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Mecklenburg-Vorpommern

04. Dezember 2016 | 21:22 Uhr

Demographischer Wandel : Die Provinz in MV lebt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Glück bemisst sich in Loitz nicht am Kontostand. In der Kleinstadt sind die Löhne gering, die Renten niedrig, die Jungen sind gegangen, die Bevölkerung schrumpft. Die Stadt stemmt sich gegen den demografischen Wandel.

Es ist Mittagszeit und im Fahrradladen von Ulrich Polzin zeigt die Uhr hinter der Ladentheke dreiviertel neun. In dem Geschäft in der Altstadt von Loitz riecht es nach Gummi, Öl und Metall. Ladeninhaber Polzin schraubt Stützräder an ein Kinderfahrrad. Einen Käufer gibt es noch nicht, aber vielleicht kommt ja bald einer. „Die Geschäfte laufen nicht mehr so gut“, sagt der 69-Jährige. Noch ein oder zwei Jahre, dann macht er den Laden dicht. Einen Nachfolger, da ist sich Polzin sicher, wird er nicht finden. Wofür auch? „Es leben ja immer weniger Menschen in Loitz.“

Loitz ist ein verträumtes Städtchen im vorpommerschen Hinterland. Der Ort steht beispielhaft für ländliche Regionen in Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder auch Niedersachsen. Eine Straße mit barocken Häusern schlängelt sich durch die Innenstadt. Der Fluss Peene umschmeichelt den Ort. In der realsozialistischen Mangelwirtschaft galt Loitz als Geheimtipp. Man kam von Greifswald oder Neubrandenburg zum Einkaufen hierher. Heute ist die Straße verwaist, die meisten Läden sind geschlossen.

Die Demografiestrategie des Bundes stellt fest: „Obwohl die Bevölkerung in allen Regionen altern wird, gibt es auch bei der Alterung erhebliche regionale Unterschiede. Sie verläuft dort besonders stark, wo eine hohe Abnahme der Jüngeren mit einer starken Zunahme der Hochbetagten zusammentrifft.“

In Loitz sank die Einwohnerzahl parallel mit dem Niedergang an Arbeitsplätzen. Erst wurde das Dübelwerk verkauft, 1999 schloss die Stärkefabrik. Mehr als 1000 Arbeitsplätze sind seit der Wende weggefallen, schätzt Bürgermeister Michael Sack (CDU). Rund 10 000 Menschen wohnten um 1990 hier, jetzt sind es im Amt Peenetal-Loitz knapp 6400. „Wir sind mitten im demografischen Wandel“, sagt Sack. „Doch wir tun etwas dagegen.“ Seit 2012 ist das Amt Teil des Modellprojekts Regionalplanung (MORO) der Bundesregierung. Die Bestandsanalyse, sagt Sack, habe ihn erschreckt. Bis 2030 wird Loitz noch mehr als 1000 weitere Einwohner verlieren, dabei steigt der Anteil der Älteren drastisch. Die Gutachter sprechen von „weiter rückläufigen Einkommenslagen“, von „nicht wenigen“ Vereinen, deren Vorstände älter als 80 Jahre alt sind und deren Funktionsfähigkeit wegzubrechen droht.

In der Demografiestrategie des Bundes heißt es: „Deutschland bleibt nur lebenswert, wenn es bei diesen Entwicklungen seine Solidarität zwischen den Regionen bewahrt und jede Region faire Entwicklungschancen und Unterstützung erhält.“

Michael Sack ist ein eloquenter Typ, den die Loitzer mögen. Bürgermeister wollte er eigentlich nicht werden. Nach seinem Bauingenieurs-Studium ist der 41-Jährige in die Heimat zurückgekehrt. Er wolle das bürgerliche Engagement stärken. „Menschen, die Arbeit haben und in ihrer Heimat verwurzelt sind, ziehen nicht weg.“ Jetzt kehrt er die Scherben der geplatzten Träume anderer zusammen. Viele Häuser stehen leer. In der Hoffnung auf hohe Renditen und blühende Landschaften wechselten sie nach der Wende den Besitzer. Die Erwartungen erfüllten sich nicht.

Der Bevölkerungsgeograf Helmut Klüter arbeitet an der Uni Greifswald. Die Prognosen von entleerten ländlichen Räumen könne er nicht nachvollziehen. 2013 habe der Nordosten einen Wanderungszuwachs von 2900 Menschen verzeichnet. Nicht nur Städte begrüßen neue Bürger, sondern auch Dörfer – vor allem an der A 20. Klüter nennt das „Zuwanderungsrakete“, spricht von den „Gärten der Metropolen“ Hamburg und Berlin. Doch noch immer sterben in MV mehr Menschen als geboren werden. „Entscheidend ist, dass die Orte die Schulen nicht verlieren“, sagt Klüter. Sie sind der Garant dafür, dass Familien in Orten bleiben, Handwerker Aufträge erhalten. Der Landesregierung wirft Klüter Fehler vor. Zu voreilig sei auf die Schließung von Schulen gesetzt worden. In Loitz werden 2015 wohl 45 Kinder eingeschult, neun mehr als im Vorjahr.

Die Demografiestrategie hält fest: „Dort, wo die Wege länger werden und die Infrastruktur ausdünnt, müssen innovative Angebotsformen für die Daseinsvorsorge, Mobilität und Nahversorgung entwickelt werden.“

„In Loitz kann man leben. Ist doch alles da“, sagt Einwohner Eberhard Segler. Discounter am Stadtrand, Ärzte um die Ecke. Alles eine Frage der Perspektive: Für ihn und Ingrid Ohlrich (80) ist Loitz das Zentrum, umgeben vom Problem: die Dörfer, in denen es keinen Arzt und Laden gibt. „Ich bin in Loitz geboren und hier werde ich auch sterben.“

Glück bemisst sich in der Kleinstadt nicht am Kontostand. Die Kaufkraft in der Region ist niedrig. Der Anteil der Rentenempfänger wächst, vor allem derer, die mit kleinen Renten auskommen müssen.  

Die Demografiestrategie des Bundes warnt: Eine überdurchschnittliche Bevölkerungsabnahme „wirkt sich nicht nur auf das gesellschaftliche Leben, den Gebäudeleerstand und die Immobilienpreise aus, sondern erschwert eine wohnortnahe Daseinsvorsorge und verschlechtert die Beschäftigungs- und Einkommensperspektiven.“

Sechs Generationen- und Mobilitätsmanager wurden im Rahmen des MORO-Projekts engagiert. Sie gelten als Ansprechpartner für Bewohner umliegender Dörfer, sollen nachbarschaftliche Strukturen organisieren, wenn die Infrastruktur weiter ausdünnt. In Loitz ist ein Architektenwettbewerb für den Bau seniorengerechter Wohnungen ausgeschrieben. Initiativen haben sich gegründet: die Loitzer Hafendestillerie und Brauerei produziert „Loitzer Torfkopp“ – ein dunkles Lagerbier. Erstmals wurde eine Weinkönigin gekürt. Loitzer haben sich zu einem Winzerverein zusammengeschlossen. „Es gibt eine neue Generation von Menschen mittleren Alters, die etwas bewegen will“, sagt Sack.

Thomas Krakau gehört zu dieser Generation. Der 45-Jährige hat den einzigen Optikerladen im Ort. Er hat eines dieser sanierungsbedürftigen Häuser gekauft, will dort einziehen. Krakau ist im Fußball-, Handball- und Schützenverein aktiv. „Der soziale Zusammenhalt ist hier groß“, sagt er.

Auch der Berliner Künstler Peter Tucholski gehört dazu. Als er anderthalb Jahre alt war, verließen seine Eltern bei der Verfolgungsaktion „Rose“ Haus und Heimatstadt. Rund 60 Jahre ist das her. Eine Erinnerung habe er nie an Loitz gehabt. „Aber immer diesen Phantomschmerz hier“, sagt Tucholski und klopft sich auf die Brust. 1991 erwarb er das Vaterhaus, ein Hotel mit Tanzsaal, und sanierte es. Das „Ballhaus-Tucholski“ ist das Fenster der Loitzer nach draußen. Zehn einwöchige Veranstaltungen – Tangoworkshops, Kreativ-Seminare, Schülerfreizeiten – leitet Tucholski pro Jahr. Vielleicht verliebt sich ja einer der jährlich 400 bis 600 Teilnehmer in eines der vielen leerstehenden Gebäude.

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erstellt am 04.Nov.2014 | 11:55 Uhr

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