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Mecklenburg-Vorpommern

30. September 2016 | 05:15 Uhr

Vergeltungswaffe V3 : Hitlers Traum von der Superkanone

vom

Der Führer des Nazi-Reiches träumte von einer Superkanone,  mit der er von Frankreich aus London beschießen konnte.

Der saarländische Großindustrielle Hermann Röchling hatte Adolf Hitler 1943 den Floh ins Ohr gesetzt. Seitdem träumte der Führer des Nazi-Reiches von einer Superkanone,  mit der die Wehrmacht vom besetzten Frankreich aus London beschießen konnte. Alle sechs Sekunden würde eine 155-Millimeter-Granate im Zentrum der britischen Metropole explodieren. Jeden Tag, jede Nacht. Keine drei Wochen würden die Briten das aushalten, mutmaßte Hitler. Der Endsieg schien wieder einmal in greifbarer Nähe.

Zwar tüftelten in Peenemünde auf Usedom bereits seit Jahren deutsche Ingenieure unter Führung von Wernher von Braun und Walther Dornberger an Flügelbomben und  Raketen gegen England, aber Einsatz und Wirkung waren 1943 noch ungewiss. Dagegen kannte Hitler als Gefreiter des Ersten Weltkriegs die Folgen eines konventionellen Artilleriebeschusses genau. Darum bekam das  Projekt London-Kanone schließlich grünes Licht  und unter der Tarnbezeichnung „Hochdruckpumpe“ die strengste Geheimhaltungsstufe.

An der Ostsee und nur 60 Kilometer östlich von Peenemünde, in dem Örtchen Laatziger Ablage auf Wollin, bauten die Nazis in Windeseile ein Versuchsgelände auf. Anfang 1944 wurden die ersten Test durchgeführt.

Damit hatten Peenemünde und  seine V1- und V2-Entwickler Konkurrenz bekommen. Noch in seinen Memoiren ätzte Walther Dornberger gegen die Londonkanone, die spätere Vergeltungswaffe V3: „Alle an der Vorführung Beteiligten waren sich einig, dass die Weiterentwicklung und der Einsatz dieses Gerätes für den Ausgang des Krieges ohne jede Bedeutung waren.“ Dieser Satz traf allerdings auch auf seine V2-Rakete und die V1-Flügelbombe zu. Die Entwicklungen  waren technisch beeindruckend, moralisch fragwürdig, militärisch unbedeutend.

Heute heißt der Ort Laatziger Ablage auf polnisch Zalesie und befindet sich  weniger als 20 Kilometer hinter der deutsch-polnischen Grenze. Im einstigen Bunker für die Testmunition hat Pjotr Nogala 2006 ein  Mini-Museum eingerichtet.  Neben dem kleinen Bunker  erinnern nur noch Betonreste der drei einst gigantischen Stellungen  an das Testgelände und an die Superkanone.

 Das Museum mit Zeichnungen und und diversem  Militaria  ist kaum größer als eine Garage. Der Eintritt kostet fünf Zloty oder einen Euro. „Die meisten Besucher sind polnische Urlauber aus dem nahen Seebad Mistroy, aber auch viele Deutsche von der Insel Usedom besuchen uns“, berichtet Nogalas Mitarbeiterin. Sogar aus den USA, Japan und Thailand seien V3-Interessierte ins kleine Museum gekommen.

Nogala, der sich seit Jahren mit der Geschichte der Superkanone  beschäftigt und nahezu alle Einzelheiten kennt, erklärt den Besuchern bei der Führung auf polnisch: „Das Rohr war 150 Meter lang, mehr als 70 Tonnen schwer und sollte Granaten über eine Entfernung von 160 Kilometern feuern.“   Etwa 600 Soldaten waren für die Bedienung einer einzigen Kanone notwendig.

Das Geschütz funktionierte nicht nach dem herkömmlichen Prinzip, sondern hatte am Rohr viele links und rechts  in T-Form angeordnete Sprengkammern. Wenn die Granate nach der Zündung der Grundladung im Lauf diese Kammern passierte, explodierten die Ladungen automatisch und gaben der Granate einen zusätzlichen Schub. So sollten extreme Mündungsgeschwindigkeiten von mehr als 1500 Metern pro Sekunde und bislang unerreichte Entfernungen erzielt werden.

Für die nichtpolnischen Besucher teilt Pjotr Nogala  im Bunker einen Handzettel in deutscher Sprache aus. Dort liest man, dass mit drei, allerdings etwas verkleinerten Varianten der V3 auf dem Testgelände geschossen wurde. Dabei sollen tatsächlich einige Granaten, die zur Stabilisierung die Form von Pfeilen hatten, 140 Kilometer weit in die Ostsee geflogen sein. Das Problem war allerdings der Druck in den Rohren, die immer wieder platzten.

Trotzdem ließ Hitler  noch lange vor der Serienreife  der Kanone zwei Abschussbunker in Mimoyecques in Frankreich bauen. Die riesigen unterirdischen Bauwerke waren neun Stockwerke tief und sollten jeweils 25 Rohren Platz bieten. Die Bunkerplatten hatten eine Dicke  von sieben Metern Stahlbeton. Darunter sollten die Geschütze  in einem Winkel von 45 Grad auf die Londoner Tower Bridge ausgerichtet werden. Die Streuung hatten  die  Entwickler mit ungefähr vier Kilometern angegeben.

Die Bunker, noch nicht fertiggestellt, wurden von alliierten Flugzeugen bald entdeckt. Bei einer Bombardierung starb   im August 1944 Joseph P. Kennedy junior, der älteste Bruder des späteren US-Präsidenten John F. Kennedy.  Seine Maschine explodierte beim Anflug über dem Ärmelkanal, die Leiche wurde nie gefunden.

Als die Alliierten im Juni 1944 in der Normandie landeten und in den darauffolgenden Monaten Frankreich befreiten, war Hitlers Traum von der Londonkanone ausgeträumt. Zwei  auf 58 Meter Rohrlänge verkürzte Versionen kamen im Dezember 1944  und Januar 1945 dann doch noch zum Einsatz.  Während der Ardennenoffensive beschoss die Wehrmacht von Ruwertal bei Trier aus das 42 Kilometer entfernte Luxemburg.  183 Granaten sollen abgeschossen worden sein; zehn Menschen starben. Als die Amerikaner weiter vorrückten,  wurden die Rohre gesprengt.

Bei der historischen Aufarbeitung nach dem Krieg  stand die  V3 immer im Schatten der bekannteren Peenemünder Flügelbombe V1 und der V2-Rakete. Rätsel blieben bis heute ungelöst.    Augenzeugen berichteten nach dem Krieg von ausgedehnten Bunkeranlagen auf dem V3-Testgelände in den Wäldern von Wollin.  Darüber ist heute nichts mehr bekannt. Wo sind die Werkstätten, Lager  und Büros geblieben, wo die Unterkünfte für die Entwickler und für die etwa 1000 Soldaten? Fragen, auf die auch Museumsbetreiber Pjotr Nogala  nach Antworten sucht.

Ein Diktator im fernen Irak erinnerte sich Jahrzehnte  nach dem Untergang des Dritten Reiches  an Hitlers Londonkanone. Sadam Hussein beauftragte 1988 den kanadischen Ingenieur Gerald Bull mit dem „Projekt Babylon“ und  dem Bau von fünf Superkanonen, mit denen vom Irak aus Israel beschossen werden konnte. Tatsächlich  soll bei einem Test im Sommer 1990 eine  Reichweite von 229 Kilometern erreicht worden sein.  Nach dem  ersten Irakkrieg wurden die Superkanone  und deren Anlagen 1991 vernichtet.

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erstellt am 16.Sep.2014 | 12:00 Uhr

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