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Mecklenburg-Vorpommern

04. Dezember 2016 | 23:16 Uhr

Greifswalderin erhält Ehrentitel : „Ich wollte einfach nur leben“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mirjam Brudermann wurde als jüdisches Mädchen bei Greifswald versteckt. Der Staat Israel ehrt ihre Retterin heute als „Gerechte unter den Völkern“

Am 30. April 1945 nahm die Rote Armee die Stadt Greifswald kampflos ein. An diesem Tag befreite sie auch eine 15-jährige Jüdin in Pustow, nahe der Hansestadt, die unter falscher Identität im Gutshaus lebte. Die Bäuerin Mathilde Böckelmann hatte das Mädchen mehrere Monate vor den Nazis versteckt und ihm das Leben gerettet. Heute wird die Retterin in Greifswald postum vom israelischen Staat als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Auf der Veranstaltung wird neben dem israelischen Botschafter Yakov Hadas-Handelsman auch Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) sein.

Jahrzehntelang konnte und wollte Mirjam Brudermann sich nicht an ihre Kindheit in Deutschland erinnern. „Ein Trauma“, sagt sie. Erst im Alter kommen nach und nach die Erinnerungen zurück. Mirjam Brudermann ist das Mädchen, das unter dem Namen Margot Friedrich 1945 in Pustow versteckt wurde. Sie ist heute 86 Jahre alt, lebt in Tel Aviv in Israel. Zur Ehrung von Mathilde Böckelmann ist sie nach Deutschland gekommen. Nach mehr als 70 Jahren wird sie die Tochter ihrer Retterin wiedersehen. Die Bäuerin Mathilde Böckelmann selbst ist bereits 1978 verstorben.

„Sie war eine sehr freundliche und sehr schöne Frau“, erinnert sich Mirjam Brudermann. Sie sei herzlich bei der Familie Böckelmann aufgenommen worden. „Es gab einige gute Leute in der damaligen Zeit, nicht viele, aber sie halfen, sonst würde ich hier nicht sitzen.“ Brudermann spricht akzentfrei deutsch, obwohl sie die Sprache einige Jahrzehnte nicht gesprochen hatte. Nur manchmal fallen ihr für einen kurzen Augenblick deutsche Bezeichnungen nicht ein.

Ehrentitel: „Gerechte unter den Völkern“

Insgesamt wurden 26.119 Menschen, darunter 587 Deutsche, vom Staat Israel mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. 1953 verabschiedete das israelische Parlament das „Gesetz über die Märtyrer und Helden“. Die Regierung beauftragte die Gedenkstätte „Yad Vashem“ die „Gerechten unter den Völkern“ zu ehren.

Die vier Hauptkriterien für eine Anerkennung sind:
Eine konkrete und sicher bezeugte Rettungsaktion für Juden oder Teilnahme an einer solchen. Ein nachweislich eingegangenes persönliches Risiko. Kein Verlangen einer Gegenleistung für die gewährte Hilfeleistung. Nichtjüdische Abstammung. Einer der berühmtesten „Gerechten“ ist Oskar Schindler, bekannt aus dem Film „Schindlers Liste.“

Geboren wurde sie 1930 als Mirjam Fernbach in Schleiden in der Eifel als Tochter des jüdischen Religionslehrers Moses Fernbach und seiner Frau Lea. Drei Jahre später kamen die Nazis an die Macht. Das erste einschneidende Erlebnis für das Mädchen war der Verweis von der Schule. Sie durfte nicht mehr mit den anderen Kindern am Unterricht der katholischen Schule im Ort teilnehmen. Lernen musste sie von 1937 an in einer jüdischen Klasse, in der alle Jahrgänge unterrichtet wurden.

Es sollte noch viel schlimmer kommen. Die Repressionen gegen Juden nahmen zu. „Ich war mit meiner sechs Jahre älteren Schwester allein zu Hause“, erinnert sie sich an die Reichskristallnacht am 9. November 1938. Die Eltern waren an diesem Tag bei Bekannten in Köln. Die kleine Synagoge hinter dem Haus brannte bereits, als Steine durch die Schlafzimmerfenster flogen. Ein Mob wollte ihren Vater, den Rabbi Moses Fernbach, lynchen. Im Klassenraum unter der Wohnung brannte es ebenfalls. Doch das Haus entzündete sich glücklicherweise nicht. Die beiden Mädchen hatten Todesängste.

Die Familie zog nach Berlin. Der Schwester gelang über eine jüdische Jugendorganisation die Ausreise nach Palästina. Als in Berlin Listen für die Todestransporte zusammengestellt wurden, ging die Familie 1942 in die Illegalität und musste sich trennen. Mirjam wurde als 12-Jährige bei einer nichtjüdischen befreundeten Familie in Berlin-Kaulsdorf versteckt. „Meine Eltern sah ich wochenlang nicht“, erzählt sie. Damals bekam sie den Namen Margot Friedrich.

Die Mutter besorgte unter Lebensgefahr Geld zum Überleben. Nach Fliegerangriffen meldete sie sich bei den Behörden mit zerrissener Kleidung und verschmiertem Gesicht als mittelloses Bombenopfer ohne Papiere, um die Sonderhilfe von zehn Mark und Lebensmittelmarken zu bekommen.

Die Angst war auch Mirjams ständiger Begleiter. Einmal wollte sie in Kaulsdorf zum Markt und fuhr mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig. Ein Polizist, der sie anhielt, wollte ihre Papiere sehen. „Da ich keine hatte, sollte ich zur Feststellung der Identität mit aufs Revier“, erzählt die heute 86-Jährige. Das wäre das Ende gewesen. Glücklicherweise konnte eine Marktfrau den Polizisten überreden. Er ließ die junge weinende Radfahrerin los.

Schüler der Europaschule in Rövershagen bei Rostock haben in den vergangenen Wochen und Monaten in einem Projekt die Geschichte des jüdischen Mädchens und der Bäuerin Mathilde Böckelmann in Pustow erforscht. Gestern besuchte Mirjam Brudermann die Schule und stellte sich den Fragen der Schüler.

„Weil es für illegale Juden in Berlin immer gefährlicher wurde, brachte man mich Ende 1944 zur Familie Böckelmann nach Pustow“, berichtet Frau Brudermann den Schülern. Wieder halfen nichtjüdische Freunde der Familie und riskierten viel. In Vorpommern wurde das Leben für die junge Jüdin erträglicher. Sie arbeitete im Garten und in den Ställen. Mit niemandem durfte das Mädchen über ihre wahre Identität reden, hatte ihr Mathilde Böckelmann eingeschärft. Über die Motive der mutigen Bäuerin, weiß Mirjam Brudermann bis heute wenig. „Sie war wohl Kommunistin, hatte mit den Nazis nichts am Hut.“

Nach der Befreiung 1945 holte der Vater seine Tochter nach Berlin. 1947 wanderte die Familie nach Palästina aus.

Die Schüler in Rövershagen wollen von Mirjam Brudermann wissen, warum sie als junges Mädchen in der Zeit der Angst und Verfolgung und der Trennung von der Familie ihren Lebensmut nicht verlor. „Ich wollte damals einfach nur leben, später heiraten, Kinder bekommen und sehen, wie es weitergeht mit mir.“ Heute hat sie drei Kinder, sechs Enkel und zwei Urenkel, erzählt sie stolz.

 

 

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erstellt am 23.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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