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Prozess in Schwerin : Freispruch für psychisch kranken Randalierer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

44-Jähriger bedroht Nachbarn in Schwerin: Gericht zweifelt an versuchten Mord und Sprengstoffanschlag

Gefesselt an Hand- und Fußgelenken wurde er von seinen Betreuern in den Gerichtssaal geführt. Eine halbe Stunde später jedoch verließ der 44-jährige Beschuldigte gestern das Schweriner Landgericht als freier Mann. Die Schwurgerichtskammer sah keinen Grund, den psychisch kranken Mann auf Dauer in ein psychiatrisches Krankenhaus einzuweisen. Dieses „scharfe Schwert“ des Freiheitsentzuges könne nur genutzt werden, wenn fast eindeutig die Gefahr bestehe, dass er schwere Straftaten mit erheblichen Schaden für andere Menschen verüben wird. Dafür hatte das Gericht keine Hinweise gefunden, sagte der Vorsitzende Richter Otmar Fandel.

Der Beschuldigte stand keineswegs zu Unrecht vor Gericht. Im September 2016 randalierte und pöbelte er in einem Schweriner Mehrfamilienhaus gegen seine Wohnungsnachbarn, die aus dem Kosovo stammen. Denen gehe es – wie anderen Migranten auch – in Deutschland viel zu gut, fand er. Mitten in der Nacht trat er ein Kellerfenster ein. Als die von Anwohnern alarmierte Polizei kam, behauptete er, er habe mit einer Bombe die Gastherme im Keller in die Luft jagen wollen. Einen Unkrautbrenner und drei Gaskartuschen hatte er dabei. Die Staatsanwaltschaft warf ihm versuchten Mord und einen versuchten Sprengstoffanschlag vor. Vor Gericht bestritt der ruhig auftretende Beschuldigte, dass er eine Bombe zünden wollte. Er habe den Nachbarn lediglich Angst einjagen wollen. Das Gericht hielt ihm zugute, dass er damals einen Schub seiner Wahnvorstellungen durchlief – weshalb er sowieso als schuldunfähig gilt und nicht mit Gefängnis hätte bestraft werden können.

Auch bezweifelten die Richterinnen und Richter, dass er in der Lage war, einen Bombenanschlag zielgerichtet anzugehen. Außerdem hat er, obwohl er seit 20 Jahren dank Alkohol- und Drogenkonsums psychisch krank ist, nie eine Gewalttat verübt. Das Risiko, dass sich dies ändert, sei eher niedrig und reicht laut Gericht nicht aus, ihn in eine geschlossene Anstalt zu stecken.

Bei dem in der Nachbarwohnung lebenden Ehepaar hat der Freigesprochene sich längst entschuldigt. Sie haben ihm verziehen, sagte der Ehemann als Zeuge vor Gericht. Allerdings leidet seine Frau immer noch unter den Folgen des Kosovo-Krieges. Die Pöbeleien und Drohungen des 44-jährigen haben damals böse Erinnerungen in ihr wachgerufen.

Der einst pöbelnde Nachbar zog nach dem Urteil mit vier Tüten voll seiner Habseligkeiten zum Schweriner Bahnhof. Er wollte zurück zu seinen Eltern in Sachsen-Anhalt bis er einen Platz in einer Klinik bekommt, in der er freiwillig und ohne Gerichtsbeschluss seine kranke Psyche behandeln lassen will.

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erstellt am 18.Mär.2017 | 08:55 Uhr

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