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Mecklenburg-Vorpommern

03. Dezember 2016 | 18:42 Uhr

Staatstheater Schwerin : Ein Junge mit Grillen im Holzkopf

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Pinocchio“ – das Weihnachtmärchen als Familienstück am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin

Kein W-Mann. Das Weihnachsmärchen am Schweriner Theater ohne W-Mann. Das Gerücht machte im Vorfeld der Premiere seit Wochen die Runde und sorgte für Befürchtungen vielerlei Art. Es würde also anders werden als unter der Ägide Dehler. Vielleicht gut so. Gut so?

Der Rezensent, mit kleinen Kindern nicht und mit Enkeln noch nicht gesegnet, stürzte sich also am Sonnabend Vormittag ins ausverkaufte Große Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters und saß dort einigermaßen eingeschüchtert inmitten von Kindern, Enkeln, Eltern und Großeltern. Pinocchio, der Kinderbuchklassiker, wurde vom neuen Schauspielteam ins Rennen geschickt gegen die seit Jahren bewährten Brüder Grimm.

Um es vorwegzunehmen: Was er nicht erwartet hatte, der kindliche Temperamentsausbrüche und ohrenbetäubende Gefühlsausbrüche fürchtende Kritiker – die Kleinen saßen eine Stunde gebannt auf ihren Sesseln und folgten atemlos dem Pinocchio, dieser hölzernen Puppe, die so gern ein richtiger Junge werden will. Und dabei immer wieder abgelenkt wird: von einem Marionettenspieler, zwei üblen Spitzbuben, einem uneinsichtigen Richter, den Verführungen des trügerischen Spielzeuglandes, einem Zirkusdirektor, einer Brieftaube und schließlich einem riesigen Mörderwal.

Robert Höller, ein sympathischer, äußerst agiler, doch keinesfalls hölzerner Pinocchio, dem sogar das kleine Zauberkunststück gelang, auf offener Bühne seine Lügennase wachsen und schrumpfen zu lassen, hatte einen zweiten Hauptdarsteller an seiner Seite – die Grille mit dem einleuchtenden Name Grillo. Christoph Götz spielte dieses geplagte Insekt als ein Unikum mit der undankbaren Aufgabe, den naiven, noch weltfremden Pinocchio beschützen zu müssen – sozusagen eine von der guten Fee (Anja Werner) erdachte Rahmenhandlung. Was Götz aber zum Star des Abends macht, ist nicht nur seine Schauspielkunst, sondern sein musikalisches Talent. Am Bühnenrand an der Orgel sitzend, ist er allein ein ganzes Orchester und ein unglaublich fantasievoller Geräusche-macher zugleich.

Wie überhaupt die Inszenierung von Jan Jochymski (Regie) und Sabine Schmidt (Ausstattung) eher kräftesparend daherkommt und mehr auf die Fantasie der Kinder setzt als auf bombastische Effekte und überbordende Bühnenbilder. Bis auf Pinocchio und Grillo übernehmen die anderen vier Spieler (Özgur Platte, Sebastian Reusse, Julia Keiling und Anja Werner) gleich drei oder vier Rollen. Was aber dank der witzigen Verkleidungen und Kostüme kaum einem der kleinen Zuschauer auffallen dürfte.

Alles in allem ist dem Inszenierungsteam so viel eingefallen, dass auch die erwachsenen Kinder im Publikum hin und wieder schmunzeln können. Wenn die Kleinen lauthals lachen, weil Pinocchio das Lesebuch als Käsebuch preist, freuen sich Erwachsene vielleicht auf einen Pinot Grigio oder eine Pina Colada, zwei Namen für das Holzkind, bis der eigentliche gefunden ist – Pinocchio.

Der natürlich weder der Gestiefelte Kater noch Dornröschen oder Schneewittchen ist. Und schon gar nicht der W-Mann.

Doch immerhin: Ein Weihnachtslied hat sie dann doch noch improvisiert, die Grille, in diesem ausdrücklich als Familienstück angekündigten Weihnachtsmärchen, das die Theatergänger von morgen nach der Premiere zurecht mit viel Beifall bedachten.

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erstellt am 21.Nov.2016 | 11:55 Uhr

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