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Mecklenburg-Vorpommern

02. Dezember 2016 | 23:20 Uhr

Reichspogromnacht 1938 : Gewaltorgien im ganzen Land

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In der Reichspogromnacht im November 1938 brannten auch in Mecklenburg die Synagogen / Es war der Auftakt zum Holocaust

Ihren Hass und ihre Menschenverachtung wollen die SS- und SA-Männer in Warin auch an den Toten auslassen. Der Trupp läuft an den Stadtrand in ein Waldgebiet. Dort liegt der jüdische Friedhof.

Die Nazis sind am 9. und 10. November 1938 im ganzen Reich unterwegs und verbreiten unter der jüdischen Bevölkerung Angst und Schrecken. Sie demolieren Geschäfte, stecken Synagogen in Brand, drangsalieren ihre jüdischen Mitbürger. Auch in Mecklenburg eskaliert der Antisemitismus in der sogenannten Reichspogromnacht.

Auf dem jüdischen Friedhof in Warin verwüstet der Schlägertrupp die Ruhestäten und schlägt die Grabsteine kaputt. Der Friedhof wird nahezu vollständig zerstört. „Die haben sich regelrecht ausgetobt“, sagt der ehemalige Geschichtslehrer und Historiker Jakob Heinz aus Schwerin. „Diese Menschenverachtung ist erschütternd.“ Der 88-Jährige hat viel über die Geschichte in Mecklenburg geforscht. Dabei stieß er auch auf das Schicksal von Clara Seligson. Die Klavierlehrerin war eine von zwei jüdischen Einwohnerinnen in Warin. „Die Faschisten sind in ihre Wohnung eingedrungen und haben alles kaputt geschlagen“, schildert Heinz die Ereignisse. Übergriffe wie in Warin werden in dieser Novembernacht auch in anderen Teilen des Landes verübt. In mindestens zehn Städten kommt es nach Recherchen des Forschungsprojektes „Die Juden von Mecklenburg“ zu Überfällen auf Privatwohnungen. Geschäfte werden ausgeraubt und demoliert. Selbst in den kleinsten Winkeln von Mecklenburg werden Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft entrechtet und verfolgt.

Und immer wieder greifen die Nationalsozialisten in dieser Nacht jüdische Gotteshäuser und Friedhöfe an. Die Synagoge in Rostock brennt am frühen Morgen des 10. November. Auch das Gotteshaus in Neubrandenburg geht in Flammen auf. Den Brand hatte ein SA-Mann gelegt. Die Feuerwehr schützt nur das daneben stehende Gebäude. 11 Synagogen werden in der Reichspogromnacht nach Angaben des Forschungsprojektes in Mecklenburg zerstört. Etwa 175 jüdische Menschen verschleppt man in Gefängnisse. Die Nacht im November 1938 markierte den Anfang der systematischen Ermordung der Juden in Deutschland und Europa.

Der ehemalige jüdische Friedhof im Wald bei Warin ist heute von einem Holzzaun umgeben. Der Eingang führt durch ein Metalltor mit zwei Davidsternen. Um 12 Uhr hört man die Kirchenglocken aus der Stadt läuten. Der Boden ist mit Eichenlaub übersät. An die Grabstelle erinnert ein schlichter Findling mit der Inschrift: „DIE TOTEN MAHNEN.“

Der Appell ist für den Historiker Jakob Heinz aktueller denn je ist. „Fremdenhass und faschistisches Gedankengut haben dazu geführt, dass Millionen Menschen umgebracht wurden“, sagt der 88-Jährige. Mit großer Sorge betrachte er deshalb die Bilder und Meldungen über Brandanschläge auf Flüchtlingsheime und Übergriffe auf Ausländer. „Auch gegen diese Menschen wird mit naziähnlicher Propaganda gehetzt.“ Rechte Ideen und Positionen spielen immer mehr eine Rolle, findet Heinz. Gerade bei jungen Menschen. „Wir müssen uns gegen die Neonazis stark machen. Ihre Ideen müssen aus den Köpfen raus.“

Hintergrund: 75 Überlebende

Abraham, Hermann; Abraham, Käthe; Ahrens, Paul... 852 Namen enthält die Liste auf der Internetseite www.juden-in-mecklenburg.de. Jeder Name steht für ein ausgelöschtes jüdisches Leben in und aus Mecklenburg. Die Männer, Frauen und Kinder wurden ermordet oder setzten ihrem Leben selber ein Ende, weil sie keine andere Möglichkeit sahen, dem Nazi-Terror zu entkommen.

Nach der Definition der Nationalsozialisten lebten 1933 in Mecklenburg noch etwa 1000 Juden in 47 Gemeinden. Die größte Gemeinde mit rund 175 Mitgliedern existierte in Rostock.

Bis Ende 1942 wurden fast alle Juden aus Mecklenburg in Vernichtungslager deportiert.

Den Holocaust im Nationalsozialismus überlebten nach Angaben der Internetseite gerade einmal 75 Mecklenburger jüdischer Religion.

Aktuell gibt es noch jüdische Gemeinden in Schwerin und Rostock.

 

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erstellt am 09.Nov.2016 | 08:00 Uhr

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