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Mecklenburg-Vorpommern

28. September 2016 | 22:30 Uhr

Flüchtlinge in Boizenburg : „Ja, das ist Zuhause“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jugendliche aus Afrika und Asien, die ohne Familie geflüchtet sind, werden in Boizenburg betreut

Sie sind jung und sie wollten ein anderes Leben, ohne Krieg, Verfolgung, Hunger. Ihr Ziel war Deutschland – und dort Berlin oder Hamburg. Gestrandet sind sie zwischen den beiden Metropolen in der mecklenburgischen Kleinstadt Boizenburg. Ein buntes Häuflein von Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren aus vier Ländern ist hier zu Hause. „Ja, das ist Zuhause“, sagt Yonas aus Eritrea und nickt nachdenklich. Wie die zehn anderen – darunter zwei Mädchen – aus Eritrea, Afghanistan, Ghana und Vietnam kam er als Minderjähriger allein nach Deutschland. 14 Monate ist das her, da war er 17.

Minderjährige dürfen in Deutschland bleiben, wenn kein Familienangehöriger gefunden wird. Die Jugendlichen wohnen mit „ganz normalen Familien“ in einem Haus, wie Heimleiterin Peggy Lung berichtet. Das Haus ist eine umgebaute denkmalgeschützte Wassermühle.

In sechs Jahren habe es eine einzige Beschwerde aus der Nachbarschaft gegeben, sagt Michael Hallmann, Geschäftsführer vom Internationalen Bund (IB) Südwestmecklenburg, dem Träger des Jugendwohnheimes. Jahrelang habe nur der IB eine Erlaubnis für die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern gehabt. Es kamen etwa zwei pro Jahr. Seit 2013 explodiere diese Zahl.

Ausländische Minderjährige sind laut Gesetz genauso wie deutsche Kinder zu behandeln, erläutert Hallmann. Sie werden in der Regel nicht abgeschoben. Mit 18 Jahren kann ihnen aber die Abschiebung drohen. Der IB erweiterte seine Plätze für Ausländer in Boizenburg von vier auf elf und von vier auf acht im Dorf Dersenow. Insgesamt betreibt die Organisation 14 solcher Heime in sechs Bundesländern. Die ausländischen Kinder leben zusammen mit deutschen Gleichaltrigen aus schwierigen familiären Verhältnissen. Die Idee: Sie lernen so leichter die deutsche Sprache und Kultur kennen. Die Wohnung hat Schlafzimmer mit Etagenbetten, Bäder, eine Küche mit großem Esstisch und ein Wohnzimmer mit einem extra angefertigten Sofa, wo alle vor dem Fernseher Platz finden.

„Boizenburg ist gut, besser als Dersenow“, ist sich Wali aus Afghanistan mit den anderen einig. Eine kleine Stadt, aber wenigstens eine Stadt mit Geschäften, Gaststätten, einem Kino. Der 17-jährige Wali hat in der Heimat außer einem Onkel keine Familie mehr. Mutter und Vater seien tot, im Krieg gestorben, erzählt er. Er habe mit dem Onkel besprochen, dass er die Wohnung verkauft und mit dem Geld seine Flucht finanziert. Etwa zweieinhalb Jahre ist das jetzt her.

Neun Monate war er unterwegs, mit Stationen in mehreren Ländern. Warum Deutschland? Er habe viele Deutsche in Afghanistan kennengelernt, die seien alle sehr nett gewesen. Das sagt er auch über den Nachbarn, mit dem er sich auf der Straße mit einem freundlichen „Hallo“ grüßt.

Allerdings erleben die Flüchtlinge in dem idyllischen Städtchen an der Elbe auch Anfeindungen. Wenn sie draußen Fußball spielen, rufe zum Beispiel schon mal einer „Scheiß Ausländer“, sagt Wali. Sie gehen daher lieber in Gruppen raus. Die Großstädte bleiben ihr Ziel – wenn sie die Schule hinter sich haben und eine Ausbildung beginnen. Ganz oben auf der Wunschliste der Jungs stehen Automechaniker und Koch. Suala aus Ghana will Gabelstaplerfahrer im Hamburger Hafen werden, Senayt aus Eritrea Friseurin, ihr Landsmann Mulue Sportlehrer. In Deutschland bleiben wollen alle.  

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