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Mecklenburg-Vorpommern

03. Dezember 2016 | 01:17 Uhr

Raritäten in MVs Landwirtschaft : Kohl macht Gänsehaut

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Anbau von Rot- und Weißkohl ist in MV eine Rarität: Nur ein Familienunternehmen bei Rostock ist übrig.

Monika Elgeti putzt mit einem stabilen Kohlmesser die von ihrem Mann eingebrachte Ernte. Etliche Blätter fallen zu Boden, bis der Kohlkopf den Qualitätsanforderungen entspricht. Jetzt wiegt er nur noch etwa zwei Kilo. Zuvor war er fast doppelt so schwer. Nahezu die Hälfte ist Abfall. „So soll er aussehen: Die Blätter müssen eng anliegen, und es dürfen keine Schädlingsspuren mehr zu sehen sein. Wenn er jetzt noch quietscht, ist alles in Ordnung“, erklärt die Gemüsebäuerin auf ihrem Hof in Ikendorf bei Rostock. Und tatsächlich: Beim Drüberwegstreifen mit der flachen Hand macht der Kohl Geräusche, die Gänsehaut erzeugen. Nach etlichen Stunden ist das Tagewerk vollbracht. „Wir putzen immer nur so viel, wie wir am gleichen Tag verkaufen können. Bei uns ab Hof oder im Lebensmitteleinzelhandel“, erklärt Ehemann Herwig Elgeti.

2016 war ein schwieriges Jahr für Rot- und Weißkohl, berichtet er. Da es im Frühjahr wie im Sommer wochenlang kaum geregnet hat, ist der Kohl schlecht gewachsen. „Dafür haben sich Schädlinge optimal entwickelt. Das hier sind deren Fraßspuren“, deutet Monika Elgeti auf dicht aneinander gereihte schwarze Punkte auf den Außenblättern, die sie Stück für Stück abschlägt. Dabei wird sie von den unmittelbar am Hof grasenden Schafen beobachtet. „Die hatten es in diesem Jahr auch schwer. Selbst auf der Weide wollte es nicht grün werden. Wir mussten permanent zufüttern. Die Kohlblätter haben sie inzwischen als Delikatesse für sich entdeckt“, erzählt die Bäuerin und wirft in hohem Bogen eine Handvoll vom Abfallberg über den Weidezaun.

Die Elgetis sind die einzigen verbliebenen größeren Kohlanbauer in MV. Doch ihre Fläche ist lediglich vier Hektar groß. Zum Vergleich: In Niedersachsen wird Kohl auf 2800 und in Schleswig-Holstein auf 4000 Hektar angebaut. Dort befindet sich um die Kreisstadt Heide in Dithmarschen mit 3000 Hektar das größte zusammenhängende Kohlanbaugebiet Europas. Vor Jahren hatte auch die Insel Rügen einen Namen im Kohlanbau. Doch ging es dort seit der Wende stetig bergab. Statt mehrerer hundert Hektar wie zu DDR Zeiten waren es 2012 nur noch zehn. Anhaltender Preisverfall und sinkende Nachfrage zwangen die Agrar GmbH Wittow Süd vor vier Jahren zur Aufgabe. Damit war das Ende des Kohlanbaus auf Rügen besiegelt. Geschichte sind auch die Kohlfeste, die den Touristenstrom in der Nachsaison anschwellen ließen. Heute wächst Kohl auf Rügen nur noch in Haus- und Kleingärten.

„Wir wollen unbedingt weitermachen. Auch wenn es in diesem Jahr aufgrund des Wetters nicht gut gelaufen ist“, sagt Monika Elgeti und zeigt auf ihre diesmal relativ kleinen Weiß- und Rotkohlköpfe. Ihr Ehemann hievt etliche Transportkisten auf seinen Transporter. Gerade geputzt werden die Köpfe ausgefahren und wenig später liegen sie in den Verkaufsregalen. „So funktioniert Frische.“

Frank Meißler, Geschäftsführer eines großen Lebensmittelmarktes in Roggentin am Stadtrand von Rostock erwartet ihn schon. Er ist von der Kohlqualität der Elgetis überzeugt. „Wir setzen auf Lebensmittel aus der unmittelbaren Region. Die Kunden wollen wissen, woher das Fleisch, die Wurst, der Fisch oder auch das Gemüse kommen. Und wir können es ihnen sagen, da wir die Lieferanten persönlich kennen.“ Insgesamt bewirtschaftet das Familienunternehmen in Ikendorf rund 25 Hektar. Angebaut werden auch Kartoffeln, Petersilie, Dill und Wruken sowie Futter für die Schafe.

Aktuell versorgt sich Deutschland laut Statistischem Bundesamt nur zu 36 Prozent mit Gemüse aus eigenem Anbau. Das Gros wird zugekauft, viele Gemüsesorten wachsen auch gar nicht im Land. „Die Angebotsvielfalt ist schon interessant, aber was hierzulande gedeihen kann, sollte auch hier angebaut werden“, sagt Herwig Elgeti.

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erstellt am 26.Nov.2016 | 07:00 Uhr

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