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Doping in der DDR : Dunkles Sportkapitel aufarbeiten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gerd Bonk war einst der stärkste Mann der Welt, heute ist er invalide. Anabolika machte den damalige DDR-Sportler körperlich kaputt. Der Opferhilfe-Verein DOH fordert von Sportverbänden, Verantwortung zu übernehmen.

Gerd Bonk, 1976 in Montreal Olympia-Zweiter der superschweren Gewichtheber, starb im Herbst 2014. Bonk war ein staatlich anerkanntes Dopingopfer. Der einst „stärkste Mann der Welt” war innerhalb des „Staatsplans 14.25“ mit jährlichen Anabolika-Mengen von bis zu 11  500 mg Oral Turinabol gedopt worden. Nachdem er 1984 die erwarteten Leistungen nicht mehr lieferte, wurde er fallengelassen und erhielt keinerlei medizinische Betreuung mehr. Kurz nach dem Ende seiner Karriere wurde er invalidisiert, wegen kaputter Nieren sowie schwerer Organschäden, und saß fortan im Rollstuhl. Ende September 2014 fiel Bonk ins Koma. „Verheizt von der DDR, vergessen vom vereinten Deutschland“, hatte Gerd Bonk einmal sein Leben beschrieben. So zitiert ihn die Doping Opfer Hilfe (DOH) auf ihrer Internetseite.

Der im März 2013 gegründete Verein versteht sich als Kontakt- und Beratungsstelle. Zunächst für Opfer des DDR-Staatsdopings, das vom Bundesgerichtshof im Jahr 2000 als „vorsätzliche Körperverletzung“ klassifiziert wurde. Doch längst ist der Verein offen auch für west- und gesamtdeutsche Sportler. „Unser Verein ist dazu da, den Geschädigten des organisierten Sports in Deutschland zu helfen, ihre Lebenssituationen besser zu bewältigen und mit ihren Komplementärschäden informierter klarzukommen“, sagt DOH-Vorsitzende Ines Geipel. „Es geht um eine Regulierung der Schäden und um nachhaltige Unterstützung der Opfer. Politik und organisierter Sport sind in der Hinsicht noch immer auf Tauchgang, von wirklicher Verantwortung keine Spur“, sagte sie am Rande des Bundeskongresses der Sportjournalisten in Schwerin.

Das Bundesinnenministerium habe 2014 genau 24    413 Euro für die Beratungsstelle bezahlt, das entspreche zwei 450-Euro-Stellen. Dazu gab es vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) 5000 Euro, das sind sieben Euro pro Opfer. „Die Politik ahnt immerhin, dass es so nicht weitergehen kann, überlegt aber noch vor sich hin. Die Einzigen, die keine Zeit haben, sind die Opfer. Die sterben weg.“

Der NDR-Journalist André Keil, selbst einst Leistungssportler und gut bekannt mit etlichen noch heute aktiven DDR-Leistungssportlern wie etwa dem Diskuswerfer Jürgen Schult, kann nicht nachvollziehen, dass es in Sportclubs und Olympiastützpunkten so wenig Bereitschaft gibt, sich der eigenen Geschichte zu stellen und konstruktiv mit dem Thema zu befassen. Noch mehr regt ihn auf, dass die Sportgymnasien als „Eliteschulen des Sports“ so gar kein Interesse zeigen, dass Verantwortliche im Interview zurückfragen, was das denn den Schülern bringen solle. „Ein Armutszeugnis: Ein Lehrer stellt allen Ernstes in Frage, ob Schüler aus der Geschichtsauseinandersetzung lernen können“, zeigt sich Keil fassungslos. „Welch eine Chance geht hier schon wieder verloren.“

Ines Geipel schlussfolgert: Wer jetzt Olympische Spiele forciert und Deutschlands Sportsystem optimiert und auf Medaillen trimmt, ohne dass er mit den Hypotheken ernsthaft umgegangen ist – der ist ganz klar auch weiterhin für systematischen Betrug.“ Es gebe keine Gewähr dafür, dass sich Geschichte nicht wiederholt. „Nicht in Form von Staatsdoping, nein. Aber in Form eines Systemzwangs, bei dem am Ende auch wieder ungeheurer Schaden rauskommt.“

Die DOH fordert deshalb ein Drei-Säulen-Modell: Eine politische Opfer-Rente für das, was im DDR-Sport in Kader- und Experimentierklassen, im Leipziger FKS-Institut und in den Bezirkssportschulen Kindern und Jugendlichen angetan wurde. Zweitens einen Hilfsfonds für Akutfälle wie etwa die Sportler-Witwe Roswitha Bonk, die ihren Mann Gerd mehr als 30 Jahre lang pflegte, nicht arbeiten konnte und nun mittellos dastehe. „Ich denke aber auch an eine frühere Turnerin, die als Zwölfjährige schon Spritzen ins Rückenmark bekam.“ Sie braucht einen Lift in ihrer Wohnung, weil sie völlig bewegungsunfähig ist. Ihre Berufsunfähigkeitsrente wurde abgeschmettert.

Dopingopfer müssten leider den ursächlichen Zusammenhang zwischen Doping und Gesundheitsfolge selbst beweisen. Deshalb die Forderung nach der dritten Säule: Ein Stab von Spezialärzten. Mit den Kliniken in Greifswald und Schwerin sei das schon vorbesprochen. MV könnte also bundesweit Vorreiter werden. Ideal, so Geipel, wäre eine öffentlich-rechtliche Stiftung, vergleichbar mit der Contergan-Stiftung.  

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erstellt am 21.Apr.2015 | 22:00 Uhr

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