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Mecklenburg-Vorpommern

05. Dezember 2016 | 05:27 Uhr

Serie: Selbst gemacht : Ingrid Harten lässt die Puppen tanzen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rostockerin macht mit ihrem selbstgemachten Spielzeug nicht nur Kinder glücklich. Mit Schnittmuster zum selbst ausprobieren.

Liebevoll streichelt Ingrid Harten Maries blonden Lockenkopf. „Sie ist mir eigentlich nicht gelungen.“ Die 83-Jährige wirkt konzentriert, betrachtet eingehend das Porzellangesicht mit den rosa Pausbäckchen. „Es sind die Augen“, sagt sie. „Als ich den Rohling zugeschnitten habe, ist mir ein kleiner Fehler passiert. Dadurch hängt ihr rechtes Lid ein wenig. Ich habe zuerst überlegt den Rohling wegzuschmeißen.“ Marie sei nicht makellos, aber gerade das mache sie so besonders. „Sie hat einen zauberhaften Ausdruck. Und wir Menschen sind ja schließlich auch nicht perfekt.“ Mittlerweile gehört Marie zu Ingrid Hartens Lieblingspuppen. „Die nehme ich mit ins Altersheim, falls ich da irgendwann mal hinmuss“, sagt sie scherzhaft.

Ingrid Hartens Haus im Rostocker Stadtteil Gehlsdorf wurde in den letzten 25 Jahren zu einer Puppenstube. Aus den Vitrinen im Wohnzimmer lächeln niedliche Mädchen- und Jungengesichter, auf den Sitzmöbeln haben Hilda und Co. Platz genommen und auf der Fensterbank verzücken die kindlichen Figuren vorbeilaufende Fußgänger. Dabei hat alles ganz klein angefangen: „Ich wollte meiner Enkelin eine Puppe nähen. In einem Magazin fand ich die Anleitung dazu. Also bestellte ich die Masken und Stoffe und legte los.“ Ganz von ungefähr kam der Tatendrang allerdings nicht. „In der Nachkriegszeit machte ich notgedrungen eine Lehre zur Schneiderin. Mein Wunschberuf war das nie, aber es war Goldstaub, überhaupt einen Ausbildungsplatz zu bekommen“, erinnert sich die Rostockerin. „Heute bin ich dankbar. Alles, was ich damals gelernt habe, kann ich bei den Puppenkleidern anwenden.“

Für die 83-Jährige seien die Puppen ein Stück Kulturgut. Insbesondere die antiken Exemplare. „Ich wollte nie sammeln. Bis ich Santa begegnete.“ Santa wurde 1898 in der Porzellanfabrik „Simon und Halbig“ gefertigt. Die Manufaktur war bekannt für ihre Bisquitköpfe, mit denen sie zahlreiche Puppenfabrikanten in ganz Europa belieferte. „Santa kam in Einzelteilen zu mir. Ich erhielt den Auftrag sie zu reparieren, aber ihr fehlte ein Oberschenkel“, erzählt Ingrid Harten. „In Hamburg fand ich einen Puppendoktor, der das fehlende Teil vorrätig hatte. Auf Flohmärkten kaufte ich die alten Schuhe und ein passendes Kleid.“ Nach der Restauration sollte Santa verkauft werden. „Ich wollte sie einfach haben. Das war verrückt.“

Die Geschichte hinter den Puppen berührt Ingrid Harten. „Welches Kind hat damit gespielt? Wer hat die Puppe gekauft? Und für wen?“ Die Rentnerin holt ein Exemplar mit ledernen Gliedern aus dem Schrank. „Damit hat die Generation meiner Mutter gespielt.“ Auch Santa hat einen Lederkörper mit unverhältnismäßig langen Beinen. „Die europäischen Puppen waren bei den Amerikanern sehr beliebt und die haben nach Stockmaß bezahlt. Umso länger die Puppe war, umso mehr konnten die Fabrikanten verdienen.“

Als Puppendoktor bezeichnet sich Ingrid Harten heute nicht mehr, sie sei nur noch eine „Macherin“. Die Stoffpuppen von damals fertigt sie nur noch äußerst selten an. Seit ihr Mann ihr einen Brennofen schenkte, verarbeitet sie lieber Porzellanmasse. Diese komme aus Thüringen, der Wiege der Puppen. „Der Thüringer Wald lieferte Holz für die Öfen und Pappmachémasse für die Körper, also ideale Bedingungen für die Fabrikanten“, erläutert die Seniorin, die bis 2010 in ihrem Hobbykeller Kurse zur Puppenproduktion gab. Doch die Gesundheit spiele nicht mehr mit, bedauert sie. „Das hat viel Spaß gemacht. Puppenliebhaber sind meist sehr nette Menschen.“

Um eine Puppe anzufertigen, benötigt Ingrid Harten etwa 48 Stunden. Über die Jahrzehnte hat sie Gießformen gesammelt, hauptsächlich für deutsche und französische Modelle. „Typisch für französische Puppen sind die großen feststehenden Augen mit der Strahlen-Iris, der Gelenkkörper und die stabilen Beine“, verdeutlicht die Rentnerin. „Als ich meine Leidenschaft für die Puppen entdeckte, habe ich nicht gedacht, dass ich ein Puppengesicht malen kann. Aber ich lebe nach dem Credo Learning by doing. Ich lernte, weil ich machte.“

Wie viele Puppen Ingrid Harten bis dato angefertigt hat, kann sie nicht genau sagen. Verkauft hat sie die Exemplare in die Schweiz, nach Amerika und in weite Teile Deutschlands. „Meine Rentnerzeit gehört zu den schönsten Jahren in meinem Leben. Ich konnte mich durch mein Hobby noch einmal richtig verwirklichen.“ Bei schlechtem Wetter ließe sie die Welt einfach draußen und näht ein Kleid für ihre Puppen. Das nächste soll für Marie sein.

Anleitung

Benötigtes Material     

Stoff für den Puppenkörper, Nähgarn, Nähnadel, Schere, Sticktwist für Augen und Mund, Nähgarn in der Farbe des Stickgarns für den Mund, Füllwatte oder Wolle (etwa 200 Gramm), Jersey-Stoff für die Haare (zirka 60 x 50 cm), Zwei Streifen aus Jerseystoff als Haarband (15 x 3 cm)

Und so geht’s

Fertigen Sie zuerst die Haare für die Puppe. Schneiden Sie  dazu aus dem Jersey-Stoff jeweils einen etwa einen Zentimeter  breiten Streifen in Fadenrichtung und einmal gegen die Fadenrichtung zu. Legen Sie beide Stoffstreifen in warmes Wasser. Einer der Streifen müsste sich jetzt der Breite nach einrollen.  Schneiden Sie aus dem ganzen Stoff  Streifen zu. Legen Sie die Streifen in warmes Wasser, bis sie sich aufrollen. Hängen Sie die Streifen über einen Kleiderbügel zum Trocknen.

Schneiden Sie die Schnittteile aus dem Muster aus > Hier Schnittmuster herunterladen

Kleben Sie das Rückenteil zusammen, die Linien treffen aufeinander. Stecken Sie die Schnittteile (2x Fußsohle, 2x Fußsohle oben, 2x Beine vorne,  2x Kopfseitenteil, 4x Arme, 4x  Ohren,  1 x Kopfmittelteil, 1x  Rumpf vorne, 1x Rumpf hinten) auf den Stoff und schneiden alle Teile plus  etwa  ein Zentimeter  Nahtzugaben zu. Nähen Sie in den Ecken nur bis an den Beginn der Nahtzugabe und nicht bis ganz an den Rand. So können Sie die Einzelteile besser zusammennähen. Bei kleineren Bereichen, wie Füße und Hände, können Sie das Schnittmuster aufstecken und am Rand entlang nähen. Die Fußoberteile werden rechts auf rechts an die Beinvorderteile genäht. Nähen Sie die Beinvorderteile auf die Beine des Rückenteils. Klappen Sie dabei die Fußoberteile vom Rand weg, um diese nicht mit zuzunähen. Achten Sie darauf, dass Sie an den Beininnennähten der Rückseite weniger Nahtzugabe haben. Nähen Sie die Fußsohlen an die entstandene runde Beinöffnung. Die Beine/Füße sind nun unten rundherum geschlossen. Nähen Sie nun  je zwei  Armteile rechts auf rechts zusammen, wenden Sie die Arme auf rechts und füllen sie.

Nun entsteht der Kopf. Dazu wird der Kopfmittelteil an die Kopfseitenteile genäht. Legen Sie die Seitenteile rechts auf rechts an das Mittelteil. Nähen Sie den nun entstandenen Hinterkopf rechts auf rechts an das Gesicht des Rumpf-Vorderteils.    

Schließen Sie die Schulternaht und stecken  Sie die Arme an den Rumpf. Nähen Sie Rumpfvorderseite und Rumpfrückseite rechts auf rechts. Die Arme werden damit mit eingenäht.

Stopfen Sie so gut es geht alle Haare in den Rumpf. Nähen Sie den Nacken mit Handstichen zu. Füllen Sie die Beine und den Kopf fest aus. Ebenso Hals und Rumpf.

Schlagen Sie die Nahtzugabe am noch offenen Rumpfende nach innen und nähen Sie die Öffnung zu. Nähen Sie dabei durch die Beine hindurch, so bleibt das Gelenk beweglich.

Für das Gesicht nähen Sie die Ohren mit ein paar Stichen an den Hinterkopf. Sticken Sie Augen und Mund ein. Fertig!

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erstellt am 16.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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