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Mecklenburg-Vorpommern

26. August 2016 | 14:00 Uhr

Schwerin unter Schock : Jugendklubchef gesteht Missbrauch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

41-Jähriger vergeht sich jahrelang an Jungen. Inzwischen gerät auch Schweriner Jugendamt in Erklärungsnot

Ein Wohnwagen in einer leerstehenden Kaufhalle im Schweriner Plattenbaugebiet Großer Dreesch, ein Siebenjähriger wehrt sich gegen den Mann, der ihn sexuell missbrauchen will. Doch es nützt nichts, der Junge wird vergewaltigt. Nicht nur einmal, sondern über einen Zeitraum von mehreren Monaten hinweg zehn Mal. So steht es in der Anklageschrift, die der Staatsanwalt zum Prozessauftakt gestern im Landgericht Schwerin verliest.

Peter B., der Kopf eines Schweriner Jugendklubs, gestand gestern, über Jahre hinweg 15 Jungen sexuell missbraucht zu haben. Der 41-Jährige räumte auch ein, das jüngste Opfer, einen Siebenjährigen, mehrfach vergewaltigt zu haben. Das älteste Opfer der angeklagten sexuellen Übergriffe war 13 Jahre alt. Insgesamt wirft die Staatsanwaltschaft Peter B. 62 Taten in der Zeit von 2007 bis zu seiner Verhaftung im August 2015 vor. Unterdessen ermittelt die Staatsanwaltschaft weiter, ob B. sich auch vor 2007 bereits an Jungen vergangen hat.

Um sich vor den Aufnahmen der Fotografen zu schützen, verbarg B. seinen Kopf tief unter der Kapuze eines braunen Anoraks, als er mit Fesseln an den Fußgelenken in den Gerichtssaal geführt wurde. Auch als er sein Gesicht enthüllte, wagte er keinen Blick in die Zuschauerreihen, wo zahlreiche Eltern und Nachbarn der von ihm missbrauchten Kinder saßen. Bis August 2015 war B. noch ein engagierter und angesehener Bewohner des Stadtteils Mueßer Holz, der im Jahr 2000 den Jugendklub mitbegründete und zum Schluss unter anderem dessen Tanzgruppe leitete. Lokal- und Regionalpolitiker unterstützen B., dessen Verein sich auf die Fahnen geschrieben hat, kriminal- und gewaltpräventiv zu arbeiten.

Viele Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern schenkten Peter B. ihr Vertrauen. Das nutzte er bei seinen Opfern offenbar aus. In einigen Fällen fasste er ihnen an die Genitalien, wenn sie sich vor oder nach einem Tanzauftritt umzogen. Bei anderen kam es zu deutlich schwerwiegenderen Übergriffen in seinem Büro, in seiner Wohnung oder in seinem Auto. Einige Jungen machte er mit Versprechungen gefügig, anderen drohte er offenbar, wenn sie sich wehrten. In einem Fall nutzte er es aus, dass sein jugendliches Opfer geistig noch auf dem Stand eines Kindes war.

Mehrere Jungen haben sich seit dem Missbrauch durch Peter B. verändert. Als Zeugen vor Gericht berichteten ihre Eltern, die Kinder hätten sich eingeigelt oder zurückgezogen, sie seien aggressiver als früher oder sie wollten nur noch zu Hause spielen. Vom Missbrauch selbst hatte keines der Kinder bis zum August vergangenen Jahres seinen Eltern erzählt. Als einige Kinder nicht mehr in den Jugendverein gehen wollten, wunderten sich die Eltern. Misstrauisch wurden sie aber nicht, denn Peter B. kannten sie als allseits hilfsbereiten Menschen. Ein Junge hatte allerdings bereits vor fünf Jahren seiner Mutter gegenüber angedeutet, dass Peter B. zudringlich geworden sei. „Ich hatte Zweifel und habe ihm nicht geglaubt“, sagte die Frau gestern vor Gericht.

Hinweise auf sexuelle Übergriffe seitens Peter B. bekam im Januar vergangenen Jahres auch das Schweriner Jugendamt. Eine Mutter hatte sich an den Sozialarbeiter an der Schule ihres Sohnes gewandt. Er gab die Schilderungen „des sexuell übergriffigen Verhaltens des Vereinsmitglieds Peter B. in Worten und Gesten“ weiter, bestätigte Jugendamtsleiterin Caren Gospodarek-Schwenk. Daraufhin sei das „in solchen Fällen gesetzlich vorgeschriebene Verfahren sofort eingeleitet worden“. Zwar wurde der Arbeitgeber des Sozialarbeiters, ebenfalls ein im Mueßer Holz tätiger Verein, eingeschaltet. Der Jugendverein des Peter B. jedoch wurde offenbar vom Jugendamt nicht offiziell kontaktiert. Gospodarek-Schwenk: „Das Jugendamt sah wegen der Anonymität und dem Wunsch der Betroffenen nach Diskretion bei dem damaligen Kenntnisstand keine Möglichkeit, weitere Schritte einzuleiten.“

Die Anwältin Christine Habetha, die mehrere Opfer von Peter B. vor Gericht vertritt, widersprach gegenüber unserer Redaktion der Darstellung des Jugendamtes. „Eine Mutter hat mir bestätigt, dass es auch um körperliche Übergriffe ging und dies dem Amt übermittelt wurde.“ Darum hätte das Jugendamt selbst etwas unternehmen müssen.


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erstellt am 06.Jan.2016 | 20:55 Uhr

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