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Mecklenburg-Vorpommern

10. Dezember 2016 | 07:59 Uhr

Präventionsprojekt Rostock : Emma hilft das Schweigen zu brechen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Geistig behinderte Kinder werden drei- bis viermal häufiger sexuell missbraucht als andere. Forscherteam aus Rostock setzt erstmals Präventionsprojekt um

Emma ist zehn Jahre alt. Sie hat zerzauste blonde Haare, rote Pausbäckchen und trägt am liebsten Jeans und ihr rot-weißes Streifenshirt. Wenn sie etwas nicht mag, zeigt sie es. Dann streckt sie ihre Zunge raus oder schüttelt heftig den Kopf.

Emma ist eine Handpuppe. Doch für die Mädchen, die ihr gegenübersitzen, ist sie viel mehr. Sie ist eine Freundin, eine Mitschülerin, jemand, an den sie sich kuscheln können, wenn sie sich unwohl fühlen.

Eva hält Emma fest im Arm. Die Achtjährige hat Bauchschmerzen und wenig Lust auf die bevorstehende Sitzung. Ihre Mundwinkel zeigen nach unten – so wie eines der gelben Smileys, das auf einer Karte geklebt vor ihr auf dem Tisch liegt. Diplompsychologin Wencke Chodan gibt dem blonden, sonst so aufgeweckten Mädchen, ein wenig Zeit. Zeit, um sich an die Situation zu gewöhnen. Zeit, um sich zu fangen. Immerhin ist das Thema, das heute auf der Agenda steht, alles andere als kindlich komisch. Es geht um Geheimnisse, insbesondere um dunkle Geheimnisse. Es geht um Geheimnisse, die zwischen Erwachsenen und Kindern existieren. Geheimnisse, die aus Sicht der Erwachsenen unbedingt geheim bleiben sollen.

„Etwa jedes zehnte Mädchen wird im Laufe seiner Kindheit oder Jugend Opfer sexuellen Missbrauchs“, sagt Wencke Chodan. „Bei Mädchen mit geistiger Behinderung ist die Opferzahl drei- bis viermal höher.“


Studie verknüpft Wissen mit Verhalten


Sexueller Missbrauch meine dabei nicht nur Geschlechtsverkehr: „Das impliziert Übergriffe im weitesten Sinne wie den ungewollten Kuss auf den Mund oder das Streicheln der Vagina“, erläutert Chodan. Damit die Kinder im Ernstfall mit solchen Situationen umgehen können, hat die Psychologin gemeinsam mit Prof. Frank Häßler und Dr. Olaf Reis von der Uniklinik Rostock das Präventionsprojekt „Emma unantastbar“ ins Leben gerufen. Das Besondere: Erstmals untersucht ein Forschungsteam, ob erlerntes Wissen bestimmte Verhaltensmuster auslöst. „Alle wissen, dass Rauchen schlecht ist und dennoch gibt es Raucher. Wissen reicht nicht immer, um das Verhalten zu ändern“, erklärt Chodan. „Weltweit gibt es zur Zeit zwölf Studien mit präventativem Hintergrund, lediglich vier beziehen sich auf Kinder und Jugendliche. Alle Studien haben Wissen vermittelt, aber kein Verhalten getestet“, ergänzt die Psychologin.

Insgesamt 14 Schulen beteiligen sich an der Umsetzung des Forschungsprojektes. 108 Kinder entsprechen den Teilnahmevoraussetzungen. „Wir testen Mädchen im Alter von acht bis zwölf Jahren, die eine leichte geistige Behinderung haben“, so Chodan. Der Grad der Behinderung würde dabei über den Intelligenzquotienten definiert. Dieser liege bei den teilnehmenden Mädchen zwischen 50 und 69. „In der Regel sind die Kinder verhaltensauffällig. Solange sie aber an keiner schweren Psychose oder an Autismus leiden, sind sie für die Studie geeignet“, erläutert Chodan.

Um feststellen zu können, ob das Präventionsprojekt Erfolg hat, werden die Teilnehmerinnen zu Beginn in zwei Gruppen aufgeteilt: Während die einen in zehn Sitzungen sicheres Verhalten im Straßenverkehr lernen, bekommen die anderen das Emma-Programm. Die Gruppen haben eine Stärke von vier bis acht Mädchen. „Nach zwölf Wochen Pause erhält ein Teil der Emma-Gruppe eine 90-minütige Auffrischungssitzung, die Teilnehmerinnen des Verkehrssicherheit-Projektes bekommen zehn Sitzungen Emma“, skizziert Chodan. Während des gesamten Zeitraums werden die Mädchen insgesamt viermal getestet. Mithilfe eines Brettspiels und in Gesprächen wird ihr Wissen abgefragt, in Rollenspielen und einem Situ-Test ihr Verhalten überprüft. „Für den Situ-Test wird ein Mädchen mit einem Schauspieler in einem Raum alleine gelassen. In einer Beispiel-Situation schauen sie sich zusammen eine Mädchenzeitschrift an. Er sagt ,du kannst die Zeitschrift haben, wenn du mir einen Kuss gibst’ und zeigt dabei auf seinen Mund. Die Frage ist, wie das Mädchen reagiert, ob sie die Situation richtig einschätzt und ob sie ihren Eltern davon erzählt“, sagt Chodan. „Wir gehen davon aus, dass sich die Kinder nicht immer optimal verhalten, aber ein gutes Ergebnis ist schon, wenn sie von der Situation berichten“, betont die Psychologin. Während des Situ-Tests sind die Eltern des Mädchens in einem Nachbarraum. Auch Wencke Chodan ist anwesend. Wenn die Situation aus dem Ruder laufe, könne immer jemand eingreifen.


95 Prozent der Täter sind Bekannte


Eva ist Teil der Emma-Gruppe an der Regenbogenschule in Bad Doberan. Als Wencke Chodan ihren Laptop aufklappt, hellt sich ihre Miene auf. Ihr Desinteresse ist verflogen. Und das, obwohl über den kleinen Bildschirm eine verstörende Szene flimmert. Ein Mädchen, kaum älter als Eva selbst, sitzt auf einer Schaukel. Sie wird von einem Mann beobachtet. Wenig später spricht er sie an. Seine Katze habe Nachwuchs bekommen und vier der Kätzchen würden noch ein neues Zuhause suchen. Er fragt das Mädchen, ob es mitkommen möchte. Chodan drückt die Stopp-Taste. „Was sollte das Mädchen tun?“, fragt sie in die Runde. „Sollte sie mit dem Mann mitgehen?“ Eva schüttelt den Kopf. Und auch die anderen Mädchen kennen die Antwort. Chodan lässt das Video weiterlaufen. Das Mädchen tritt dem Mann gegen das Schienbein und läuft nach Hause. Dort erzählt sie ihrer Mutter, was passiert ist.

In einem zweiten Clip ist kein Fremder, sondern der babysittende Nachbar der Täter. „Etwa 95 Prozent der Täter kommen aus dem Bekanntenkreis, sie sind Nachbarn, Freunde der Eltern, die eigenen Verwandten“, verdeutlicht Chodan. „Zudem sind mehr als 90 Prozent Männer.“ Die meisten Übergriffe würden im Jugendalter passieren. Weil es kein Profil gäbe, das ein Missbrauchsopfer identifiziere, sei es wichtig, den Kindern klarzumachen, dass sie über schlimme Erlebnisse sprechen müssen. „Bei fünf bis zehn Prozent der Opfer hat der sexuelle Übergriff langfristige Folgen. Es kann vorkommen, dass sich jemand zurückzieht, Ängste entwickelt oder plötzlich besonders aggressiv ist. Wer einmal Opfer war, läuft außerdem Gefahr, schneller wieder Opfer zu werden“, erläutert Chodan. „Umso wichtiger ist es, schon vor dem Jugendalter mit der Prävention zu beginnen.“

Ob „Emma unantastbar“ ausreicht, um Wissen nachhaltig an das Verhalten der Kinder zu koppeln, weiß Chodan noch nicht. Momentan werten sie und ihr Kollegium die ersten Daten aus. Insgesamt hat die Studie ein Finanzierungsvolumen von rund 535 000 Euro. Die Mittel kommen von Bundesfamilienministerium. „Egal, wie das Ergebnis am Ende ausfällt, das erarbeitete Material kann auch künftig für Präventionsprojekte verwendet werden“, sagt Chodan. Was darüber hinaus bleibt, ist Emma. Die kleine Handpuppe mit dem zerzausten Haar, die auch in nächster Zeit Kindern wie Eva Trost spenden wird.

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erstellt am 04.Jan.2016 | 20:18 Uhr

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