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Mecklenburg-Vorpommern

01. Oktober 2016 | 03:29 Uhr

Gewitter : Dröhnt der Donner – sofort ab ins Haus

vom
Aus der Onlineredaktion

Ein Blitzschlag kann tödlich enden – doch viele Menschen reagieren falsch, wenn sich am Himmel ein Gewitter zusammenbraut

Der Rostocker Rechtsmediziner Fred Zack ist einer von wenigen Gewitterexperten in Deutschland. Im Interview mit Udo Roll erklärt er, warum 30 Menschen und mehr auf einmal vom Blitz getroffen werden können und warum das häufig bei großen Festen passiert.

Rechtsmediziner Fred Zack
Rechtsmediziner Fred Zack Foto: Udo Roll
 

Kennen Sie den Fall Roy Sullivan? Er wurde auch der „Blitzableiter von Virginia“ genannt.
Zack: Ich habe von einem Amerikaner gehört, der sechsmal von einem Blitz getroffen worden sein soll. Ist das der Mann?

Nah dran. Bei Sullivan waren es acht Blitzschläge. Und er hat alle überlebt. Gibt es Menschen, die Blitze anziehen?
Ich glaube nicht, dass das besondere Pechvögel sind. Wahrscheinlicher ist eher, dass sie keine Angst vor Gewitter haben und sich bei solchen Lagen häufiger im Freien aufhalten. Möglicherweise auch ganz bewusst. Vielleicht wollen manche auch nur ins Guinness-Buch der Rekorde.

Der „menschliche Blitzableiter von Virginia“ wurde auch mal beim Angeln vom Blitz in den Kopf getroffen. Wie aus heiterem Himmel.
Dieses Phänomen gibt es wirklich. Viele verbinden Blitze mit Starkregen und Donner. Aber sie können auch 10 bis 15 Kilometer aus dem Gewitterzentrum herausgehen und dadurch in Gebieten auftreten, in denen die Sonne scheint. Deshalb soll man sich bereits in Sicherheit bringen, wenn wann man das Donner-Grummeln hört. Dann wird es nämlich schon gefährlich. Die Amerikaner haben eine einfache Regel: When thunder roars go indoors! (Anm. der Redaktion: Wenn Donner dröhnt, ab ins Haus)

 

Was tun bei einem Gewitter?
 In eine Mulde hocken! Freie Flächen sind nicht sicher. Nehmen Sie die Füße zusammen, die Arme um die Knie.

Was passiert, wenn einem ein Blitz durch den Kopf schießt?
Das ist ein direkter Treffer und das Schlimmste, was einem Menschen bei einem Gewitter passieren kann. Herz und Gehirn können durch die hohe Stromstärke und Spannung sehr schwer geschädigt werden. Das ist häufig das Todesurteil. Die Sterberate bei direkten Treffern ist sehr hoch. Dazu kommt die enorme Hitze. Im Zentrum des Blitzes treten Temperaturen von bis zu 30 000 Grad auf. Ich habe selbst schon gesehen, dass getragene Goldketten bei Blitzopfern verdampft waren. Da ist von dem Schmuckstück nichts mehr übrig geblieben.

Und woher kommt der Knall?
Durch die massive Komprimierung der Luft im Blitzkanal entsteht eine Druckwelle. Die Menschen können weggeschleudert werden und schwere Verletzungen erleiden. Es gibt auch Fälle, bei denen die Kleidung von Blitzopfern zerfetzt wurde. Für ungeübte Augen sieht das im ersten Moment so aus, als ob die Betroffenen überfallen worden sind. Direkte Treffer bei Menschen treten aber eher selten auf.

  Ab ins Haus! In geschlossenen Gebäuden ist es am sichersten.

Es gibt aber doch immer wieder Meldungen, bei denen gleich mehrere Menschen vom Blitz getroffen wurden. Auf einem Volksfest bei Sternberg gab es 39 Verletzte.
Diese Fälle gibt es häufiger. Etwa auf Fußballplätzen, bei Musik-Festivals oder eben Volksfesten. Der Blitz schlägt in einen Baum oder direkt in den Erdboden ein. Der Strom breitet sich dann von der Einschlagstelle in alle Richtungen aus und ein Teil davon gelangt über die Beine in den Körper. Wir bezeichnen das als Schrittspannung.

In der Regel verspüren die Betroffenen ein Kribbeln in den Beinen oder sie fallen hin. Die Symptome verschwinden meistens nach einigen Minuten oder Stunden wieder und hinterlassen keine Spätschäden. Gefährlich kann es werden, wenn man sich nahe an der Einschlagstelle befindet und die Füße weit auseinander stehen.

Können die Veranstalter von großen Freilicht-Festen etwas tun, um das Risiko solcher Blitzunfälle zu verringern?
Darüber kann und sollte man durchaus nachdenken. Festival-Saison ist auch Gewitter-Saison. Da sind die Physiker gefragt, die möglicherweise einen sicheren Unterschlupf für die Besucher konstruieren könnten. Eine Art großen Faradayschen Käfig, der zuverlässig vor Blitzen schützt.

Sie haben gerade die Physiker erwähnt, die sich standesgemäß mit Elektrizität beschäftigen. Wie sind Sie als Rechtsmediziner auf den Blitz gekommen?
Durch einen Blitzunfall in den 90er Jahren auf einem Volksfest in der Nähe von Ludwigslust. Der Blitz war in eine Pappel eingeschlagen - über 60 Menschen wurden verletzt und ein junger Mann kam ums Leben. Als ich ihn untersucht habe, konnte ich mir die zunächst seltenen Befunde nicht erklären. Er war äußerlich unversehrt, aber seine Muskulatur war verkocht. So ein Fall war in der deutschen Fachliteratur nirgendwo beschrieben. Ich habe dann nach einer Antwort gesucht.

 
Raus aus dem Wasser! Wenn Sie im See oder im Freibad seid, dann schnell raus!

Mit welchem Ergebnis?
Es war ein Blitzüberschlag, bei dem zuerst die Pappel getroffen und dann ein Teil der Energie auf den jungen Mann übertragen wurde. Dieser Überschlagseffekt war in der deutschsprachigen medizinischen Fachliteratur bis dahin völlig unbekannt. Fündig wurde ich in den Arbeiten von amerikanischen Kollegen. Und seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen.

Was machen Sie bei Gewitter?
Wenn es mir möglich ist, gehe in mein Haus, das einen Blitzableiter hat und lasse die Finger von Elektrogeräten mit Kabel wie dem Staubsauger. Auch darüber kann ein Blitz weitergeleitet werden und einen Menschen schädigen.

Und in der freien Natur?
Dann eine Mulde oder Kuhle suchen, hinhocken, Beine zusammen und Ohren zuhalten. Auf keinen Fall hinlegen. Sicher vor den Stromschlägen ist man auch in seinem Auto. Häufig reagieren Menschen aber völlig falsch. Sie wollen vor allem nicht nass werden und stellen sich deshalb unter einen Baum oder laufen anderen hinterher in ein großes Zelt oder einen Holzunterstand und riskieren dadurch, von einem Blitz getroffen zu werden.

Bei Handys oder schnurlosen Geräten besteht nach Ansicht von Experten während eines Gewitters keine Gefahr. Bei einem Festnetz-Telefon kann es dagegen passieren, dass der Blitz in die Leitung gelangt.

 

In Deutschland sterben jährlich bis zu 10 Menschen nach Blitzschlägen - bis zu 230 werden verletzt. Die Zahl der  Unglücke   ist in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen. In den 50iger-  und 60iger Jahren starben noch 40 bis 100 Menschen durch Blitze. Experten führen den deutlichen Rückgang auf eine verbesserte Aufklärung und verstärkte Schutzmaßnahmen  zurück.

 

Ein   besonders  tragischer Blitzunfall ereignete  sich  2012 auf einem Golfplatz in Hessen, bei dem vier Frauen ums Leben kamen. Sie hatten bei einem Gewitter auf dem höchsten Punkt der Anlage  Schutz in einem offenen Holzunterstand gesucht.  In das Häuschen  schlugen 11 Einzelblitze ein. roll

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erstellt am 23.Sep.2016 | 12:00 Uhr

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