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Mecklenburg-Vorpommern

09. Dezember 2016 | 14:31 Uhr

Missbrauch in Schwerin : Jugendamt räumt Fehler ein

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Früheren Hinweis auf mögliches Vergehen des angeklagten Schweriner Klubleiters nicht überprüft

Das Schweriner Jugendamt hatte einen deutlich brisanteren Hinweis auf sexuelle Übergriffe des faktischen Leiters des Jugendklubs „Power for Kids“, als es bislang eingeräumt hatte. Auf Nachfrage unserer Redaktion bestätigte Amtsleiterin Carmen Gospodarek-Schwenk gestern, das Jugendamt sei im Januar 2015 auch auf zweifelhafte „körperliche Berührungen“ zwischen dem 41-jährigen Peter B. und betreuten Kindern aufmerksam gemacht worden. Bisher war seitens der Stadt nur von anzüglichen „Worten und Gesten“ die Rede. Die Amtsleiterin räumte ein, beim Umgang mit dem Fall „haben wir einen Fehler gemacht“. Damals unterblieb eine wirkungsvolle Überprüfung der Vorwürfe durch die Stadt.

Den Hinweis auf Peter B. bekam die Stadt im Januar 2015. Im August wurde er verhaftet. Seit dieser Woche steht er wegen des Vorwurfs, in 62 Fällen Kinder missbraucht oder vergewaltigt zu haben, vor dem Landgericht Schwerin. Er gestand, die Taten seit 2007 begangen zu haben. Teilweise sogar, nachdem der Hinweis beim Jugendamt eingegangen war.

Die Eltern zweier betroffener Kinder hatten sich an einen Schulsozialarbeiter gewandt, der das Jugendamt informierte. Das Amt beauftragte den Sozialarbeiter, die Eltern zu einer Anzeige bei der Polizei zu überreden, was nicht gelang. Als der Sozialarbeiter dem Jugendamt meldete, die beiden betroffenen Kinder würden den Jugendklub nicht mehr besuchen, sei „die Gefährdung beendet“ erschienen, so Gospodarek-Schenk. Das Jugendamt habe die Polizei nicht eingeschaltet, weil es keine Zeugen für die Vorwürfe benennen konnte, da die Hinweis gebenden Eltern auch gegenüber dem Amt anonym bleiben wollten. Das sei aus damaliger Sicht vertretbar gewesen. Gospodarek-Schwenk: „Aus heutiger Sicht hätten wir anders handeln müssen.“

Die Anwältin Christine Habetha, die mehrere Opfer des Missbrauchs vor Gericht vertritt, ist allerdings der Meinung, die Stadt habe bereits vor einem Jahr konsequenter eingreifen müssen. Auch „Power for Kids“-Geschäftsführerin Grithli Frenzel „hätte sich rechtzeitig mehr Unterstützung vom Jugendamt gewünscht“. Auf weitere Fragen, zum Beispiel ob Vereinsmitarbeitern vor der Verhaftung Peter B.’s jemals etwas an seinem Verhalten aufgefallen ist, will Frenzel derzeit nicht antworten.

Die Schweriner CDU forderte von Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linkspartei), zu klären, ob es im Jugendamt zu Versäumnissen gekommen ist. „Hier muss jetzt die nötige Transparenz hergestellt werden“, so Sebastian Ehlers, Fraktionschef in der Stadtvertretung. Ohnehin sei der Verein „Power for Kids“ bei den Fachpolitikern „umstritten“. Peter Brill (Linkspartei), Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses, sagte gegenüber unserer Redaktion, in dem Verein hätten angeblich Abhängigkeiten der Vereinsmitarbeiter und -mitglieder gegenüber Peter B. bestanden, „die ihn unangreifbar machten“. Es seien möglicherweise Strukturen in dem Verein entstanden, die beim Kindesmissbrauch durch Peter B. eine Rolle spielen könnten.

Oberbürgermeisterin Gramkow indes wollte Ende Juni dem Jugendhilfeausschuss noch vorschlagen, „Power for Kids“ als vertrauenswürdigen sogenannten freien Träger der Jugendhilfe anzuerkennen. Das hätte dem Verein den Zugriff auf Fördergelder erleichtert. Das Vorhaben wurde nach der Verhaftung von Peter B. zurückgestellt.  

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erstellt am 06.Jan.2016 | 20:55 Uhr

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