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Mecklenburg-Vorpommern

26. Juni 2016 | 01:06 Uhr

Prozess : Gefälschter Haken

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Prozess um Handel mit Plagiaten großer Markenproduzenten begann in Schwerin

Ob die berühmten drei Streifen, die springende Raubkatze oder der schwungvolle Haken – Produkte renommierter Markenhersteller stehen hoch im Kurs. Wortwörtlich. Denn für Sportschuhe, die auch hochbezahlte Stars tragen, muss Otto-Normalverbraucher tief in die Tasche greifen. Wer nutzt da nicht gern Schnäppchenangebote? Zwei Brüder aus Neubrandenburg sollen daraus eine Geschäftsidee entwickelt haben. Eine kriminelle allerdings. Denn auf den Schuhen und Textilien, die sie offenbar im großen Stil von der Vier-Tore-Stadt aus via Internet verkauften, standen zwar wohlklingende Namen wie Nike, Puma, Gucci, Dolce & Gabbana oder Armani. Aber „drin“ waren Allerweltsprodukte. Nichtsahnende Käufer boten bei den Auktionen gern mit. Jedoch auch Testkäufer, die von echten Markenproduzenten ins Rennen geschickt werden. Den Brüdern kam eine Kanzlei aus Frankfurt/Main auf die Schliche, die im Auftrag des Sportartikelherstellers Nike (der mit dem schwungvollen Haken) dem Handel mit Plagiaten nachspürt. Über die Verkaufsplattform Ebay hatte vor fast zehn Jahren ein Mecklenburger ein Paar „original“ Nike-Schuhe für 96 Euro angeboten. Eine Fälschung, wie die auf Markenrecht spezialisierten Anwälte feststellten. Über den Verkäufer – offenbar ein Strohmann – gerieten schließlich die Brüder ins Visier der Ermittler.

So nahm eine lange Geschichte ihren Lauf, die Christian A. nun auf die Anklagebank des Schweriner Landgerichts führte. Er sitzt dort mit seinem Verteidiger Andreas Roter, aber ohne seinen vier Jahre jüngeren Bruder.

Selbst die Mailadressen der Eltern missbraucht

Der soll sich dem Vernehmen nach in der Türkei aufhalten. Von dort hatte er laut Anklage Anfang 2007 den Verkauf der gefälschten Waren organisiert. Bis heute haben ihn die Fahnder nicht ausfindig machen können. So muss sich der 34-Jährige allein Justitia stellen.

Der Staatsanwalt wirft ihm rund 4500 Betrugsfälle in der Zeit zwischen März 2004 und März 2007 vor. Den Erlös aus dem verbotenen Handel schätzt die Staatsanwaltschaft auf rund 260 000 Euro. Einen Teil der Waren sollen die Brüder selbst gefälscht, einen Teil der Plagiate aber auch von „Geschäftspartnern“ unter anderem aus Duisburg und Berlin bezogen haben. Bei den Straftaten haben die Brüder offenbar eine Vielzahl von Internetadressen verwendet, auch die von den eigenen Eltern.

Juristisch könnte die Geschichte für den älteren Bruder glimpflich ausgehen. Sein Verteidiger hat gestern zu Prozessbeginn in einem Rechtsgespräch hinter verschlossenen Türen eine umfangreiche Aussage seines Mandanten angeboten, wenn der dafür auf Bewährung verurteilt wird, also nicht ins Gefängnis muss. Ein Teil der weit zurückliegenden Vorwürfe könnte unter den Tisch fallen. Das alles würde das Verfahren erheblich abkürzen. Gericht und Staatsanwalt scheinen nicht abgeneigt. Am Dienstag wollen die Richter sagen, ob sie auf den „Deal“ eingehen.

Irgendwann im Laufe des Prozesses wird auch der Nike-Anwalt aus der Mainmetropole nach Schwerin reisen. Der internationale Sportartikelproduzent ist Nebenkläger in dem Strafprozess. Wenn der Markenriese, was wahrscheinlich ist, zivilrechtliche Ansprüche geltend macht, dann könnte das vermeintlich lukrative Geschäft richtig teuer für die Brüder werden.

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erstellt am 15.Aug.2014 | 07:42 Uhr

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