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Mecklenburg-Vorpommern

25. September 2016 | 15:59 Uhr

Raubkunst : Die Spur der Bilder

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Verdacht der Raubkunst bei Gemälden des Staatlichen Museums Schwerin

Das Staatliche Museum Schwerin kann den redlichen Erwerb vieler seiner Gemälde nicht belegen. Das gilt auch für eines seiner wertvollsten: die „Winterlandschaft“ des großen Romantikers Caspar David Friedrich (siehe unten). Eine Studie über 344 Gemälde mit unbekannten Vorbesitzern legt nahe, das Bild sei von den Nazis beschlagnahmt worden. Aber Museumsdirektor Dirk Blübaum tut sich schwer mit den Details.

Die Studie habe „keine konkreten Hinweise“ ergeben, „dass die Objekte aus dem Eigentum verfolgter Juden oder anderer verfolgter Gruppen stammen“, teilte das Museum mit, als eine Zusammenfassung der Studie 2013 vorgestellt wurden.

Bei einigen Bildern wäre, so die Recherchen unserer Zeitung, dringend weiteres Nachhaken angebracht. Die „Winterlandschaft“ wurde, so der damalige Leiter der Gemäldegalerie, Erich Venzmer, 1941 vom Schweriner Finanzministerium übergeben, „um es luftschutzmäßig zu bergen“.

Die Kunsthistorikerin Susanne Fiedler, die die Geschichte der Gemälde erforscht, hat dafür keine Belege gefunden. Im Museums-Archiv stieß sie jedoch auf einen Brief an den Kunsthändler Paul Rusch, dem 1941 eine leere Bilder-Transportkiste zurückgeschickt werden sollte. Da kein anderes Museums-Bild dafür infrage kommt, spekuliert Fiedler, dass in der Kiste die „Winterlandschaft“ nach Schwerin kam. Denn Rusch verkaufte 1941 eine zweite „Winterlandschaft“ aus demselben Friedrich-Zyklus an ein Dortmunder Museum.


Etwa 230 Belege für redlichen Erwerb fehlen


Das Dortmunder und das Schweriner Bild könnten aus derselben privaten Sammlung „veräußert beziehungsweise beschlagnahmt“ worden sein, so Fiedler, auch weil Rusch vermutlich daran beteiligt war, Nazi-Raubkunst aus den besetzten Gebieten zu verkaufen. Sollte sich Fiedlers Spur als falsch erweisen, ist der Verdacht der Raubkunst dennoch nicht aus der Welt. Das Finanzministerium war unter den Nazis zuständig, das den Juden abgepresste Vermögen zu verwerten.

Auch für das 400 Jahre alte Gemälde „Madonna della Pappa“ von Bernardo Strozzi hat Fiedler alarmierende Erkenntnisse gewonnen. Als letzten Eigentümer hat sie einen Ernst Lang in Berlin ausgemacht, der das Bild 1927 auf einer Ausstellung präsentierte. In den Museumsakten heißt es lapidar, es sei „nach 1945“ nach Schwerin gekommen. Wer das Bild in der Zwischenzeit besaß, hat Fiedler nicht erforscht. Im Berliner Adressbuch waren 1927 sechs „Ernst Lang“ verzeichnet, darunter ein jüdischer Arzt. Ob er der Kunstsammler war, ist nicht geklärt.

Kauf, Geschenk oder Erbschaft? Für mehr als 230 Gemälde hat Fiedler trotz ihrer immensen Fleißarbeit keine Belege für einen redlichen Erwerb durch das Museum beigebracht. Sie fand lediglich Hinweise, laut denen diverse Bilder nach 1933 von Behörden oder Ministerien „überwiesen“ wurden. Fiedler untersuchte auch Gemälde, die nach dem Ende der Nazi-Herrschaft ins Museum gelangten. Schließlich wurde mancher Kunstraub der Nazis in einem Heimatmuseum „zwischengelagert“, bevor er nach Schwerin kam.

Zugleich wirft die Studie damit ein Licht auf die Museumsgeschichte nach 1945. Während der Bodenreform „sicherten“ Emissäre des Museums Kunstwerke, die die vertriebenen Gutsbesitzer zurücklassen mussten, und erweiterten so den Gemäldebestand der Schweriner Galerie. Alteigentümer, die nach der Wiedervereinigung bis 1994 keinen Antrag stellten, hatten kaum eine Chance, ihr Hab und Gut zurückzubekommen.

Nach Gründung der DDR wurden bei Zwangsenteignungen wie der „Aktion Rose“ (1953) und der „Aktion Licht“ (1962) DDR-Bürger um ihr Privateigentum gebracht. Der Besitz von „Republikflüchtigen“ und Ausreisewilligen wurde häufig konfisziert. Fünf Bilder hat Fiedler direkt als „Fremdes Eigentum SED-Opfer“ eingeordnet. Das Gemälde „Die Auguste Victoria im Naeröfjord“ wurde zum Beispiel 1961 von der Stasi beim Museum abgeliefert. Wie viele weitere Bilder eine ähnliche Geschichte haben, müsste erforscht werden. Bei einigen bieten sich deutliche Recherche-Ansätze. So könnten die von Maltzahns um Hilfe gebeten werden, die Herkunft von sechs Portraits ihrer Vorfahren zu klären, die nach 1945 ins Museum kamen.


Komplette Studie unter Verschluss


Indes hat Fiedler 83 Gemälde ehemaligen Besitzern zuordnen können, darunter auch Bilder, die aus verschiedenen Gründen dem Museum zum Aufbewahren überlassen wurden. Zu den Betroffenen sei, so weit möglich, Kontakt aufgenommen worden, sagt Direktor Blübaum. Nur 21 der 344 Bilder konnte Fiedler zweifelsfrei als Eigentum des Museums identifizieren.

Das Museum veröffentlichte 2001 eine Liste mit den Grobdaten von Bildern, deren Vorbesitzer unbekannt sind. Sie ist seit der Fiedler-Studie lange überholt. Dennoch wird sie weiterhin auf der Museums-Internetseite präsentiert. Blübaum versprach, alle Details der Fiedler-Studie über die Bilder mit ungeklärter Herkunft auf der Internet-Plattform „Lost Art“ (Verlorene Kunst, www.lostart.de) zu veröffentlichen. Technische Probleme haben dies angeblich bisher verhindert. Die komplette Studie will Blübaum allerdings unter Verschluss halten. Es sei eine „wissenschaftliche“ und keine „öffentliche“ Studie, behauptet der Direktor. Die Fiedler-Studie ist mit 80 000 Euro vom Bund gefördert worden. Uwe Hartmann von der Arbeitsstelle für Provenienzforschung, die die Fördergelder verwaltet, kann keinen Grund für die Geheimhaltung erkennen: „Wir sind für Transparenz.“

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erstellt am 25.Sep.2014 | 11:53 Uhr

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