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Mecklenburg-Vorpommern

28. September 2016 | 10:34 Uhr

Vereinsserie : Im freien Fall zum puren Nervenkitzel

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mitglieder des Fallschirmsportclubs Mecklenburg in Neustadt-Glewe genießen den Kick beim Sprung aus 4000 Meter Höhe – und das gemeinsame Vereinsleben

4000 Meter Höhe. Die Türen des Kleinflugzeuges öffnen sich. Sofort pfeift Holger Struck ein scharfer Wind um die Ohren. Noch ein kurzer Blick auf den Höhenmesser, dann springt der 55-Jährige ab. Knapp eine Minute lang stürzt er mit mehr als 200 Stundenkilometern in die Tiefe. Erneut schaut der Schweriner auf den Höhenmesser: 1000 Meter. Er öffnet den Schirm. Scheinbar schwerelos schwebt er durch die Luft, bis er schließlich auf einer Wiese des Flugplatzes Neustadt-Glewe sanft zu Boden gleitet.

Für Holger Struck war es der 498. Fallschirmsprung. Und sicher nicht der letzte. Denn der Bauingenieur ist Mitglied im Fallschirmsportclub Mecklenburg (FSCM). Fast jedes Wochenende verbringt er in der Luft, um sich dem Kick des freien Falls hinzugeben. „Es kribbelt im Bauch, wie beim ersten Verliebtsein“, erklärt er seine Faszination an dem Sport. „Es ist einfach die schönste Sache der Welt, die man im angezogenen Zustand machen kann.“

Der Schweriner ist eher durch Zufall zum Fallschirmspringen gekommen. „Es hat alles mit einem Tandemsprung angefangen. Den habe ich zu meinem 50. Geburtstag von Freunden geschenkt bekommen. Nur wenige Wochen später habe ich dann den Lehrgang zum Fallschirmspringer absolviert“, erzählt er. Das ist jetzt fünf Jahre her. Seitdem ist Struck FSCM-Mitglied, seit einem Jahr im Vorstand, und setzt sich für den Erhalt und die Pflege des Sports ein.

Das war schon immer das Hauptanliegen des Clubs. Auch bei seiner Gründung Ende 1989 – eine Notlösung in den Wirren der Wende. „In der DDR gab es keine Freizeit- Fallschirmspringer. Im Wesentlichen war der Sport mit der vormilitärischen Ausbildung in der Gesellschaft für Sport und Technik verbunden“, erläutert Struck. „Damit der Fallschirmsport auch nach der Wende bestehen bleibt, entschieden sich einige Springer dazu, den Verein aufzubauen.“

Aus anfänglich einer Handvoll Mitgliedern sind in 25 Jahren Vereinsgeschichte knapp 130 geworden. Sie stammen größtenteils aus Mecklenburg-Vorpommern, kommen aber auch aus Berlin, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Nicht jeder von ihnen strebt nach dem Glücksgefühl zwischen Himmel und Erde. „Nur etwa die Hälfte sind aktive Springer. Die anderen sind Fördermitglieder, die selbst nicht springen, aber den Sport unterstützen wollen“, erläutert Struck. Der Jüngste sei 16 Jahre alt und lasse sich gerade zum Fallschirmspringer ausbilden. Der Älteste rüstige 70.

Die Springer widmen sich unterschiedlichen Disziplinen. So sind Freeflyer im Duett unterwegs. Ihr Ziel ist es, möglichst elegante Körperpositionen einnehmen. Beim Formationssprung gehen vier Leute in die Luft, um im Team kunstvolle Figuren am Himmel zu zaubern. Freestyler hingegen springen allein und vollführen dabei akrobatische Übungen.

Wie gut die Mitglieder des FSCM sind, haben sie in zahlreichen Wettkämpfen bewiesen. Ihre größten Erfolge sind mehrere Deutsche Meistertitel sowie gute Platzierungen bei Europa- und Weltmeisterschaften. Darauf ist auch Struck stolz: „Das ist unseren Springern hoch anzurechen. Man muss schließlich bedenken, dass sie sich mit Profis messen, die nichts anderes machen als zu springen.“

Nicht um Siege und Pokale, sondern um Spaß geht es beim Ostsee-Inselboogie auf Usedom – ein alljährlicher Höhepunkt der Saison im Sommer, den sich kaum ein Clubmitglied entgehen lässt. Zehn Tage lang starten Flugzeuge im Minutentakt. Gesprungen wird von morgens bis zum Sonnenuntergang in allen Variationen. Das Besondere: Fallschirmspringer aus ganz Deutschland sind mit von der Partie. „Vor acht Jahren haben wir mit 30 Mann angefangen, 2012 waren es mehr als 300 Springer und es werden jedes Mal mehr“, erzählt Struck. Das Event symbolisiert den starken Zusammenhalt unter den Fallschirmspringern – und deren Familien.

Dieser Kameradschaftsgeist ist auch bei den Vereinstreffen des FSCM in Neustadt-Glewe zu spüren. Jeder ist für den anderen da und bringt sich in den Club ein. Alles ehrenamtlich. „Das zeichnet uns aus“, sagt Struck. „Wir sind einer der wenigen Fallschirmsportvereine, bei dem alles noch auf freiwilliger Basis läuft.“ Und das Engagement ist beeindruckend. Buchführung, Steuererklärung oder Organisation des Flugbetriebes: Alles machen die Mitglieder selbst. Auch die Nichtspringer tragen etwas für die Gemeinschaft bei. So bereiten sie zu den Clubtreffen beispielsweise das Abendessen zu. „Dann sitzen 40 bis 50 Leute zusammen, essen gemeinsam und klönen. Da sind Freundschaften entstanden“, erzählt Struck.

Vereint setzen sich die FSCM-Mitglieder auch für wohltätige Zwecke ein. Seit 2010 organisiert der Club jedes Jahr den Günther-Bachmann-Boogie – eine Spendenaktion zu Gunsten der Kinderkrebshilfe Schwerin. Zurückzuführen ist die Aktion auf den ehemaligen Vereinskollegen Günther Bachmann. Er hatte die Idee, sportliches Vergnügen mit dem Sammeln von Spenden zu verbinden. Vor vier Jahren erlag er selbst einer Krebserkrankung. Ihm zu Ehren findet die Spendenaktion statt. Dieses Jahr am 30. und 31. August. Dann werden auch andere Sportvereine auf dem Flugplatz Neustadt-Glewe dabei sein und ihr Bestes tun, um möglichst eine hohe Summe zu erzielen. Im vergangenen Jahr kamen 3 500 Euro zusammen.

Weitere Unterstützer sind jederzeit willkommen – auch als neue Mitglieder. Die Voraussetzung ist Interesse am Fallschirmsport. „Wer Mitglied werden möchte, kann einfach bei uns auf dem Flughafen Neustadt-Glewe vorbeischauen. Wir sind jedes Wochenende hier“, sagt Struck. Wer eine Ausbildung zum Fallschirmspringer machen will, müsse jedoch ein ärztliches Attest vorlegen, dass er körperlich zum Springen in der Lage ist. Aber Struck beruhigt: „Man muss nicht besonders stark sein oder beweglich. Auch eine herausragende Kondition braucht man nicht.“ Man müsse hauptsächlich Mut haben, um in 4000 Metern Höhe aus dem Flugzeug zu springen.

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von
erstellt am 07.Jul.2014 | 11:54 Uhr

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