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Mecklenburg-Vorpommern

23. März 2017 | 03:10 Uhr

Gruftenforschung Schwerin : Erbsen zählen im Untergrund

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Archäologen Regina und Andreas Ströbl untersuchen Gruften in ganz Deutschland und begegnen dort unter anderem dem verstorbenen Adel.

Behutsam öffnet Dr. Regina Ströbl die Pforte zur Schweriner Schelfkirche. Gemächlich schreitet sie den Gang zum Altar entlang. Wachsam schaut sie sich um. Ein magischer Ort. Nicht nur, weil sie hier ihrem Mann das Jawort gab, sondern auch, weil im Inneren des barocken Baus ein historischer Schatz schlummert. Ein Schatz, dem Regina Stroebl als Gruftforscherin in der Vergangenheit ihre volle Aufmerksamkeit schenkte. Herzog Friedrich Wilhelm hatte unter dem Altar eine 45 Quadratmeter große Gruft anlegen lassen, in der zwischen 1713 und 1813 insgesamt 17 Angehörige des Hauses Mecklenburg-Schwerin beigesetzt wurden, unter anderem die Herzöge Friedrich Wilhelm und Christian Ludwig II. sowie die Königin Sophie Luise von Preußen. Nachdem die Grablege aufgrund schlechter Luftzirkulation und Feuchtigkeit zunehmend verfiel, griff das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege ein und startete 2006 mit archäologischen Bergungs- und Dokumentationsarbeiten, finanziell unterstützt durch die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Stiftung der Sparkasse Mecklenburg-Schwerin.

 

Die Särge, die Bestatteten, ihre Beigaben sowie die Bekleidung wurden von Regina Ströbl genauestens untersucht und die Gruft wieder hergerichtet.

Mittlerweile arbeitet sie nicht mehr für das Landesamt, sondern ist selbstständig. Gemeinsam mit ihrem Mann Dr. Andreas Ströbl hat sich die Archäologin auf alte Grabstätten spezialisiert – und dort eine Nische gefunden. „Jeder Sarg, jede Gruft ist besonders“, sagt Regina Ströbl. „Sie sind einzigartige Monumente“, schwärmt sie und erzählt von einem Auftrag in Pasewalk: „Ein Mann musste gleich zwei Frauen kurz hintereinander beerdigen. Die Sarg-Inschriften zeugen von so viel Liebe, Sehnsucht und Trauer, dass sie einen zu Tränen rühren.“

In Pasewalk wurde die Gruft durch Wasser beinahe vollständig zerstört. Bestattet ist hier Georg von Eickstedt.
In Pasewalk wurde die Gruft durch Wasser beinahe vollständig zerstört. Bestattet ist hier Georg von Eickstedt. Foto: Foto: ströbl
 

Grüfte sind Familiengrabstätten – „bessere Ahnengalerien sozusagen“, erklärt Andreas Ströbl. Mit Grusel oder Indiana Jones habe das nichts zu tun, verdeutlicht er. Dass bestimmte Anhänger der Gothic-Szene, sogenannte Gruftis, Friedhöfe als Treffpunkte wählen und sich teilweise neben den Trockenmumien in die Särge legen, zerstöre das Bild. „Die Leute sind vom Tod fasziniert, wissen aber nicht, wie sie richtig damit umgehen“, denkt Andreas Ströbl.

In Grüften wurden in erster Linie Adelige bestattet – ein Zeichen von Prestige. Auch nach ihrem Tod wollten sie und ihre Hinterbliebenen ihren Wohlstand demonstrieren. Das Statement: „Hier sind wir und hier bleiben wir auch.“ Je näher sie am Altar lagen, desto größer war zu Lebzeiten ihr gesellschaftlicher Einfluss. „Der Glaube an die Auferstehung und die Sehnsucht nach Unsterblichkeit führten zu dem Wunsch, Gott möglichst nah zu sein. Wer dicht am Altar lag, hoffte auf eine bevorzugte Behandlung am Jüngsten Tag“, erläutert das Paar, das in den vergangenen Jahren Grüfte jedweder Couleur entdeckte. Die größte bestehende Gruft in Deutschland befindet sich im Hamburger Michel. Zwischen 1762 und 1817 gab es dort mindestens 2120 Bestattungen, weiß Andreas Ströbl. „Die Särge sind demokratisch einheitlich in 268 Gruftkammern angeordnet, doch auf dem prächtigen Leichenzug zur Grabkammer wurde deutlich, wer wirklich reich war.“

Unter dem Altar der Schweriner Schelfkirche befindet sich die Fürstengruft.
Unter dem Altar der Schweriner Schelfkirche befindet sich die Fürstengruft. Foto: joro
 

Mit der Reformation und der damit verbundenen kirchlichen Erneuerungsbewegung nahm die Beliebtheit von Grüften zu. Ihre Hoch-Zeit erlebten die Grabanlagen im 17. und 18. Jahrhundert. „Der protestantische Adel hatte mehr Geld. Die Selbstdarstellung geriet in den Vordergrund, abgekoppelt von der Religion“, erzählt Andreas Ströbl. Als die Friedhöfe aus dem Zentrum an den Rand der Städte gedrängt und die Hygieneverordnungen überarbeitet wurden, nahmen Gruftbestattungen rasch ab. „Die Mehrheit der Bevölkerung hatte sowieso niemals die finanziellen Mittel dazu“, sagt Regina Ströbl. Dass jemand „stinkreich“ sei, käme schließlich nicht von ungefähr: „Zwar waren die Särge gut verschraubt und die Kammern durchlüftet, doch verhinderte das nicht den Verwesungsgeruch der Leichen. Man kann also nicht davon ausgehen, dass die Verstorbenen von ihren Familien viel Besuch bekamen.“

Neben Trockenmumien, beeindruckend verzierten Särgen, finden die Archäologen häufig Beigaben in den Grüften. Morgenmäntel aus teuren Stoffen, Uniformen oder persönliche Gegenstände wie Tabakdosen und Tonpfeifen – der Abschied gestaltete sich so imposant wie das Leben auch. „Dabei spielte auch der Aberglauben eine Rolle. Beigaben waren oft Dinge, die den Tod von den Lebenden fernhalten und den Toten selbst schützen sollten“, erklärt Regina Ströbl. Widertonmoos, Keulenbärlapp oder Hopfen als Bettung seien nicht unüblich gewesen. „Hopfen ist saugfähig, wirkt antimykotisch, antibakteriell, und sorgt zugleich als Beruhigungsmittel für einen guten Schlaf“, beschreibt die Forscherin. „In jeder Gruft sind aber auch Dinge, die wir nicht deuten können. Dazu wissen wir nicht alles über den Volksglauben, vor allem auch nicht jede lokale Besonderheit“, ergänzt ihr Gatte. Insofern seien Grüfte Schatzkammern des Wissens.

Aufwendige und detailreiche Verzierungen schmücken die Särge.
Aufwendige und detailreiche Verzierungen schmücken die Särge. Foto: joro
 

Weil die Angst vor Nachzehrern, also Untoten, lebendig blieb, wurden die Hinterbliebenen kreativ. Zum Beispiel mit einem Sack voller Erbsen. Der Verstorbene sei so mit Zählen beschäftigt gewesen. Auch gekreuzte Bänder über dem Leichnam sollten einen Wiedergänger im Sarg halten. „Dass wir solche Beigaben sehen, ist aber sehr selten. Die Aussage über die Trauer, die Hingabe, Zuneigung und der Versuch, den Verlust zu überwinden, steht in den Grüften im Vordergrund.“ Umso bedauerlicher finden die Forscher, dass sie nur noch sehr selten unversehrte Grablegen entdecken. „Vieles ist nur noch eine Müllhalde. Dabei ist die Würde des Menschen unantastbar. Wir haben es in den Grüften mit Menschen zu tun“, verdeutlicht Andreas Ströbl. „Leute, die mitunter viel für das Land getan haben, die Schlösser und Gutshäuser errichten ließen, die heute gern besucht werden, liegen da im Dreck.“ Systematisch sei dieses kulturelle Erbe, dieser Teil der Geschichte, zerstört worden. Grüfte wurden vielerorts geplündert. „Manchmal sogar vom Küster. Die Gier gab den Menschen Kraft, die Anlagen aufzubrechen. Die Goldberge, die darin vermutet werden, gibt es aber nicht“, so Regina Ströbl.

In den vergangenen sechs Jahren hat das Paar mehr als 34 Grüfte dokumentiert und mit Restauratoren wiederhergestellt. Zuletzt haben die beiden ihre Arbeiten an einer Gruft in Schilde bei Perleberg beendet. Nach jeder Erneuerung kommt der Pastor, um ein Gebet zu sprechen. Wie viele verlassene Grüfte im Land schlummern, wissen die Ströbls nicht. Sie vermuten Hunderte. „Die Gruft in der Schelfkirche gehört zu den wenigen, die nicht geplündert wurde. Durch ein Fenster wurde aber so viel Müll geworfen, dass bei der Entrümpelung ein Container her musste.“

 

 

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erstellt am 10.Jan.2017 | 11:45 Uhr

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