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Mecklenburg-Vorpommern

28. Juni 2016 | 09:44 Uhr

Prozess in Schwerin : Doppelter Missbrauch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der ehemalige Vorsitzende des Vereins „Power for Kids“ verging sich an Schutzbefohlenen und missbrauchte ihr Vertrauen. Nun muss er für sechs Jahre und sechs Monate in Haft. Seine Opfer werden für immer mit den Taten des Peter B. leben müssen.

„Ich bin eine betroffene Mutter. Natürlich ist das Urteil zu milde“, sagte eine Frau, kurz nachdem Peter B. in Fuß- und Handschellen und versteckt unter der Kapuze seines Parkas aus dem großen Saal 8 des Schweriner Landgerichts geführt worden war. „Ich bin wütend, über das, was er getan hat“, sagte eine andere, „und enttäuscht bin ich über das Urteil“. Schließlich würden seine jungen Opfer den Rest ihres Lebens mit den an ihnen verübten Taten leben müssen. „Mindestens für zehn Jahre hätte der frühere Kopf des Schweriner Jugendklubs „Power for Kids“ ins Gefängnis gehört, befand der Vater eines seiner Opfer. Eine Zuschauerin hingegen bekannte, „für Menschen wie diese“ gebe es keine gerechte Gefängnisstrafe.

Das Landgericht verurteilte Peter B. gestern wegen vollendetem und versuchtem sexuellen Kindesmissbrauchs in 43 Fällen, begangen an acht Jungen im Alter zwischen sieben und 13 Jahren. Er hatte die Kinder aufgefordert, sich zu entblößen. Oder er betatschte und befummelte sie. Schwerer für das Urteil zu sechs Jahren und sechs Monaten Haft wogen zehn Vergewaltigungen eines Siebenjährigen, der wie so viele andere Kinder regelmäßig zu Peter B. in den Jugendklub kam. Staatsanwalt Jörg Seifert fasste diese Fälle in nüchternes Juristendeutsch. Der Vorsitzende Richter Armin Lessel aber konnte nicht umhin, in seiner Urteilsbegründung die unappetitlichen Details zu erwähnen. Von „anal“ und „oral“ war da die Rede, vom Strampeln des Jungen, der sich wehrte, von den verschlossenen Türen, durch die keine Hilfe kommen würde.

In kaum einem anderen Prozess saßen sich die Opfer und der Täter so nah gegenüber wie in diesem. Trotzdem blieb es ruhig im Saal, als das Urteil fiel. Lessel lobte, dass – anders als bei ähnlichen Verfahren – niemand nach Lynchjustiz rief. Auch die Eltern seien Opfer, wie ihr Rechtsbeistand Christine Habetha sagte. Als Nebenkläger nahmen sie im Gerichtssaal Platz und versuchten, einem Mann in die Augen zu schauen, den sie als vertrauten, stets hilfsbereiten, sozial engagierten, äußerst redegewandten und von Lokalpolitikern hofierten Kopf von „Power for Kids“ kannten. Nun saß ein Haufen Elend vor ihnen, der ihre Blicke nicht erwiderte. Peter B. verkroch sich in seinem Parka, lag halb auf der Tischplatte.

Staatsanwalt Seifert billigte Peter B. zu, dass er sich schäme. Ob er seine Taten bereue, sei unklar, da der Angeklagte fast immer schwieg. Seifert unterstellte B. sogar, er habe sich in seinem Verein einen „persönlichen Harem“ aufgebaut. Rechtsanwältin Habetha konstatierte gar, Peter B. habe den Verein gegründet und organisiert, um seinen sexuellen Bedürfnissen „hemmungslos nachgehen zu können“. Von Scham sah sie bei Peter B. wenig, nur Selbstmitleid.

Richter Lessel jedoch befand, es gebe keine Belege, dass B. den Verein so geformt hat, um seinen Trieben nachgehen zu können. Das wäre auch ein schwerer Vorwurf an die dort ehrenamtlich arbeitenden Eltern. Allerdings habe B. „die Gegebenheiten des Vereins genutzt“.

Einige Mütter weinten. Manche mögen Selbstzweifel plagen, warum sie ihren Kindern nicht helfen konnten. Zumindest zwei Kinder hatten ihren Eltern vor der Verhaftung B.’s im August vergangenen Jahres von Übergriffen erzählt. Ihre Eltern hatten ihnen nicht geglaubt. Rechtsanwältin Habetha macht ihnen daraus keinen Vorwurf. Schließlich hatte selbst das Schweriner Jugendamt im Januar 2015 Hinweise auf Peter B.’s Treiben, ohne darauf angemessen zu reagieren. Die Gründe dafür soll ein Sonderausschuss der Stadtvertretung nun aufarbeiten. Im Jugendhilfeausschuss der Stadt geistert zusätzlich der latente Vorwurf der „Ermöglichungsstrukturen“ im Verein „Power for Kids“ herum. Auch das sollte untersucht und belegt werden. Zu fragen ist auch, ob das Jugendamt - unabhängig von den sexuellen Übergriffen – seiner „Wächterfunktion“ gegenüber dem Verein gerecht geworden ist.

Rechtsanwältin Habetha fragt sich zudem, wie der intelligente Peter B. über Jahre von Hartz IV leben konnte, ohne einer Arbeit nachgehen zu müssen. „Da muss er wohl einen besonders guten Draht zur Behörde gehabt haben.“

Peter B. droht indes ein weiterer Prozess. Es sind neue Opfer und neue schwerere Vorwürfe aufgetaucht. Möglicherweise hat seine „Missbrauchs-Karriere“ bereits viel früher angefangen. 2004 wurde er zum ersten Mal angezeigt. Der damals 18-Jährige zog seine Anzeige zurück und behauptete, gelogen zu haben. Seine Mutter soll ihm sowieso nicht geglaubt haben.

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erstellt am 10.Feb.2016 | 20:55 Uhr

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