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Mecklenburg-Vorpommern

05. Dezember 2016 | 01:29 Uhr

U-Untersuchungen : In Sorge um die Vorsorge

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zwar nutzen immer mehr Eltern die U-Untersuchungen, doch wer erst an die Termine erinnert werden muss, für den kann es teuer werden

Für Dr. Elke Brandt ist es ein Unding: Eltern, die erst nach der Erinnerung durch das Gesundheitsamt mit ihrem Kind zur Vorsorgeuntersuchung gehen, haben die Kosten für diesen Arzttermin unter Umständen selbst zu tragen. „Denn die U-Untersuchungen sind nur dann Kassenleistung, wenn sie innerhalb einer bestimmten Frist in Anspruch genommen werden“, erklärt die Allgemeinmedizinerin, die zusammen mit ihrer Tochter Catharina in Dabel (Landkreis Ludwigslust-Parchim) praktiziert.

Grundsätzlich nehmen hierzulande immer mehr Eltern mit ihren Kindern die angebotenen Vorsorgeuntersuchungen wahr. Zur U3 in der 4. bis 5. Lebenswoche stellen 99 Prozent aller Eltern ihre Kinder vor (2007 waren es nur 95,5 Prozent). An der U5 im 6. bis 7. Lebensmonat nehmen 97,7 Prozent aller Kinder teil (2007: 92,8), an der U9 im 60. bis 64. Monat dagegen nur noch 85,4 Prozent (2007: 81,3 Prozent). Dass eine Fristversäumnis teuer werden kann, ist auch im Sozialministerium bekannt. „Eine finanzielle Belastung könnte insofern entstehen, als bei Wunsch der Eltern nach Vorsorge trotz versäumter Frist beziehungsweise außerhalb der Toleranzgrenze die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die Untersuchung nicht mehr übernehmen und die Eltern privat dafür aufkommen müssen“, heißt es in seiner Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linken-Landtagsfraktion. Der Landesregierung sei aber bislang nicht bekannt geworden, dass es tatsächlich bei Familien zu entsprechenden finanziellen Belastungen gekommen sei. „Insoweit wird kein weiterer Handlungsbedarf gesehen“, heißt es in dem Antwortschreiben.

Hätte das Ministerium in der Praxis der Dabeler Allgemeinmedizinerinnen nachgefragt, hätten die allein aus dem dritten Quartal dieses Jahres vier derartige Fälle auflisten können. „Eines dieser Kinder war fünf Jahre alt und noch nie zuvor bei einer Vorsorgeuntersuchung gewesen“, erinnert sich Dr. Elke Brandt. Ihre Tochter , die ebenfalls Fachärztin für Allgemeinmedizin ist, habe sich an die Krankenkassen gewandt und um Kulanz bei der Kostenerstattung gebeten – in allen Fällen vergeblich. Auch der Verweis auf die sehr enge Fristsetzung hätte daran nichts geändert.

Wenn Kinder hier im Land an Vorsorgeuntersuchungen teilgenommen haben, müssen Ärzte dies binnen 14 Tagen dem Landesamt für Gesundheit und Soziales melden. Die dort angesiedelte Servicestelle zur Förderung der Teilnahme an Kinderuntersuchungen gleicht diese Daten mit denen der Meldebehörden ab und erinnert Eltern gegebenenfalls schriftlich an die Vorsorge. Passiert auch dann nichts, wird das zuständige Gesundheitsamt eingeschaltet.

„Während das Erinnerungsschreiben zum Wahrnehmen der nächstfolgenden U-Untersuchung für die U3 bis U5 automatisch nach Ablauf der jeweiligen Toleranzgrenze verschickt wird, erfolgt dies für die U6 bis U9 einen Monat vor Ablauf der Toleranzgrenze mit der Bitte um Durchführung der Untersuchung bis zum Ablauf dieser“, heißt es in der Antwort der Landesregierung auf die Kleine Anfrage der Linken. Toleriert wird beispielsweise bei der U 7a, die für den Zeitraum zwischen 34. und 36. Lebensmonat festgesetzt ist, auch noch eine Teilnahme zwischen dem 33. und dem 38. Lebensmonat. Die U 9, die besonders wichtige letzte Vorsorgeuntersuchung vor der Einschulung, soll zwischen 60. und 64. Lebensmonat erfolgen, die Toleranzgrenze liegt zwischen dem 58. und dem 66. Lebensmonat.

„Werden Eltern erst vier Wochen vor Ablauf der Kulanzfrist angeschrieben und an den Vorsorgetermin erinnert, schaffen es viele nicht mehr rechtzeitig, zum Arzt zu gehen – schließlich müssen sie sich ja auch erst mal einen Termin besorgen“, ist die Erfahrung von Dr. Elke Brandt. Eltern, die ihr Kind nicht mehr fristgemäß vorstellen, müsste dann eine Privatrechnung gestellt werden. „Da es sich oft um Kinder aus sozial schwachen Familien handelt, die zudem sämtlich unter der Pfändungsgrenze leben, machen wir das nicht“, erklärt die Dabeler Ärztin. Zumal das dann folgende Mahnwesen nur dazu führen würde, dass diese Eltern mit ihrem Kind erst recht keinen Arzt mehr aufsuchen würden. „Im Interesse der Kinder ist hier eine Lösung erforderlich“, betonen Catharina und Dr. Elke Brandt. Solange es die nicht gibt, bleiben die beiden Dabeler Ärztinnen auf den Kosten für verspätete U-Untersuchungen sitzen.

Der sozialpolitische Sprecher der Linksfraktion Torsten Koplin fordert die Landesregierung auf, das Problem im Bundesrat zu thematisieren. Denn es sei ein Problem aller Länder. „Vorsorgeuntersuchungen für Kinder müssen grundsätzlich, auch außerhalb von Zeitkorridoren, von der Kasse bezahlt werden“, erwartet Koplin.

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erstellt am 07.Okt.2016 | 12:00 Uhr

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