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Mecklenburg-Vorpommern

25. September 2016 | 10:51 Uhr

Seelotsen in Rostock : Die Taxifahrer vom Schiffs-Bahnhof

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Lotsen werden in Deutschland zur Mangelware: Nun soll ihre Ausbildung reformiert werden – wie, erklärt der Rostocker Ältermann Dr. Christian Subklew

Für Dr. Christian Subklew und seine Kollegen beginnt die Arbeit oft nachts. Dann, wenn die großen und kleinen Pötte den Rostocker Hafen ansteuern, heißt es für sie: höchste Konzentration. Schließlich sind sie als Lotsen das zweite Gehirn der Kapitäne. Fehler dürfen sie keine machen. Die Konsequenzen lägen in Millionenhöhe. Umso tragischer ist es, dass die Deutsche Seeschifffahrt unter einer stark zurückgehenden Zahl von ausgebildeten Offizieren leidet. Das geht aus einer Anfrage der Grünen an die Bundesregierung hervor. Gleichzeitig wird rund ein Drittel der heute beschäftigten Seelotsen bis 2024 in Rente gehen.

Das Problem sei schon vor zwei Jahren erkannt worden, sagt Subklew, Vizepräsident der Bundeslotsenkammer. Die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt hätte längst eine Arbeitsgruppe gegründet, die Antworten auf die Krise suche. Gründe für den Lotsenmangel ließen sich in der internationalen maritimen Wirtschaft finden. Die Reeder würden keine deutschen Nautiker einstellen, weil diese zu teuer wären. „Wer sparen muss, spart auch beim Personal. Den Reedern gehts nicht gut. Seit 2008 sinken die Flottenzahlen“, erklärt Subklew. Nach und nach hatten Reeder zahlreiche Schiffe aus dem deutschen Schiffsregister ausgeflaggt.

Lotsenreviere in Deutschland

Lotsenreviere in Deutschland

Foto: Karte: S. blasshofer
 

Die Bundeslotsenkammer warnt: „Derzeit beträgt die Anzahl der Studienanfänger im Bereich Nautik in Deutschland nicht einmal mehr 35 Personen. Ab dem Jahr 2018 liegt der Bedarf allein an See- und Hafenlotsenanwärtern pro Jahr bei 40 bis 50.“ Das Konzept der maritimen Ausbildung müsse umstrukturiert werden. Gibt es derzeit lediglich einen Berufszugang, könnten dem Nachwuchs bald drei Möglichkeiten offeriert werden. Grundvoraussetzung bleibe aber das vierjährige Studium. Wer bisher als Lotse arbeiten will, muss wenigstens zwei Jahre reine Seefahrtszeit als Kapitän vorweisen können. Zuvor muss der Bewerber zwei Jahre als nautischer Offizier an Bord gearbeitet haben. Der klassische Zugangsweg sei allerdings nur möglich, wenn es genug Ausbildungsplätze an Bord von Schiffen gibt. Indem sich die Bundesregierung in der Vergangenheit auf Maßnahmen zur Förderung der deutschen Flagge verständigt hatte und den Reedern zusprach, 100 Prozent der anfallenden Lohnsteuer der Seeleute behalten zu können, seien laut Subklew wieder mehr deutsche Nautiker angestellt worden. „Streitpunkt ist immer das Geld“, weiß der 1. Ältermann der Lotsenbrüderschaft Wismar – Rostock – Stralsund. Seine Brüderschaft ist 36 Mann stark und habe bisher keine Nachwuchssorgen und wolle deshalb an der traditionellen Ausbildung festhalten. „Jede Brüderschaft entscheidet eigenständig, welchen Weg sie geht.“ Subklew ist sich sicher: „Auch perspektivisch wird es in der Region keinen Lotsenmangel geben.“

Anders sei die Situation in den Revieren Weser II, Elbe oder Nordostseekanal. Im vergangenen Jahr fehlten allein den Elblotsen knapp 100 Kollegen. Hier könnten die neuen Berufszugangswege greifen, bei denen auch Bewerber ohne Erfahrung genommen werden. „Die einen haben zwar das Kapitänspatent, sind aber nie als Kapitän zur See gefahren, die anderen kommen direkt aus dem Studium“, stellt Subklew dar. „Vor ihrer Aspirantenzeit, die sich von acht auf zwölf Monate verlängern soll, bekommen sie eine Grundausbildung, die mit einer Praxisprüfung endet.“ Die Finanzierung der neuen Optionen sei bisher ungeklärt. Als Idee formuliert die Bundeslotsenkammer einen Lotsenfond anzulegen. „Normalerweise gibt es bei Lotsen keine Gehaltsstaffelung, der Junglotse bekommt dasselbe wie der erfahrene. Die Idee ist, dass die weniger Erfahrenen auch weniger Gehalt bekommen, dieses stattdessen in den Fond fließt. Sie würden damit ein Ausbildungsgeld zahlen“, erläutert Subklew. Hintergrund sei, dass jeder Junglotse einen Mentoren an die Seite gestellt bekäme, dessen Ausfall im normalen Betrieb nicht tragbar sei. Damit die neuen Ausbildungswege umgesetzt werden können, muss das Seelotsengesetz verändert werden. „Die Änderungen müssen noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden“, so Christian Subklew. Er selbst wurde 1991 Lotse in Brunsbüttel, nachdem ihm die Deutsche Seerederei nach der Wende einen Aufhebungsvertrag unterbreitete. „Alles, was älter war als 55, ging in Rente, alle unter 40 mussten diesen Vertrag unterschreiben“, erinnert er sich. Die Lotsentätigkeit sei ihm gerade recht gekommen. „1990 wurde unser drittes Kind geboren. Ich bin gern zur See gefahren. Aber auf diese Weise konnte ich zuHause bleiben und war trotzdem weiter mit der Schifffahrt verbunden.“ 1997 wurde Subklew Mitglied der Brüderschaft Wismar – Rostock – Stralsund. Seine Frau hätte das Heimweh gepackt, erzählt er. Dort wurde er im Jahr 2000 Ältermann. Lotsen würden selbstständig arbeiten, seien aber in einer Brüderschaft zusammengeschlossen. „Eine Zwangsmitgliedschaft“, nennt Subklew, der seit 2007 auch Vizepräsident der Bundeslotsenkammer ist, das Prinzip.

Lotsen arbeiten zu 80 Prozent nachts, an Wochenenden und Feiertagen. „Wir sind wie Taxifahrer auf einem Schiffs-Bahnhof. Wir begleiten die Schiffe in und aus dem Hafen“, erklärt Subklew. Ein Lotse müsse mit jedem Schiff umgehen können, er müsse es fahren, wenden oder stoppen können, auch Giga-Kreuzliner mit einer Länge von mehr als 350 Metern wie die „Allure of the Seas“. „Die Kapitäne können nicht alle Häfen auf der Welt kennen. Dafür sind wir da. Ist ein Schiff versorgt, stellen wir uns wieder hinten an.“

Mit 65 Jahren ist Schluss, dann kommt der per Gesetz erzwungene Ruhestand. Für Subklew ist das 2019 der Fall. „Drei Kollegen klagen derzeit, weil sie gerne länger arbeiten möchten“, weiß der Ältermann. Außerhalb Deutschlands sei dies bereits möglich. Anders als bisher alle drei Jahre müssten sich die Kollegen dann allerdings jährlich einem Gesundheitscheck unterziehen.

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erstellt am 22.Sep.2016 | 11:45 Uhr

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