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Mecklenburg-Vorpommern

03. Dezember 2016 | 03:22 Uhr

Ehm Welks „Heiden von Kummerow“ : Ein Dorf wird zur Bühne

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Das Wandertheater 89 spielt Ehm Welks „Heiden von Kummerow“ mit den Bewohnern an Originalschauplätzen in Biesenbrow, dem Geburtsort des Dichters

Raus jetzt! So verabschiedete Pastor Breithaupt die Kummerower Schulkinder in die Osterferien. In deren Ohren klangen die rauen Worte wie Osterglocken. Schließlich konnten sie drei lange Wochen Atlanten und Schiefertafeln in die Ecke werfen, waren vor den Backpfeifen des Pastors sicher. Außerdem stand das Heidendöpen im Mühlbach an. Ein heidnischer Brauch, der Kummerow in Verruf gebracht hatte, wetterte der Pastor, ohne auch nur im Geringsten einen Kummerower Bengel davon abhalten zu können, alle Jahre wieder sich dieser Mutprobe vor den Mädchen zu stellen.

So beginnt Ehm Welks Roman „Die Heiden von Kummerow“, der den uckermärkischen Schriftsteller (1884–1966) berühmt machte. Und so beginnt auch eine ungewöhnliche und bisher einzigartige Theaterinszenierung, für die ein ganzes Dorf zur Bühne und die Bewohner zu Darstellern werden. Das theater 89 will Welks „Heiden von Kummerow“ in der Originalfassung an Originalschauplätzen im uckermärkischen Ort Biesenbrow, dem literarischen Kummerow, aufführen. Ein Roman in der Landschaft.

Das kleine brandenburgische Wandertheater ist vor Kurzem in die Uckermark gezogen. Und wer dort lebt, kommt an Welk nicht vorbei. Nicht nur in seinem Geburtsort Biesenbrow wird das Erbe des Dichters durch den Landkulturverein mit dem programmatischen Namen „Die Erben der Heiden von Kummerow“ lebendig gehalten. In Angermünde tragen eine Straße, eine Schule, ein Museum und sogar ein Stipendium, das Welk noch selbst für die Jugend seiner Heimat ausgelobt hatte, seinen Namen. Und der Tourismusverein hat Ehm Welk zum Leitthema gemacht: Urlaub im Heidenland. Da fügt sich das ehrgeizige Theaterprojekt als neue Perle gut ein.

„Der Roman ist ein faszinierendes Zeitdokument der Jahrhundertwende vor dem Ersten Weltkrieg, mit dem Ehm Welk seiner Heimat ein Denkmal gesetzt hat – in einer wunderbar poesievollen, weisen Sprache“, schwärmt Hans-Joachim Frank, künstlerischer Leiter des theaters 89. Ihn reizt auch die widersprüchliche Biografie Welks. „Er ist ein typischer Vertreter gebrochener Biografien, hat zwei Diktaturen erlebt, zwischen Anpassung und Aufbegehren“, sagt Frank nachdenklich. „Mich beeindruckt, wie jemand, der eigentlich Schreibverbot hat, sich hinsetzt, seine Kindheitsgeschichten aufschreibt und damit zu Weltruhm gelangt.“ Für ihn ist es kein Heidenroman, sondern von tiefen christlichen Gedanken geprägt. „Welk beschreibt durch den Blick der Kinder seinen Traum von einer gerechteren, besseren Welt.“

Beim Lesen des Romans wurde Frank von der Idee beflügelt, diese Geschichte zu spielen. Nicht auf einer festen Bühne und nicht als Theaterversion, sondern im Originaltext und unverfälscht an den echten Schauplätzen des Romans, von denen noch viele in Biesenbrow, im Bruch hinterm Berge, erhalten geblieben sind: die alte Dorfschule mit den knarrenden Holzdielen, die auch der kleine Emil Welk einst in Holzpantinen krumm trat, die Kirche, von deren Turm die Kinder die „Weltstadt Randemünde“ – Angermünde – und sogar Afrika zu sehen glaubten, der Kirchacker, den Pastor Breithaupt mit dem Pferdepflug beackerte, das Gutshaus und das Armenhaus.

Die Theatermacher haben sich von der Landschaft, dem Dorf und dem Romantext zu diesem ungewöhnlichen Projekt inspirieren lassen. Theaterchefin Uta Klag musste im Dorf nicht lange Klinken putzen. „Die Biesenbrower waren von Anfang an begeistert und bringen eigene Vorschläge ein“, freut sie sich. Zur Projektidee gehört nämlich auch, nicht nur Höfe und Häuser, Stuben und Ställe, Wiesen und Äcker in die Handlung einzubeziehen, sondern die Dorfbewohner selbst. Sie sind Darsteller in ihrer eigenen Geschichte und werden von den Theaterprofis geschult und unterstützt.

Alle Rollen sind bereits besetzt. Nur für die Kinder als Hauptakteure werden noch kleine Mimen im Dorf und in Angermünder Grundschulen gecastet, um die Rollen zur Sicherheit doppelt besetzen zu können. So spielt der Biesenbrower Schäfer Peter Klos den Kuhhirten Krischan, dem er äußerlich tatsächlich zu ähneln scheint. Nur die Tätowierungen fehlen. Ganz so pingelig will man es doch nicht nehmen.

Der Gemeindepfarrer Michael Heise mimt den Kantor Kannegießer mit ebensolchem weisen Schalk und gütiger Sanftmut und muss sich das Pfeiferauchen nicht erst angewöhnen. Der Vorsitzende des Landkulturvereins und leidenschaftliche Sammler von Ehm-Welk-Erstausgaben, Eckhard Kolle, muss für seine Rolle des Pastors Breithaupt einstudieren, wie man mit Pferd und Pflugschar einen Acker pflügt. Dafür geht er bei einem erfahrenen alten Landwirt und Pferdehofbesitzer in Angermünde in die „Lehre“, der das traditionelle Pflügen hinterm Pferd noch beherrscht.

Auch die Kinder müssen für eine Szene lernen, Pferde auszuspannen und eine Kutsche zu lenken. Alles soll so echt wie möglich dargestellt werden, erklärt Frank die aufwendige Umsetzung.

Auf eine Theaterfassung wurde verzichtet, um Welks Sprache nicht zu verfälschen. Für den Anfang beschränkt man sich auf die ersten acht der 24 Kapitel des Romans. Sie werden von einem Schauspieler gelesen, wie ein Hörbuch aufgezeichnet und bei der Vorstellung mit professioneller Tontechnik abgespielt, damit es für die Zuschauer unter freiem Himmel gut zu verstehen ist.

Die beschriebenen Handlungen und Dialoge werden von den Laiendarstellern zu den Textpassagen gespielt und gesprochen. Die „Bühne“ sind Biesenbrower Orte, zu denen Darsteller und Publikum während der Vorstellung wandern. Mit Pferdewagen, Kapelle und Verpflegungspausen für alle. Es beginnt wie im Roman an der alten Dorfschule, aus der die „Kummerower“ Kinder mit Welks Worten „wie eine Schar Spatzen hinausfliegen“ in die Osterferien.

Die Biesenbrower proben schon emsig. Der Text muss sitzen, die Handlung vertraut sein. Gesten müssen ausdrucksstark und ohne Scheu gespielt werden. Die Aufführung findet am 24. Juni 2017 zur 725-Jahrfeier von Biesenbrow statt. Es wird ein Mammutprogramm von 10 Uhr bis 22 Uhr, in dem die Grenzen zwischen Roman, Schauspiel und Wirklichkeit, zwischen Zuschauern und Darstellern, zwischen Zeit und Raum zerfließen.

Dann erlebt man vielleicht das Wunder, das Welk seinem Kantor Kannegießer in die Seele schrieb: „… das der alte Lehrer als das schönste und wunderbarste von allen Wundern erkannte und das sich oft nur in Abständen von Jahren an einem einzigen Tag im Bruch zeigte, wenn sich wie auf einen Schlag die fahle Leere füllt mit Farbe und Licht … und die Stille anfängt zu läuten im brausenden Jubel der Vögel … Um dieser wenigen Tage willen in vierzig langen Dienstjahren liebte er, der Städter, das Bruch.“

Danila Windolff

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