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Mecklenburg-Vorpommern

04. Dezember 2016 | 04:57 Uhr

Serie Selbst Gemacht : „Ich verschenke meine Ideen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Renate Hille floh als Kind vor dem Krieg und lernte früh, nicht in Schubladen zu denken: Die 76-Jährige macht aus Sperrmüll neue, ganz andere Gebrauchsgegenstände

Meerjungfrauen räkeln sich an der Wand. Warme Braun-, Blau-, Grün- und Rottöne erwecken sie zum Leben. Die Fabelwesen sind aus Fliesenresten liebevoll zusammengesetzt. Das gesamte Badezimmer – ein Kunstwerk. Und auch in der Küche weiß der Besucher nicht, wo er zuerst hinschauen soll. Die Arbeitsfläche besteht ebenfalls aus Fliesen. „Man sieht, ich hatte nicht genug von einer Farbe, aber das ist kein Problem“, erzählt Renate Hille lachend. Denn die 76-Jährige arbeitet ausschließlich mit Resten, die sie sich irgendwo zusammensammelt. Bevor sie anfängt, ein Mosaik zu fliesen, hat sie eine grobe Idee. Dann sucht sie aus ihrem Gebrauchtwarenlager das zusammen, was farblich ungefähr zueinander passt. „Dabei bin ich völlig entspannt, begrüße jede zufällige Veränderung und gucke ohne jeglichen Zeitdruck zu, wie sich die Arbeit unter meinen Händen verselbstständigt“, erklärt die Künstlerin. Es sei die Neugier darauf, was es wird, die sie bei jedem Gegenstand, den sie baut, bei jedem Bild, das sie fliest oder malt, und bei jedem Kleidungsstück ,das sie neu gestaltet, antreibt.

Renate Hille hatte kein leichtes Leben. Als sie vor 76 Jahren auf die Welt kam, herrschte Krieg. Ihr Vater fiel als Soldat mit nur 26 Jahren. Sie lernte ihn nie kennen. Mit ihrer Mutter floh sie aus Pommern. „Fliegeralarm, heulende Bomben, Explosionen, Luftschutzkeller, herumliegende Leichen und verstümmelte Menschen gehörten fünf Jahre lang ebenso zu meinem Alltag wie blühende Wiesen und Dorftümpel, in denen ich tief beeindruckt beobachtete, wie Kaulquappen zu Fröschen wurden“, erinnert sich Hille. Ihre Stimme ist leise, aber nicht verbittert. Später wurde sie zwangsverheiratet. Wie auch auf der Flucht, musste sich die junge Frau nun wieder selbst durchschlagen. Geschieden und mit einem Neugeborenen wurde sie von der Gesellschaft verstoßen. Später folgten weitere Ehen und Scheidungen, bis sie endlich ihren Traumprinzen fand. Als Patchwork-Familie haben sie heute neun Kinder, erzählt die in Neuhof bei Zarrentin lebende Künstlerin.

Schon immer stöberte die 76-Jährige gerne in Müllhaufen und den Trümmern zerbombter Häuser. Sie fand dort Dinge, die Menschen gehört hatten, die sie nicht mehr brauchten, völlig zerstört waren oder zurückgelassen werden mussten. Schon als Kind, erinnert sie sich, berührte es sie tief, dass all die Sachen nun so zerfetzt herumlagen. So begann sie, daraus Sachen zu gestalten. „Mein Respekt vor gebrauchten Dingen ist bis heute geblieben“, sagt Renate Hille und schaut sich dabei in ihrer Küche um.

Gekaufte Möbel? Fehlanzeige. Ein Sessel, eine Couch, Tische und Stühle, Kommoden und Schränke – alles hat Renate Hille selbst gebaut. „Der Stuhl hier besteht aus mehreren Möbelfragmenten“, erklärt sie voller Begeisterung. Die Säulen der Sitzgelegenheit stammen aus einer Gardinenleiste, die Füße von einem Bett, die Verzierungen von einer Uhr. Alles handbemalt. Sehr bunt und doch passen die Farben perfekt zusammen. In der Fantasie kennt sie keine Grenzen, sagt Renate Hille „Nur dieser Fernseher passt nicht hinein – ein hässliches Ding“, witzelt sie. Aber auch dafür hat die Künstlerin, die bereits Werke in New York ausstellte, eine pfiffige Lösung: „Ein Fernsehkondom“, lacht sie. Den TV-Überzieher hat sie aus einer Decke geschneidert und mit einem Blumenmuster aus anderen Stoffen verziert. „So schmiegt sich das Gerät ins Gesamtbild“, bekräftigt Renate Hille.

Aus wirklich allem, was andere wegschmeißen, kreiert sie etwas ganz Neues. Aus Plastiktüten macht Renate Hille beispielsweise Regenjacken, aus Decken werden Mäntel und aus Jacken Hosen. Was sie in den kaputten und oft ausgedienten Sachen sieht, sieht sonst niemand. „Auch beim Fahrradfahren darf ich nicht runtergucken, dann wird mir schlecht, weil ich in den Pfützen und Steinen Dinge und Figuren erkenne“, beschreibt sie ihre Fähigkeit.

Renate Hille verdient mit ihren Ideen kein Geld, regelmäßig verschenkt sie ihre Arbeiten zum Versteigern zugunsten öffentlicher Instituitionen wie dem Kinderhospiz oder verleiht Wandbehänge, die ganze Weihnachtsgeschichten erzählen, an Kirchen und Vereine. „Ich verschenke meine Idee – das ist für mich Lebensfreude“, sagt Renate Hille lächelnd.

Wer sich das Haus von Renate Hille ansehen möchte, um Ideen und Anregungen zu sammeln, kann das gerne sonnabends in der Zeit von 10 bis 15 Uhr. Adresse: Hauptstraße 29, 19246 Neuhof,  Internet: www.hillekunst.com

 

Anleitung: Aus einfachen Sachen ein Bild gestalten

Renate Hiller hat einen tollen Tipp für alle Kreativen und Kinder.

Dafür benötigt man:

  • eine Unterlage
  • einen Tuschkasten
  • Pinsel
  • ein Glas Wasser
  • Kleber (Baukleber hält in den meisten Fällen besser und länger)
  • Kieselsteine
  • ein Stück altes Laminat(ein Stück Holz oder Pappe tut es auch)

Sobald alles vorbereitet ist, geht es los.

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1. Das Stück Laminat auf die Unterlage legen und Kieselsteine, die man einfach im Freien zusammensuchen kann, darauf legen. Mit diesen Steinchen kann man tolle Dinge legen, etwa einen Hund.

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2. Wenn man die Steine zu einem Bild zusammengelegt hat, klebt man sie fest.

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3. Ist der Kleber getrocknet, kann man die Steine nach Lust und Laune bemalen.

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4. Sobald die Farbe getrocknet ist, kann man das Bild aufhängen. Tipp: Es empfiehlt sich, schon vor dem Aufkleben ein Loch am oberen Rand des Laminatstücks zu bohren.

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erstellt am 01.Nov.2016 | 11:55 Uhr

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