmt, demoliert. Live aber setzt die Compagnie Bodecker & Neander skurril bis elegant komische wie groteske Ausrufzeichen. Im Streit zwischen Gast und Kellner. Parodistisch als Solist und Umblätterer im Kampf mit Tücken bei einem Beethoven-Klavierkonzert. Im Duo von Geiger und Sänger, bei dem das Ölen der Stimme zur Katastrophe gerät. Mit witziger Geste und Trauermiene, in Melancholie und Disharmonie haben beide die Tradition des Musikalclowns upgradet mit den Finessen der Pantomime. Und ihr Meister Marcel Marceau winkt aus dem dunkelnden Himmel, in dessen Schutz das glänzende Paar auch Diebeskunst demonstriert.

Ein Markt mit Reiz für die Sinne. Wundern ein wenig wie in Zeiten, als es technische Wunder noch nicht gab. Wunderkerzen dann zum Finale auch fürs erregte Publikum.



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen