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Mecklenburg-Vorpommern

26. Juli 2016 | 19:59 Uhr

STREITBAR : Generation Y: Mehr Schein als Sein

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Altersgruppen werden wie Marken behandelt. Doch hält die „Generation Y“, was sie verspricht und was ist von der „Generation Golf“ geblieben?

„Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.“ So wird eine Keilschrift aus der Wiege der Menschheit in Ur (heute Irak) entziffert, die vor über 4000 Jahren bereits mit der damaligen Jugend abrechnete. Heute gibt es zwei gewichtige Unterschiede zu dem Urteil aus früheren Zeiten: Erstens haben die drastisch gesunkenen Geburtenraten zur Folge, dass immer weniger Bundesbürger eigene Kinder haben. Die Kinderlosen urteilen also immer seltener durch eigenes Erleben, sondern sie nehmen für bare Münze, was ihnen Trendforscher, Werbung oder Medien als charakteristisch für die „junge Generation“ vermitteln. Zweitens haben die Jungen die Demografie auf ihrer Seite: Die Kinder der Babyboomer bekommen von allen Seiten zu hören: „Ihr seit die Fachkräfte von morgen. Wir brauchen Euch ganz dringend.“ Das stärkt natürlich das Selbstbewusstsein und Auftreten. Sie sind es gewohnt, dass ihre Wünsche erfüllt werden.

Derzeit richtet sich das Brennglas auf die „Generation Y“. Wer es gerne angelsächsisch mag, nennt sie Generation Why. Oder Generation Smartphone, oder Generation Facebook. Diese Generation nennt sich nicht selbst Ypsiloner, sondern wird so genannt. Gerne von Personalmanagern, sorry: Human Resource Managern, die sich auf Recruiting-Kongressen von angegrauten Jugendforschern bestätigen lassen, wie schwierig diese neuen Mitarbeiter sind und wie viele Seminare man noch besuchen muss, um die „Führungskräfte von morgen“, die gar keine sein wollen, richtig zu betütteln.

Steht uns also die große Wende bevor? Angeblich legen die nach 1980 Geborenen weder auf dickes Gehalt noch fetten Dienstwagen wert. Sie wollen keine Karriere machen, sondern viel Freizeit. Schon bei der Einstellung fragen sie nach dem Sabbatical. Möglichst viel „Work-Life Balance“ soll schließlich den üblen Stress im Job verhindern. Die Eltern der Ypsiloner haben ihnen schon im Gitterbettchen mit Erich Fromm eingetrichtert, dass das Sein wichtiger ist als das Haben. Man also nicht Dinge besitzen muss, sondern diese am besten teilt: Auto, Wohnung und Freunde. Denn Besitz ist Ballast. Und das Streben nach Eigentum verdirbt den Charakter. Diese Generation möchte nicht nur gutes Geld verdienen, sondern „etwas Sinnvolles“ tun. Irgendwie erinnern die Stereotypen, die über die Generation Why verbreitet werden, an das Ideal vom besseren Menschen. Schade nur, dass man diese sie im wirklichen Leben so selten trifft.

Statt selbstlos marschiert die Generation „30 Minus-Plus“ eher selbstgefällig durchs Leben. Den herablassenden Blick verbirgt sie gerne hinter überdimensionierten Sonnenbrillen. Klar, statt eines dicken BMW fährt man den kleinen Mini, der etwas aufgerüstet genau so teuer ist, was natürlich jeder in der Szene weiß. Teilen? Nicht einmal die Parkbank mit einem Fremden. Weshalb man die Sitzgelegenheit vorsorglich mit allerhand Utensilien besetzt und sich weiße Stöpsel einer teuren Kultmarke ins Ohr steckt, um aller Welt zu signalisieren: Ich lege keinen Wert auf Kommunikation – die ich grundsätzlich natürlich für megawichtig halte. Schließlich müssen die Menschen „Konflikte ausdiskutieren“, um „interkulturelle Grenzen zu überschreien“ und „die Welt jeden Tag ein bisschen besser“ zu machen. Nur: Nicht heute, vielleicht morgen. Aufschieberitis zählt natürlich auch zur neuen Kultur.

Wenn überhaupt, dann trifft für diese Generation die Bezeichnung „Nicht wirklich“ zu. Sie ist zwar von zu Hause weg, aber eben auch noch nicht wirklich als Selbstversorger angekommen. Sie möchte ökologisch korrekt durchs Leben schlendern, aber nicht wirklich auf etwas verzichten. Die Umwelt sauber halten? Prinzipiell ja – wenn man nicht gleich den eigenen Schulhof aufräumen muss. Das soll dann doch lieber der Hausmeister machen.

Sie wollen die große Freiheit genießen, entscheiden sich am Ende aber doch für den sicheren Job. Entweder bei einem der angesagten Konzerne oder eben beim Staat, den man plötzlich wieder schätzt. Namhafte Autobauer wie BMW oder Audi stehen ganz oben auf Hitliste der begehrten Arbeitgeber – schon mehrwürdig für eine Generation, die das eigene Auto als Statussymbol angeblich verschmäht. Sie fordert Feedback vom Chef, der natürlich guter Kumpel sein soll, doch Kritik an sich selbst will man dann doch lieber nicht hören.

Natürlich möchten die Kinder der Babyboomer auch selbst gerne eine Familie. Aber sich nicht wirklich binden. Und schon gar nicht so früh. Und Kinder? Sind leider zu teuer, wie jüngst eine Befragung ergabt: Für 67 Prozent der Ypsiloner kosten Kinder schlicht zu viel Geld, weitere 60 Prozent wollen lieber frei und unabhängig sein. Man kann diese Generation also auch den Buchstaben E verpassen: E für Egoistisch.

Wie es der Zeitgeist befiehlt, halten die Ypsiloner Wachstum für schädlich, außer auf dem eigenen Konto. Sie verurteilt den „Raubbau an der Natur“, aber ein geräumiges Loft ab hundert Quadratmetern wäre nicht schlecht. Am besten in trendiger Innenstadtlage. Um sich das leisten zu können, fordert man eine Mietpreisbremse. Natürlich ist man für mehr direkte Demokratie und Bürgerbeteiligung. Aber dann auch zur Wahl gehen? Nicht wirklich. Alle Befunde besagen, dass die Generation Why nur schwer an die Urnen zu bringen ist. Selbst wenn es um ureigenste Interessen wie Studentenparlament geht.

Achtsamkeit soll eine besondere Eigenschaft der Generation Y sein. Doch wo ist die angebliche Rücksicht, wenn man an einer Engstelle im Straßenverkehr auf Durchlass wartet? Im Zweifel ist es die Dame der Generation 60plus, die den Jüngeren den Vortritt lässt. Oder einem die Tür aufhält. Schließlich hat die Generation Smartphone gar keine Hand frei, muss unablässig twittern und posten, was gerade abgeht. Ein kostenfreies W-Lan-Netz gehört für die Berufsanfänger von gestern und heute zur Grundversorgung.

Schon haben die Zukunftsforscher die nächste Generation im Visier: Von hinten drängt die „Generation Z“ an die Futtertröge. Das „Z“ soll dann wohl für Zero stehen, wie das neudeutsch heißt: null Kalorien, null CO2-Verbrauch und noch weniger Bedürfnisse. Nur gelebt wird auch dieser Trend nicht wirklich.

Eher ist eine Generation R zu befürchten. Lehrer und Erzieher berichten einem Trend zur Rücksichtslosigkeit. R steht dann für Rüpel. Das sind die Kinder der Helikopter-Eltern, denen früh eingeimpft wurde, dass sie vor allem Rechte haben. Von Pflichten spricht man nicht. Neulich hat in Hamburg eine Lehrerin über ihre Erfahrungen mit ihrer Klasse berichtet und einen Brandbrief an die Eltern geschrieben. Titel: Ich schäme mich für Ihre Kinder! Es wird geschlagen, beleidigt, gerülpst – und die Schüler sind sich ihres Fehlverhaltens nicht einmal bewusst. Wohlgemerkt: Es handelt sich nicht um pubertierende Jugendliche an einem sozialen Brennpunkt, wie man das heute nennt. Es waren Erstklässler. Also Sechs- und Siebenjährige. Die Eltern haben nun nicht darüber nachgedacht, ob vielleicht zu Hause etwas mit der Kinderstube schiefgelaufen ist, sondern sich ihrerseits über die Lehrerin als „unfähige Erzieherin“ beschwert. Auch bei diesen 35 bis 48-Jährigen driftet Sein und Schein auseinander. Die Generation „Nicht wirklich“, die also nicht wirklich lebt, was sie vorgibt zu leben, ist eine generationsübergreifende. Egal welche Markenembleme man ihnen aufklebt.
 

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von
erstellt am 05.Apr.2014 | 15:55 Uhr

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