zur Navigation springen

Mecklenburg-Vorpommern

05. Dezember 2016 | 05:27 Uhr

Selbstverteidigung für Frauen in MV : Eine Armlänge reicht nicht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sie wurden bedroht, belästigt, vergewaltigt: Um Frauen neues Selbstvertrauen zu schenken, gibt Peter Brzezinski kostenlose Selbstverteidigungskurse

23 Uhr. Feierabend. Silvia steht an der Haltestelle. Fünf Stationen muss die 24-Jährige fahren. Ihr Mann wartet auf sie. Das hat er versprochen. Der Tag war lang, Silvia ist müde. Sie steigt in die Bahn, sucht sich einen Fensterplatz. Hinter ihr rüttelt ein Fremder an ihrem Sitz, tritt mit seinen Füßen immer wieder an die Lehne. „Hör auf!“, fordert Silvia ihn auf. Doch die Ruhe währt nicht lange. Der Mann beginnt sie anzufassen. „Ich hatte ein mulmiges Bauchgefühl“, erinnert sie sich. „Also überlegte ich mir einen Fluchtplan. Ich wollte in eine Bar laufen.“ Als Silvia ausstieg, kam der Unbekannte hinterher. „Ich rannte los. Dann hörte ich die Stimme meines Mannes: ,Wo willst du hin?’“ Der Angreifer flüsterte ihr noch ins Ohr: „Da hast du aber Schwein gehabt!“ Mittlerweile ist Silvia 49 Jahre alt, doch seit dem Vorfall lebt sie mit der Angst.

Peter Brzezinski kennt zahlreiche Frauen wie Silvia. Frauen, die von Männern belästigt oder bedroht worden sind. Frauen, die geschlagen und vergewaltigt wurden. Um ihnen neues Selbstvertrauen zu schenken, gibt er Selbstverteidigungskurse. „Wenn jemand sagt, dass er euch umbringen möchte, müsst ihr nicht warten bis er es wirklich macht. Ihr habt das Recht auf Unversehrtheit. Niemand darf euch etwas antun.“

Mit einfachen Handgriffen kann der Gegner außer Gefecht gesetzt werden, zum Beispiel durch einen Schlag unter die Nase.   
Mit einfachen Handgriffen kann der Gegner außer Gefecht gesetzt werden, zum Beispiel durch einen Schlag unter die Nase.   Foto: joro
 

Rückblende: Es ist der 31. Dezember 2015. Vor dem Kölner Hauptbahnhof und dem Kölner Dom feiern Tausende ins neue Jahr. Was am Rande passiert: Sexuelle Übergriffe auf mehr als 1100 Frauen durch Gruppen junger Männer, vornehmlich aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum. Die Täter waren zwischen 15 und 35 Jahre alt, seien laut einem Bericht des Innenministeriums teilweise stark alkoholisiert gewesen, enthemmt und aggressiv. In der Folge wurde im Juli dieses Jahres beschlossen, das deutsche Sexualstrafrecht zu überarbeiten. „Nein“ heiße jetzt wirklich „Nein“ und als Vergewaltigung gelte nun, wenn sich der Täter über den „erkennbaren Willen“ des Opfers hinwegsetzt.

Dass erst nach Köln über ein neues Sexualstrafrecht diskutiert wurde, ärgert Peter Brzezinski. In den letzten Jahren sei zu viel weggesehen worden. „Wo waren die Frauenrechtler?“, fragt sich der 48-Jährige, der Lehrer für Wing Tsun und Commando Krav Maga ist. Er sagt: „Jede Frau hat eine Chance.“ Sie sollten deshalb lernen, sich offensiv zu wehren. Peter Brzezinski erzählt von einem Vorfall in einer psychiatrischen Klinik, in der ein Patient versuchte, seiner Sozialarbeiterin die Augen mit einem Kugelschreiber auszustechen. Weil sie sich wehrte, könne sie heute noch sehen. „Die Täter suchen sich ihre Opfer aus.“ 90 Prozent der Angreifer seien Bekannte. „Auch wenn ihr sie nicht kennt, sie haben euch beobachtet, beim Joggen, beim Tanzen in der Diskothek, beim Einkaufen.“ Warum jemand zum Täter wird, habe viele Gründe. Die Sozialisation gehöre dazu, welche Werte die Eltern vermittelt haben, wie der Freundeskreis lebt. „Manche haben nie gelernt mit Konfliktsituationen richtig umzugehen“, bedauert Peter Brzezinski.

Als Lehrer für Wing Tsun und Commando Krav Maga hat Peter Brzezinski zahlreichen Frauen zu neuem Selbstvertrauen verholfen.   
Als Lehrer für Wing Tsun und Commando Krav Maga hat Peter Brzezinski zahlreichen Frauen zu neuem Selbstvertrauen verholfen.   Foto: joro
 

Die 42-Jährige Christin weiß, wovon der Kampfkunstmeister spricht. Ihr Sohn wurde mit Steinen beworfen, gewürgt und geschubst, weil er und drei andere Kinder einen Jungen beleidigten. Der Junge wehrte sich, indem er handgreiflich wurde. „Sein Vater kam zu mir nach Haus, weil er über die Situation reden wollte. Während des Gespräches wurde er immer lauter. Irgendwann schrie er nur noch“, erklärt die Rostockerin. „Das war der Moment, an dem ich dachte, ich muss mich verteidigen können.“

In Peter Brzezinskis Kursen lernen die Frauen wie wirksam eine starke Stimme, ein gezielter Hieb in den Genitalbereich oder ein schneller Dreh des Handgelenks sein können. „Es gibt drei Möglichkeiten in einer körperlichen Auseinandersetzung: Kampf, Flucht und Totstellen.“ Falls das Opfer zu Boden fällt, schütze die Embryonalstellung vor weiteren, vor allem inneren, Verletzungen. „Am besten ist die Mischform: ein Präventivschlag und Weglaufen. Empfindliche Stellen sind unter anderem die Ohren, die Nase, die Knie, der Fußspann und die Zehen“, zählt Peter Brzezinski auf. „Gerade Frauen haben Hemmungen, sich mit einem Schlag zu wehren. Überlegt euch ein Code-Wort, wiederholt es während des Angriffs. Dann ist euer Gehirn darauf fokussiert und abgelenkt von pazifistischen Gedanken.“

Besonders empfindliche Stellen sind die Augen, die Knie, der Genitalbereich, die Füße und Zehen sowie die Ohren.
Besonders empfindliche Stellen sind die Augen, die Knie, der Genitalbereich, die Füße und Zehen sowie die Ohren. Foto: joro
 

In Gefahrensituationen wird das Stresshormon Adrenalin ausgeschüttet, das den Körper kurzfristig mit zusätzlicher Energie versorgt. Die Sauerstoffversorgung des Organismus wird verbessert, der Herzschlag beschleunigt sich, der Atem geht schneller, Pupillen und Bronchien weiten sich. „Der Körper wappnet sich. Das Schmerzempfinden wird heruntergefahren. Im Gehirn steigert Adrenalin die Aufmerksamkeit, der sogenannte Tunneleffekt“, erklärt der Trainer.

Die Art der körperlichen Auseinandersetzung hätte sich gerade in den vergangenen 15 Jahren stark verändert. Die Täter treten zunehmend in Gruppen auf und benutzen Waffen. „Faire Kämpfe gibt es nicht“, weiß Peter Brzezinski und definiert fünf Phasen einer Auseinandersetzung: „Es beginnt mit dem visuellen Kontakt, dann der erste verbale Austausch. Bevor der Kampf richtig losgeht, wird geschubst. Am Ende liegt einer am Boden. Doch dann ist nicht Schluss. Dann wird auf den Wehrlosen eingetreten.“ Schwierige Situationen seien oftmals vermeidbar. „Wenn ihr wisst, dass jedes Wochenende in eurer Stammdisko Frauen belästigt werden, dann geht dort nicht mehr hin.“ Die Gefahr im Ansatz zu erkennen, sei der Schlüssel. Peter Brzezinski empfiehlt Abstand zu halten: „Eine Armlänge reicht nicht. Es müssen mindestens zwei sein. Schließlich könnt ihr auch durch Tritte verletzt werden.“

Die Raubtiere kämen in der Abend- und Morgendämmerung, wüten meist nachts. „Prophylaktisch könnt ihr einen Schrillalarm in eure Tasche packen. Wenn ihr bedroht werdet, seid laut, ruft Feuer, nicht Hilfe.“

Dass Peter Brzezinski auch als Trainer für Spezialeinheiten der Polizei, für Wach-schutzklassen in Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg sowie für Verkehrsunternehmen eingesetzt wird, beruht auf seiner jahrelangen Erfahrung. Der 48-Jährige kam 1985 zum Kampfsport. Damals war er selbst in der Sicherheitsbranche tätig. Vier Jahre später erlernte er Kampfkunsttechniken. Sein Konzept: „Bevor ich zur Selbstverteidigung komme, lehre ich Möglichkeiten der Konfliktvermeidung und der Deeskalation. Ich brauche einen Werkzeugkoffer, indem nicht nur der Hammer liegt.“ Für sein Kinderprogramm arbeitet er mit der Polizei, Sozialarbeitern und Psychologen zusammen. Auch eine Kooperation mit dem Weißen Ring habe es schon gegeben. „Alle haben Angst. Ich versuche sie ihnen zumindest teilweise zu nehmen.“

Der nächste Selbstverteidigungskurs im Verein für asiatische Kampfkunst, Danziger Straße 40 in Rostock ist am 10 Dezember 2016. Anmeldung unter: 0381/51 05 45 96 erforderlich.

zur Startseite

von
erstellt am 18.Okt.2016 | 05:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen