zur Navigation springen

Mecklenburg-Vorpommern

30. September 2016 | 18:51 Uhr

25 Jahre Mauerfall : Ein Kapitän auf dem Trockenen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Lothar Borbe – der Kapitän auf Großer Fahrt bereitete den DDR-Behörden Kopfzerbrechen / Ein Berufsverbot war die Folge

Plötzlich gibt es nur noch ganz wenige „Geheimnisträger“. Fast alle können reisen, können Kontakte haben zu Verwandten, Bekannten und Freunden im Ausland, egal ob westlich oder östlich von Elbe und Oder. Das ist eine gute Entwicklung. Ob sie auch die Seereederei in Rostock zu einer Kursänderung zwingt oder schon veranlaßt hat? Schluss zu machen ist auch mit den Berufsverboten wegen „Westkontakten“ und „Westverwandtschaft“.

 

Ein Leserbrief, erschienen am 21. November 1989 in der „Norddeutschen Zeitung“. Ein Leserbrief, der zwischen den Zeilen erahnen lässt, welches Schicksal seinem Absender beschieden war. Ein Leserbrief, der für Lothar Borbe auch einen Wendepunkt markierte.

„Ich bin 1934 in Hamburg geboren. Die Eltern ließen sich bald scheiden. Meine Mutter wanderte nach Übersee aus“, erinnert sich der Rostocker. „Meine Mutter und meine weiteren Geschwister in Kanada und Kalifornien habe ich erst im Mannesalter kennengelernt.“

Er selbst sei als Kind im Juli 1943 in Hamburg ausgebombt worden. Über Neuhaus an der Elbe und Boizenburg gelangte er schließlich nach Rostock. Von 1954 bis 1957 leistete Lothar Borbe freiwillig Dienst bei der Volksmarine – und konnte fortan nicht mehr von der Seefahrt lassen. Im September 1957 heuerte er bei der Deutschen Seereederei, der Handelsmarine der DDR, an. Dort gehörte zu seiner Ausbildung der Besuch der Seefahrtsschule Wustrow, und 1962 erwarb er schließlich das Patent eines „Kapitäns auf großer Fahrt“.

Spannende Jahre auf allen Weltmeeren folgten, zwischen 1970 und 1977 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an Land, dann wieder als Ausbildungsoffizier auf See. Einmal hätte ihn seine Frau auf einer Fahrt begleiten dürfen. „Damals waren auch West-Leute an Bord. Wir alle hatten zu ihnen Kontakt. Aber nur uns ist das später vorgeworfen worden“, erinnert sich Borbe. Als 1980 seine Mutter aus den USA zu Besuch kam, wurde es ganz schlimm. „Westkontakte waren ja das Letzte“, gibt der Rostocker wieder, was man ihm damals zu verstehen gab. „Westverwandtschaft – das war schlimmer als Totschlag. Der verjährt – Westverwandtschaft aber nie.“ Durch „Partei und Regierung“ sei er als gefährlicher Staatsfeind eingestuft worden. Schließlich entzog man ihm 1980 Sichtvermerk und Seemannsbuch, was einem Berufsverbot gleichkam. „Ich wurde rausgeschmissen“, sagt Borbe ganz unumwunden. Zwar habe er sich zur Wehr gesetzt und vor Gericht sogar gewonnen, auf ein Schiff durfte er dennoch keinen Fuß mehr setzen.

Und: Er durfte weder weiter Diavorträge halten, noch durfte er schreiben – dafür hatte er schon immer ein Faible. Doch nun wurde ein Veröffentlichungsverbot verhängt. „Meinen Namen gab es nicht mehr“, sagt der Rostocker zynisch.

Aus dem Seemann Lothar Borbe wurde ein Genossenschaftsbauer. „Also konkret war ich Hilfs- und Hofarbeiter auf der LPG ,Meer des Friedens‘ in Elmenhorst.“ Trecker habe er gefahren und Kühe gemolken – und von der Seefahrt geträumt. Dass er 1988 zum 75. Geburtstag seiner Mutter nach Kalifornien fliegen durfte, sei wohl kalkuliert gewesen – „ich denke, sie hatten darauf gesetzt, dass ich dort bleibe.“

Doch diesen „Gefallen“ tat der Rostocker Partei und Regierung nicht. Als es schließlich ein Jahr darauf in der DDR politisch zu brodeln begann, wollte auch Lothar Borbe sich einbringen. Im Demokratischen Aufbruch (DA) traf er mit dessen Rostocker Vorsitzendem Karl-Ernst Eppler sogar einen alten Weggefährten wieder. Gemeinsam waren beide auf der „Thälmann-Pionier“ gefahren. Und schließlich wurden beide in der DDR mit einem Berufsverbot belegt.

„Der Demokratische Aufbruch war wohl die erste politische Organisation in der DDR, die die Einheit Deutschlands in ihrem Programm hatte“, erinnert sich Lothar Borbe. Für ihn begann eine Zeit, in der endlich wieder seine politischen Ansichten äußern konnte. In den Tageszeitungen war es zwar noch nicht möglich, kritische Beiträge zu veröffentlichen. Doch die politischen Wende-Bewegungen in Rostock schufen sich mit der „Plattform“ ihre eigene Revolutionszeitung. „Nun konnte ich unter Hochspannung arbeiten und all das nachholen, was mir in den vergangenen Jahren verwehrt worden war: Ich durfte wieder schreiben, meine Gedanken öffentlich äußern. Ich hatte wieder einen Namen!“, erinnert sich Lothar Borbe. Als sich die „sozialistische Presse“ dann endlich auch kritischem Gedankengut öffnete, seien die „Plattform“ wie auch alle anderen Revolutionszeitungen allerdings sehr schnell wieder vom Markt verschwunden.

In jener Zeit hatte Lothar Borbe auch den eingangs zitierten Leserbrief geschrieben. Denn: „Die Wende bescherte mir auch die Reanimierung meiner verschütteten ,Seemanns-Gene‘.“ Doch von der Hoffnung, wieder in Ehren zur See fahren zu dürfen, blieben nur Rehabilitierung und Vertröstung. Inzwischen sagt Borbe, dass das vielleicht sein Glück war, blieb ihm dadurch doch das raue Fahrwasser der heutigen Seefahrt erspart.

Doch auch wenn er nicht wieder zur See fuhr – ganz nah am Wasser fand der Rostocker nach der Wende noch einmal berufliche Erfüllung: im Organisationsteam der HanseSail. Und als Rentner schließlich konnte er, zusammen mit seiner Frau Erika Welter, Erlebnisse aus seinem bewegten Leben in Buchform veröffentlichen, die er zum Teil schon lange vor der Wende zu Papier gebracht hatte, damals aber nicht publizieren durfte. Die Titel „an ELBE, MEMEL und KRAINKE“, „auf der PENNE“, „bei der MARINE“ und „auf OSTASIENFAHRT“ sind mittlerweile von ihm im Berliner Nora-Verlag erschienen.

Lothar Borbes Fazit fast 25 Jahre nach der Wende: „Die Hoffnung, dass die Welt friedlicher, gerechter und vernünftiger werden wird, hat sich leider nicht erfüllt. Meine persönliche Bilanz allerdings ist positiv. Wir genießen die Errungenschaften einer offenen Welt. Unsere Kinder und Enkelkinder profitieren davon. Sie leben ohne politische Bevormundung. Sie erleben fremde Länder und Kulturen…“

Und auch er selbst konnte von der neuen Offenheit und Reisefreiheit auf ganz besondere Weise profitieren: 1998, zum 85. Geburtstag seiner Mutter, konnte er sie zusammen mit seiner Frau in Kalifornien besuchen…

 

 

 

Lothar Borbes Leserbrief und seine Sicht darauf nach 20 Jahren sind Bestandteile des Buchprojekts „Momente deutscher Unschuld“ von Rainer Lehmann. Sie werden vom Mecklenburger Buchverlag Neubrandenburg herausgegeben. Die ersten beiden Bände sind in den Geschäftsstellen unserer Zeitung erhältlich.

 

 

zur Startseite

von
erstellt am 15.Mai.2014 | 12:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen