zur Navigation springen

Mecklenburg-Vorpommern

08. Dezember 2016 | 01:08 Uhr

Serie: Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Die Irrfahrt eines kleinen Jungen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Klaus Ahrens lag wegen eines gebrochenen Fußes im Lazarett und wurde so von seiner Familie getrennt: Die Flucht musste er allein überstehen

Ich wurde als zweiter Sohn der Familie am 17. Februar 1936 in der Wohnung meiner Großmutter in Rostock geboren. Im Herbst 1936 zogen meine Eltern nach Stolp/Pommern. Ende Januar 1945 brach ich mir als Anfänger beim Skilaufen im linken Fuß einen Knochen. Da wir mit dem Chefarzt vom Lazarett in Stolp gut bekannt waren, wurde ich dort geröntgt und anschließend der linke Fuß bis unter das Knie in Gips gepackt.

Anfang Februar 1945 sollte das Stolper Lazarett nach Thüringen evakuiert werden und der Chefarzt bot meiner Mutter an, mich erstmal mitzunehmen, so dass sie mit den anderen drei Geschwistern auf der Flucht beweglicher sein würde. Dann lag ich im Lazarettzug zwischen den verwundeten Soldaten und in der Nacht fuhr der Zug bis Rummelsburg, das heutige Miastko.

Da die weitere Strecke schon von der Roten Armee eingenommen war, ging es zurück nach Stolp. Im Laufe des Tages drängten immer mehr Flüchtlinge in den Zug und im letzten Augenblick auch meine Mutter mit den Geschwistern. In der nächsten Nacht fuhr der Zug nach Treptow an der Rega, heute Trzebiatow, und ich kam mit den Soldaten dort in das Lazarett. Meine Mutter brachte meine Geschwister nach Rostock, doch als sie mich holen wollte, ging nichts mehr. Meinen neunten Geburtstag verlebte ich im Lazarett.

Es muss der 3. oder 4. März gewesen sein, als wir von Treptow evakuiert werden sollten. Auf dem Bahnsteig stand auf dem Gleis ein Personenzug, in den alle Verwundeten steigen mussten. Auf der anderen Seite des Bahnsteigs stand ein Güterzug, in dem lagen auf Stroh viele Flüchtlinge. Ich überzeugte die mich tragenden Sanitäter, mich dort ins Stroh zu legen. Dann fuhr der Personenzug ab und ca. 30 Minuten später auch unser Zug. Wir waren gerade aus dem Bahnhof raus, als es plötzlich eine riesige Detonation gab und unser Zug schlagartig zum Stehen kam. Dann erschallte der Ruf „Die Russen kommen“ und während ich auf der einen Seite durch ein Astloch in der Waggonwand sechs, sieben fahrende Panzer erblickte, sprangen alle anderen auf der anderen Seite aus dem Zug und liefen auf die Häuser von Treptow zu. Ich war allein.

Mit dem ersten und einzigen Schuss hatten die russischen Panzerfahrer die Lok getroffen. Vom Waggon auf einen schmalen Steg waren es gut zwei Meter Höhe und dahinter ging es wohl 15 Meter steil runter auf die Straße. Während ich noch überlegte, wie ich mit meinem Gipsbein da hinunter komme, kam unten ein Stoßtrupp von jungen Soldaten mit Panzerfäusten entlang. Ich brüllte um Hilfe. Zwei Soldaten trugen mich zur Siedlung in einen großen geräumigen Keller voller Menschen. Am nächsten Tag nahm mich dann eine junge Frau mit Sohn und dem Opa mit in ihre Wohnung. Zwei Tage später setzten sie mich auf einen Ziehwagen und wir zogen völlig unbehelligt in das nächste Dorf. Davor kamen wir durch ein größeres Waldstück, in dem es von deutschen Soldaten nur so wimmelte. Im Dorf hing überall die Hakenkreuzfahne. Dort erzählte man, dass der Personenzug mit den verwundeten Soldaten in einem Wald abgefangen und alle erschossen worden waren. Ich hatte wohl den berühmten 7. Sinn.

Nach zwei oder drei Tagen herrschte panische Angst. Über Nacht waren alle deutschen Soldaten plötzlich verschwunden. Alle Fahrzeuge und großen Waffen wurden zurückgelassen. Am nächsten Tag rückte die Rote Armee ein und am darauf folgenden Tag mussten alle bis 6 Uhr das Dorf verlassen haben. Ich wurde wieder auf dem Ziehwagen gezogen, doch nach kurzer Zeit erbarmte sich ein Bauer und ich durfte zu seiner Familie auf den vollgepackten großen Leiterwagen. Am frühen Nachmittag kamen wir an ein Gutsgebäude. Alle Wagen wurden dort reingefahren und die Menschen mussten zu Fuß weiter. Ich saß inzwischen wieder völlig allein auf dem Wagen, während alle anderen draußen vorbeizogen. Ein Russe kam, gab mir ein Zeichen, ich rutschte runter, er fing mich auf, brachte mich zu einer Kutsche und es war das einzige Gefährt, was weiterfahren durfte. Grund war wohl, dass das Pferd lahmte. In einem Dorf haben wir übernachtet. Ich habe kein Auge zugekriegt, ich stellte mir immer vor, die fahren ohne mich.

Am nächsten Abend durften alle wieder in ihre Heimat und so hat mich die Familie mit zurück nach Drensch nördlich von Neustettin genommen. Wir sind diese 120 Kilometer ohne behelligt zu werden gut vorangekommen. In Drensch lebte ich dann bei der Schwägerin, Familie Schacht, in Drensch-Ausbau. Eine Gemeindeschwester entfernte meinen Gips und ich konnte bald wieder laufen.

Es muss schon im August, nach dem Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 gewesen sein, als wir ausgesiedelt wurden. Von Drensch bis Neustettin ca. 35 Kilometer zu Fuß, dann nach Stettin und nach drei Tagen ab nach Bad Segeberg. Bei der ärztlichen Untersuchung stellte man fest, dass ich die Krätze habe und schon kam ich für 14 Tage in ein Krankenhaus. Danach meldete ich mich im Aufnahmelager Bad Segeberg unter A wie Ahrens. Ein Mann gab mir einen Zettel und schickte mich zu einem gelben Postlieferwagen. An jeder Wand eine Bank, eine Bank in der Mitte. Als alles voll war, fuhr der Wagen ab. Gegen Abend fuhr unser Auto dann auf einen Zug und gegen ein Uhr in der Nacht landeten wir in der ehemaligen Flakstellung der Wehrmacht Vogelkoge auf der Insel Sylt.

Nach drei Wochen konnten wir in ein größeres Flüchtlingslager in Kampen. Dort ging ich dann auch wieder zur Schule – am ersten Tag in die 2. Klasse, den nächsten Tag in die 3. Klasse und danach in die 4. Klasse. Über das Rote Kreuz fand mich dann der Bruder meiner Mutter und holte mich im Spätherbst 1945 nach Peine/Niedersachsen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen