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Mecklenburg-Vorpommern

29. Juli 2016 | 04:08 Uhr

Flüchtlingsdrama : Endlich außer Gefahr

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sie waren zum Teil mehr als ein Jahr lang auf der Flucht: In Schwerin fand die gefährliche Reise für knapp 150 Menschen nun ein vorläufiges Ende

Die kleine, sechs Monate alte Borusj schmiegt sich eng an die Brust ihrer Mutter. Im Bett neben den beiden hält der dreijährige Ahmed ein Plüschtier fest umschlungen. Wie die beiden Kinder sind auch die Eltern sichtbar gezeichnet von einer langen nächtlichen Busfahrt, vor allem aber von den Strapazen einer schon viel länger währenden Flucht vor Krieg und Verfolgung in ihrer syrischen Heimat.

Mit Tausenden anderen Flüchtlingen vieler Nationalitäten war der Syrer Ibrahim Demmarie mit seiner Frau und den beiden Kindern nach eigenen Angaben auf der sogenannten Balkan-Route bis nach Ungarn gelangt und dann mit dem Zug über Österreich nach Deutschland.

Müde blicken die Augen des 31 Jahre alten Mannes über die langen Reihen von Feldbetten. Diese waren erst am Vortag in der ehemaligen Bundeswehrkaserne am Stadtrand von Schwerin aufgebaut worden, um knapp 150 der über Ungarn gekommenen Flüchtlinge ein Dach über dem Kopf und einen Schlafplatz bieten zu können. Die Kaserne wird seit wenigen Monaten als Erstaufnahmeeinrichtung genutzt. Privatsphäre lässt das kaum zu. Und doch huscht ein hoffnungsvolles Funkeln über die dunklen Augen Ibrahims. Er will nach Monaten der Unsicherheit und Entbehrungen in Deutschland eine neue Heimat finden: „Wir wollen endlich ankommen.“ Seit eineinhalb Jahren, sagt er, seien sie auf der Flucht. „Das muss nun ein Ende haben. Ich will, dass meine Kinder in Frieden aufwachsen, in der Schule lernen, Freunde finden und ihren Weg gehen“, beschreibt der 31-Jährige seine Hoffnungen.

Mit fast identischen Wünschen haben auch die Angehörigen der Familie Jafo ihren Heimatort in der Nähe der umkämpften und in weiten Teilen zerstörten Großstadt Aleppo verlassen. Mit insgesamt 17 Personen seien sie nun in Schwerin angekommen, erzählt der 19-jährige Yousef. Über sein Mobiltelefon, das beim Dolmetschen gute Dienste als Wörterbuch leistet, hält er Kontakt zu einem Onkel. Der lebe schon länger in Deutschland und werde der Familie helfen, hier Fuß zu fassen, ist Yousef sicher. „Wir wollen ein normales Leben führen“, sagt der junge Mann. Dafür hat seine Familie einen beschwerlichen Weg auf sich genommen. Dicke Blasen an den Füßen bezeugen, dass dieser zum Großteil zu Fuß bewältigt werden musste.

„Größere Verletzungen hat glücklicherweise aber keiner davon getragen“, konstatiert Heiko Stroth vom Malteser Hilfsdienst. Die Hilfsorganisation betreibt die erst Anfang Juni eingerichtete Erstaufnahmeeinrichtung vor den Toren Schwerins. Gleich nach ihrer Ankunft am Montagmorgen seien die Flüchtlinge medizinisch untersucht worden. Nun würden die Personalien der Menschen aufgenommen, um sie danach rasch auf Unterkünfte im Land verteilen zu können. „Länger als zwei, drei Tage soll niemand in der Sporthalle bleiben müssen“, sagt Stroth. Wie der Sprecher des Innenministeriums, Michael Teich, mitteilte, werden dazu weitere Gespräche mit Kreisen und Kommunen über die Bereitstellung zusätzlicher Sammelunterkünfte geführt.

Statt der noch zu Jahresbeginn prognostizierten 5000 kommen in diesem Jahr voraussichtlich mehr als 16  000 Flüchtlinge in den Nordosten. Laut Innenministerium sind es derzeit täglich zwischen 70 und 100. Von den Flüchtlingen, die über Ungarn nach München kamen, würden bis zu 600 in MV aufgenommen. Im Laufe des Montags sollten weitere 160 Flüchtlinge von München aus in den Nordosten gebracht werden. Für diese wurden Unterbringungsmöglichkeiten in einer Turnhalle in Zahrensdorf (Kreis Ludwigslust-Parchim) sowie in einem ehemaligen Gutshaus in Meetzen (Nordwestmecklenburg) geschaffen.

Während in früheren Jahren Asylbewerber mit Koffern angekommen seien, trügen sie heute oft nur das Allernötigste in einem Beutel bei sich. „Das spricht dafür, dass viele ihre Heimat Hals über Kopf verlassen müssen. Und egal, welche Zäune auch immer aufgebaut werden, sie finden einen Weg zu uns“, ist sich der Hilfsdienst-Mitarbeiter sicher. Und es fällt ihm schwer, seine Kritik an jenen Ländern im Zaum zu halten, die sich einer solidarischen Quotenregelung für die Verteilung der Flüchtlinge verweigern: „Die EU muss doch mehr sein als ein Schönwetter-Verein.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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