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Mecklenburg-Vorpommern

04. Dezember 2016 | 11:13 Uhr

Weltaidstag : Ein Leben mit dem Aids-Virus

vom
Aus der Onlineredaktion

Vor fünf Jahren erhielt der Wahl-Rostocker Ecki die Diagnose HIV positiv – seither versucht er, sich mit der Erkrankung zu arrangieren

„Wer HIV positiv ist, hat nicht gleich Aids.“ Ecki schlürft an seiner Tasse Kaffee, schaut gedankenverloren zu Boden. Seinen vollständigen Namen will er nicht verraten – zu bekannt sei er in Rostock. Die Nachricht, dass er den Virus in sich trage, erhielt er von rund fünf Jahren. Geschmacklosigkeit, Pilzbefall im Mundraum, angeschwollene Lymphknoten – die Symptome wollte er erst nicht sehen, doch leugnen konnte er sie nicht. „Der Verdacht war da, denn ich hatte ungeschützten Geschlechtsverkehr.“ Ecki hebt den Kopf. Er richtet sich auf, nimmt noch einen Schluck von dem dampfenden Wachmacher. „Ich ging zum Gesundheitsamt, denn die Leute vom Centrum für sexuelle Gesundheit kannte ich.“ Was könnten sie von ihm halten? Über ihn denken? „Ich machte einen Schnelltest.“ Positiv.

Rauschen im Ohr, kribbeln im Bauch. „Man zählte mir direkt die Behandlungsmöglichkeiten auf. Ein großes Blutbild stand als nächstes an – zur Absicherung.“ Vier Wochen vergingen. Wochen, in denen Ecki immer wieder versuchte, seinen Freunden und Bekannten von der Diagnose zu erzählen. „Wie sage ich es vor allem denen, mit denen ich in der Zeit Sex hatte? Sie mussten sich testen lassen.“ Die Ehrlichkeit gegenüber dem eigenen sozialen Umfeld aufzubringen, hätte viel Kraft gekostet. „Viele reagierten erschüttert, verurteilt hat mich aber niemand. Gott sei Dank hat sich auch keiner infiziert.“ Ecki wirkt erleichtert – auch Jahre nach seiner Diagnose fällt eine Last von seinen Schultern, wenn er daran denkt, niemand angesteckt zu haben. Er selbst habe die Infektion akzeptiert, sich damit arrangiert. Dank der Medizin könne er ein weitestgehend normales Leben führen. Sich mit der Erkrankung auseinanderzusetzen, mit Medikamenten die Ausbreitung zu unterdrücken, Symptome nicht wegzuwinken, sei wichtig, um zu überleben. „Ich kenne Berichte aus den 80er- und 90er-Jahren, da war meine Diagnose ein Todesurteil.“ Ecki erinnert sich an seine erste große Liebe: „1,90 Meter groß, athletisch gebaut, ein sehr attraktiver Mann. Das HI-Virus begünstigte Lymphdrüsenkrebs. Er war an Aids erkrankt. Er brach in sich zusammen, war nur noch ein Häufchen Elend.“ Die Gedanken wandern in die Vergangenheit. „Aber er hat das überlebt. Dem medizinischen Fortschritt sei Dank.“

Anonyme Beratung in MV

Derzeit leben etwa 520 Menschen in Mecklenburg-Vorpommern mit der Immunschwächekrankheit HIV. Im vorigen Jahr gab es im Land nach Angaben des Gesundheitsministeriums  geschätzte 55 Neuinfektionen. „Mit HIV kann man heute leben. Mit Diskriminierung nicht“, sagte Gesundheitsminister Harry Glawe anlässlich des Welt-Aids-Tages. Oft schürten Unwissenheit und Angst Vorurteile gegen HIV-Infizierte.  Zugleich verweis  Glawe auf die Notwendigkeit von Prävention . Das Land verfüge   über ein Netz mit  Beratungs- und Aufklärungsstellen für sexuelle Gesundheit, die anonym und kostenfrei genutzt werden können.

Mehr Infos zu den Beratungsstellen unter: www.sg-mv.de

Ecki ist an der Rostocker Uniklinik in Behandlung. Er hat ein Grundvertrauen in die „Götter in weiß“, sagt er. Vor einigen Jahren haben sie ihm das Leben gerettet. Ein Jugendlicher habe ihn ausgeraubt und zum Dank nachts versucht abzustechen. Damals besaß Ecki noch eine Kneipe in Berlin. Der Täter sei geschnappt worden, während er im Koma lag und sich anschließend wochenlang zurück ins Leben kämpfte. Zu diesem Zeitpunkt war er noch nicht an dem HI-Virus erkrankt.

Es hat sich viel verändert: Ecki lebt schon lange nicht mehr in Berlin, sondern in Rostock – und in seinem Inneren brütet eine Krankheit, die ihn unbehandelt in die Knie zwingen würde. Von anderen Betroffenen aus Rostock weiß er, dass diese aus Scham lieber in Berlin oder Hamburg zu Spezialisten gehen. „Deshalb glaube ich auch, dass die Infizierten-Zahlen aus MV nicht ganz stimmen. Sie haben Angst im Wartezimmer der Immunologie gesehen zu werden.“ Es ist die Angst vor Ausgrenzung, vor Intoleranz und Abneigung. „Leider erleben wir auch immer noch, dass Ärzte uns ablehnen. Es ist sehr schwer als Infizierter einen Zahnarzt zu finden.“ Ecki erinnert sich an eine Krankenhaus-Szene: „Als ich den Ärzten mitteilte, dass ich HIV positiv bin, sagten sie unverblümt, dass sie sich dann lieber zwei Paar Handschuhe anziehen.“

Im Viertel-Jahr-Rhythmus muss Ecki zur Kontrolle in die Klinik. Mittlerweile sei er mit seinen Arzneimitteln so gut eingestellt, dass der Virus nicht mehr nachweisbar ist. Durch die „Wunderpillen“, wie er seine Medikamente nennt, sei die Viruslast in seinem Körper gesenkt und die Helferzellen gestärkt worden. „Ich bin für immer auf meine Tabletten angewiesen. Damit kann ich normal alt werden.“ Verharmlosen will Ecki seine Erkrankung aber nicht. „Ich hab jahrelang zu allen gesagt, dass sie es mit Kondom machen sollen und jetzt habe ich diesen Dreck.“ Deshalb rät er: „Egal, ob ein akuter Verdacht besteht oder nicht, es kann nicht schaden, sich einmal mehr testen zu lassen. Nicht nur auf HIV, sondern auch auf andere Geschlechtskrankheiten wie Syphilis.“

 

 

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erstellt am 01.Dez.2016 | 05:00 Uhr

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