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Mecklenburg-Vorpommern

26. September 2016 | 03:56 Uhr

Tourismusbarometer : Frust an der Ostseeküste

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Gästezahlen steigen – die Zahl der enttäuschten Einwohner in den Urlaubsorten aber auch. Ein Erklärungsversuch

Um stolze fünf Prozent stieg die Anzahl der Gästeübernachtungen in MV im ersten Halbjahr. So viel wie lange nicht mehr. In Vorpommern und Usedom sind es sogar 7,6 Prozent. 7,1 Prozent sind es auf dem Darß. Das ist bundesweit Spitze. Der Ostdeutsche Sparkassenverband präsentierte gestern in Stralsund diese Zahlen in seinem Tourismusbarometer 2016. Angesichts der Ängste der Deutschen vor einem Urlaub im krisengeschüttelten Ausland kein Wunder. Der Präsident des Landestourismusverbandes, Jürgen Seidel, frohlockt dennoch, dass die Marke von 30 Millionen Übernachtungen 2016 erstmals überschritten werde.

Also geht es der Küstenregion gut? Helle Freude an der Ostsee? Von wegen! Vergleicht man das Tourismusbarometer mit den Stimmergebnissen der AfD (und teilweise NPD) bei der Landtagswahl Anfang September, so zeigen diese in der Tendenz genauso steil nach oben wie die Urlauberzahlen. Ein Paradoxon? Nur aus Schweriner Sicht. Während sich die Regierung für die Tourismuszahlen feiert, steigt an der Küste von Saal am Bodden bis Altwarp am Stettiner Haff der Frust. Politikwissenschaftler können sich das Phänomen derzeit noch nicht erklären. Im Wahlkampf hat sich allerdings die Malaise bereits angedeutet.

Der kleine Mann, die vielen Angestellten in Hotels und Gaststätten, haben nicht wirklich etwas vom boomenden Tourismus. Außer vollgestellte Parkplätze, Sonntagsarbeit und Doppelschichten im Sommer. „Uns ist immer wieder begegnet, dass die Leute wirklich frustriert sind“, erzählt Kay Kröger, Landesgeschäftsführer der Linkspartei. „Die Gastro-Angestellten sind Saisonarbeiter, also im Winter arbeitslos. Und es gibt seit dem Mindestlohn und den damit gestiegenen Preisen in den Gaststätten immer weniger Trinkgeld.“ Wohnungen sind an der Küste oft teurer, oder gar nicht mehr zu finden, weil viele in Ferienwohnungen umgewidmet wurden – auch schwarz.

Wer im Gastgewerbe Karriere machen will, zieht weg aus MV. Was bleibt, sind polnische Kellner und Zimmermädchen, die nach Lesart manches Einheimischen die Arbeit wegnehmen. Arbeit, die noch vor Jahren keiner machen wollte.

In der Region verwurzelte Politiker, wie der CDU-Landtagskandidat Karl-Heinz Schröder, wollen von dieser Stimmung nichts bemerkt haben. Schröder – seit 30 Jahren politisch aktiv – wähnte sich mit seinem Wahlkreis zwischen Greifswald und Anklam sicher im Landtag. Dann gewann ein AfD-Mann, Professor an der Uni in Greifswald. „Noch zwei Wochen vor der Landtagswahl hatte ich den gar nicht auf dem Schirm“, sagt Schröder.

Aber es kommt noch etwas hinzu, das man in der Landeshauptstadt nicht so recht wahrhaben will. Durch die seit Jahren variierten Reformen verschiedener Landesregierungen hin zu immer größeren Verwaltungsstrukturen verlieren viele Bürger und Wähler ihre Ansprechpartner vor Ort. „Wenn die drei Ks – Kirche, Kneipe, Konsum – verschwinden, verlieren wir die Bürger“, sagt Landrätin Bärbel Syrbe in Vorpommern, die seit Jahren gegen die Zentralisierung ankämpft.

Die Politik verliert ihr Gesicht. Schon lange, lange vorbei die Zeit, in der in Wolgast und in Anklam ein Landratsamt stand. Die Entwicklung aber setzte sich fort. In Wolgast verschwanden Finanzamt, Gericht und zuletzt die Kinderstation im Krankenhaus. In Anklam verschwanden Finanzamt, das eigenständige Gericht, und das Arbeitsamt hat nur noch stundenweise eine Beratungsstelle. So kann man viele Orte durchdeklinieren. Aus Schwerin oder Berlin lässt sich kaum jemand blicken, moniert Bernd Meier, ehrenamtlicher Bürgermeister in Mellenthin auf Usedom. Da konnte auch der Wahlkampf nichts mehr retten.

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