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Verbraucherschutz in MV mit Lücken : Ein Teppichkauf, der nicht zustande kam

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Verbraucherschützer in MV warnen vor Fallstricken im Netz und mahnen gesetzgeberische Klarstellungen an

Muster und Größe passten – und der Preis stimmte auch. Deshalb bestellte die Schwerinerin den Teppich im Internet, bezahlen wollte sie ihn nach Erhalt per Rechnung. Doch statt der erwarteten Ware bekam sie nur einen Bescheid vom Teppichhändler: Das Geschäft könne nicht zustande kommen, ihr Scoring-Wert sei zu niedrig.

Scoring – dieser Begriff bezeichnet die Kreditwürdigkeit. Und er wird immer mehr Menschen zum Verhängnis, wie Axel Drückler von der Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern weiß. Gemeinsam mit der verärgerten Schwerinerin ergründete er, was zu deren schlechter Bewertung geführt hatte. Die vom Händler konsultierte Auskunftei hatte neben dem Namen lediglich das Geburtsdatum und die Adresse der Frau gespeichert, erzählte Drückler gestern in Schwerin auf einem Forum anlässlich des Weltverbrauchertages, das den „digitalisierten“ Verbraucher in den Mittelpunkt stellte.

Anfragen zu Telekommunikations- und Online-Geschäften machen mittlerweile den größten Teil der Beratungen durch die Verbraucherzentrale aus, betonte deren Vorstand Dr. Jürgen Fischer. Kaum jemand könne sich der Digitalisierung noch entziehen, immer mehr Angebote seien ausschließlich im Internet erhältlich. Das bedeute, dass sich jeder mit der Problematik beschäftigen müsse, ob er wolle oder nicht, so Fischer. Vor allem Ältere und Menschen, die nicht mit dem Computer vertraut seien, drohten aber, auf der Strecke zu bleiben.

Besonders gefordert sind Eltern, wie Jurist Matthias Wins betonte. Theoretisch müssten Händler sich davon überzeugen, dass ihre Kunden geschäftsfähig, also volljährig sind. In der Praxis würde das vielfach umgangen, wenn Kinder zum Beispiel Erweiterungen für Online-Spiele kauften und die Eltern über die Handyrechnung dafür zur Kasse gebeten würden. „Im nicht-digitalen Bereich ist das Gesetz wasserdicht, im Internet nicht“, bedauerte Wins. Eltern müssten deshalb zwar nicht daneben sitzen, wenn ihre Kinder im Netz surften. Aber sie müssten sie über die dort lauernden Risiken aufklären – und sich also selbst erst einmal damit beschäftigen.

Zu diesen Risiken gehören auch Werbeofferten, die Facebooknutzern unterbreitet werden. Wöchentlich hätte er mindestens einen Beratungsfall, in dem meist Migranten sich auf diesem Weg eine vorgeblich kostenlose Kreditkarte bestellt hatten, für die sie dann aber als Nachnahmesendung 70, 80 oder gar 100 Euro zahlen sollten, so der Schweriner Verbraucherschützer Stephan Tietze. „Wir schaffen in der Regel, die Leute da rauszuholen – aber das gelingt nur bei denen, die zu uns kommen.“

Verbraucher müssten unbedingt und auch auf dem Smartphone das „Kleingedruckte“ lesen, bevor sie einen Vertrag abschließen, mahnten die Verbraucherschützer. Und sie sollten lieber auf ein vermeintliches Schnäppchen verzichten, wenn die Bedingungen unklar sind. An die Politik appellierten sie, gesetzliche Regelungen zu erlassen, die statt der Beschleunigung des Online-Zahlungsverkehrs die Sicherheit der Kunden in den Mittelpunkt stellten.

Das könnte auch der Schweriner Teppichkäuferin helfen. Sie hat nämlich ihr Auto und andere größere Anschaffungen bar bezahlt und lebt in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen. Nach jetzigem Recht müsste sie umziehen, um künftig wieder als zahlungsfähig eingestuft zu werden.

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erstellt am 15.Mär.2017 | 20:45 Uhr

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