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Mecklenburg-Vorpommern

09. Dezember 2016 | 14:29 Uhr

Wie im Tierreich : Kampf um die Liege am Pool

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor allem Deutsche sichern sich morgens einen Platz mit einem Handtuch / Territorialverhalten wie im Tierreich

Manch einer mag es für ein Klischee halten – bis er seinen ersten Cluburlaub macht und erlebt, dass es wirklich so ist: Vorzugsweise Deutsche belegen Liegestühle frühmorgens mit Handtüchern. Kommt man nach dem Frühstück zum Pool, sind die ersten Reihen schon alle belegt – auch wenn kaum einer da ist.

Um das Problem anzugehen, haben einige Clubs ein Kärtchen-System eingeführt: Eins für jeden Gast, und damit kann man dann eine Liege reservieren. „Denn das Problem ist ja nicht das Ehepaar, das sich zwei Liegen reserviert, sondern das Ehepaar, das sich zwei Liegen im Schatten reserviert, zwei am Strand, zwei in der Nähe vom Pool – für jede Situation des Tages“, sagt Anne Schmidt, Pressesprecherin von DER Touristik Köln. „Das ist dieser unsägliche Egoismus.“

In vielen Hotels darf man erst nach 8 Uhr Liegen reservieren. Wie ein von Briten eingestelltes YouTube-Video dokumentiert, kann dies allerdings dazu führen, dass die deutsche „beach towel brigade“ (Badehandtuch-Brigade) um Punkt 8 nach draußen schnellt und binnen zwei Minuten alle Liegen für sich reklamiert. In der britischen Presse gilt es seit Jahren als ausgemacht, dass die eifrigen Teutonen auf diesem Feld nicht zu schlagen sind, weil sie viel früher aufstehen als die Briten.

Die Wissenschaft sagt allerdings etwas anderes. Der Münchner Psychologe Prof. Till Roenneberg hat zusammen mit der Universität Oxford die innere Uhr von Deutschen und Briten verglichen. Das Ergebnis: Beide Nationen stehen im Urlaub durchschnittlich um 9.20 Uhr auf. Am Pool sind sie zur gleichen Zeit.

Für Prof. Andrea Abele-Brehm, ab September Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, ist das Belegen der Liegen typisches Territorialverhalten. „Das finden wir schon im Tierreich, wenn die Tiere ihr Gebiet mit Urin markieren“, erläutert die Sozialpsychologin der Universität Erlangen-Nürnberg. „Und bei Menschen finden wir das auch. Beispielsweise: Sie gehen in ein Restaurant und wollen noch mal eben zur Toilette, bevor Sie bestellen, dann markieren Sie Ihren Platz auch schon mal, indem Sie die Tasche hinlegen oder die Serviette umdrehen.“ Das Verhalten habe sich in der Evolution herausgebildet und stecke dementsprechend tief drin.

Dazu kommt ein Streben nach Kontrolle und Sicherheit: Das Handtuch auf der Liege garantiert den bevorzugten Platz und damit einen reibungslosen Tagesablauf. Und dann gibt es noch einen besonders interessanten Aspekt: In den meisten Club- und Hotelanlagen benutzen die Gäste zum Blockieren der Liegen keine eigenen Badehandtücher, sondern die des Hotels. Diese Handtücher sehen alle gleich aus. „Das ist also ein Unterschied zum Tierreich, wo das Revier mit dem eigenen Urin markiert wird, wo man also eine ganz persönliche Duftspur hinterlässt“, erläutert Abele-Brehm. In der Clubanlage wäre im Grunde nie zu beweisen, wer nun genau welche Liege reserviert hat. Trotzdem hält man sich dran und akzeptiert, wenn eine Liege mit einem Handtuch belegt ist. „Es ist eine kulturelle Gepflogenheit“, analysiert Abele-Brehm. „Und das ist vielleicht durchaus ein bisschen deutsch: Ordnung und Regeln anerkennen – selbst wenn das Hotel sie nicht erlassen hat.“ Allerdings nimmt es nach Beobachtung der Psychologin langsam ab: „Es gilt mittlerweile doch als ziemlich spießig, vor allem in etwas besseren Hotels.“

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