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Mecklenburg-Vorpommern

05. Dezember 2016 | 17:40 Uhr

Fußballrasen aus Schwerin : Grün auf Bestellung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In einem Dorf zwischen Schwerin und Hagenow wächst der Fußballrasen für viele Stadien in Europa

Arnd Peiffer zieht ein kleines Messer aus seiner Tasche. Er kniet sich auf den Boden, schneidet ein Stück Rasen heraus und hält es in seinen Händen, als sei es ein kleiner Schatz. Peiffer deutet auf die Wurzeln. Sie sind nicht größer als fünf Zentimeter, für ihn aber bedeuten sie die Welt. „Robuster geht es nicht“, sagt er mit einem Lächeln. Peiffer kennt sich aus mit Rasen, 2001 schrieb er eine Diplomarbeit über das Grün in modernen Fußballstadien. Neben ihm röhrt ein Fahrzeug. Akkurat schneidet es Rasenstücke zurecht und rollt sie auf: 3,8 Zentimeter dick, 1,20 Meter breit, 16 Meter lang und eine Tonne schwer. Es ist der neue Rasen für das Berliner Olympiastadion. Angebaut in Alt Zachun, einem kleinen und verschlafenen Dorf südlich von Schwerin.

Seit 2014 züchtet Arnd Peiffer Rollrasen in Mecklenburg-Vorpommern. Damals war er auf der Suche nach geeigneten Flächen. Eigentlich wollte er in den Süden Deutschlands, wegen der vielen Kunden dort und des Wetters, erzählt er. Aber dann kam er auf Alt Zachun. „Die Bodenqualität war perfekt.“ Mittlerweile bewirtschaftet die Firma aus der Nähe von Düsseldorf rund 50 Hektar im und um den kleinen Ort. „Es war ein kleiner Sprung ins Blaue“, sagt Peiffer. „Heute sind wir zufrieden mit der Wahl.“ Der Rollrasen aus Alt Zachun liegt quer in Europa verteilt. Stockholm, Kopenhagen, Stuttgart, Leverkusen. Und jetzt Berlin, das größte Sitzplatzstadion Deutschlands.

Wie kommen die Muster auf das Spielfeld?
Dunkle und helle Streifen, Kreise oder gar Schachbrettmuster: Platzwarte sind Naturfriseure. Wie aber kommen die Muster in den Rasen? Nicht verschiedene Grassorten oder aufgesprühte Farbe, sondern der Spindelmäher macht den Unterschied. Beim Mähen drückt er die Halme in die Richtung platt, in die er gerade fährt. Je nachdem, wo man im Stadion steht und auf den Rasen blickt, entsteht der Eindruck heller und dunkler Streifen: Gegen die Fahrtrichtung schaut man mehr in die Rasennarbe hinein, der Anschein entsteht, er sei kräftiger. In Fahrtrichtung blickt man hingegen auf die Rasennarbe, er ist heller und glänzt. Platzwarte der ersten und zweiten Bundesliga sind in ihrer künstlerischen Freiheit aber eingeschränkt. Die Richtlinien der Deutschen Fußball LIga (DFL) schreiben vor, dass die Greenkeeper die Muster parallel zu den Torlinien anlegen müssen, um ein einheitliches Bild zu gewährleisten.


Der Auftrag von Hertha BSC kam erst in der letzten Woche. Vermehrt hatten sich die Gegner der Hertha über den Zustand beschwert. Selbst der Berliner Trainer Pál Dardai schimpfte öffentlich, seine Mannschaft könne auf dem Rasen nur noch Zufalls-Fußball spielen. „Und dann stand auch schon der Platzwart hier, um die Qualität zu prüfen“, sagt Peiffer. Der entschied sich für eine Wiesenrispe. Sie gilt als besonders robust und hat eine dichte Rasennarbe. Perfekt für ansehnlichen Fußball. Noch hat der Rasen einen kleinen Gelbstich, das sei aber normal für die Jahreszeit. Wenn er erstmal ein paar Wochen im Olympiastadion liegt, erzählt Peiffer, erstrahlt er im saftigen Grün. Bis dahin ist noch viel zu tun.

In Berlin arbeiten seit Sonntag zwölf Mitarbeiter der Firma, um den alten Rollrasen abzutragen. Der neue wird seit gestern zum Stadion gekarrt. Insgesamt 450 Rollen, verteilt auf 18 Laster. Gesamtgröße: über 8000 Quadratmeter. Heute Abend soll alles fertig sein, immerhin rollt in der Hauptstadt am Freitag schon wieder der Ball, Hertha gegen Schalke. „Der Rollrasen hat den Vorteil, dass er sofort bespielbar ist, ohne anwachsen zu müssen“, erklärt Peiffer. Im Olympiastadion wird der Rasen nur auf den Mutterboden gerollt und die einzelnen Stücke hydraulisch aneinandergedrückt; ähnlich wie beim Laminat verlegen. Die Rollen stabilisieren sich gegenseitig und wachsen dann mit der Zeit an.

Die Gesellschafter des Olympiastadions bezahlen für den neuen Rasen rund 150 000 Euro. Nach der Bundesliga-Saison, einem Länderspiel, dem DFB-Pokalfinale und ein paar Konzerten im Sommer muss er dann wohl wieder ausgetauscht werden. „Das sollte aber für uns kein Problem sein“, sagt Peiffer und lacht.

Ein paar Felder liegen in Alt Zachun schon bereit. Und noch einen Vorteil hat der unscheinbare Ort: Peiffer hat noch keinen dabei erwischt, der auf dem Rasen der Profis gebolzt hat. Vielleicht ändert sich das ja jetzt.

Der perfekte Rasen
Der Weg zum perfekten Rasen beginnt im April, Mai oder Juni: Die Temperatur des Bodens und das Wetter bieten im Frühjahr die besten Voraussetzungen für neues Grün. Zum Start sollte der Boden ein bis zwei Spatenstiche tief umgegraben werden. Unkraut, Reste von Wurzeln – alles muss weg, bevor die Rasenerde locker auf den Boden verteilt wird; rund zehn Liter pro Quadratmeter. Nach zwei Wochen Ruhe folgt die Aussaat. Anschließend ausreichend und regelmäßig wässern, damit die Erde nicht austrocknet. Soll der neue Rasen strapazierfähig sein und fast so aussehen wie im Stadion, empfiehlt die Deutsche Rasengesellschaft einen Saatgutmix: 30 Prozent Weidelgras, 40 Prozent Wiesenrispe und 30 Prozent Rot-Schwingel. Ist der Rasen gut angewachsen, kommt der Mäher zum Einsatz: Zum ersten Mal am besten, wenn das Grün zehn Zentimeter Höhe hat. Dagegen ist kein Kraut gewachsen.
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von
erstellt am 09.Mär.2016 | 11:45 Uhr

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