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Mecklenburg-Vorpommern

09. Dezember 2016 | 22:15 Uhr

Im Land, wo die Welt zu Ende ist : Die Insel der Langsamkeit

vom
Aus der Onlineredaktion

Marie Eckermann aus Schwerin berichtet in unserer Zeitung von ihrem Freiwilligendienst in Chile

Die ersten Lebkuchen in den Schaufenstern, ein von grauen Wolken verhangener Himmel und der erste Schnee... In Deutschland spürt man allmählich den nahenden Winter. Währenddessen beginnt 110 000 Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Erdkugel die wärmste und sonnigste Zeit des Jahres. Sonnentage mit bis zu 28 °C zaubern mir jetzt hier in Chile ein Lächeln ins Gesicht. Grillfeste, die hier „Asado“ genannt werden, verlagern sich nun vom überdachten Hinterhof an den Fluss mit Blick auf die kantigen Bergformationen der Andenkordillere. Bestes Ambiente, um den chilenischen Frühling so richtig zu genießen!

So richtig genießen können das jedoch nicht alle Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst hier in Chile. Seit zwei Wochen wird landesweit gestreikt. Die Kinder in dem Heim, in dem ich arbeite, haben seitdem schulfrei. In Krankenhäusern gibt es lediglich Notbesetzungen. Auslöser des Streiks ist die Unzufriedenheit großer Teile der Bevölkerung über das private Rentensystem, das seit der Militärdikatur unter Augusto Pinochet (1973-1990) existiert. 90 Prozent der Rentner erhalten monatliche Renten von ca. 230 US-$. Dieser Wert liegt unter dem Mindestlohn, weshalb die Streikenden höhere Renten fordern. Eine Rentenreform ist hier längst notwendig.

Durch gleich zwei Feiertage hintereinander (Reformationstag am 31.10. und Allerheiligen am 1.11.) ergab sich ein langes Wochenende, das für eine kleine Reise wie geschaffen schien. So setze ich mich an einem Freitagabend mit zwei anderen deutschen Freiwilligen in einen der bequemen Reisebusse und kam rund zehn Stunden später auf der Insel Chiloé an. Schon in Deutschland hatte ich mir das Ziel gesetzt, einmal während meines Aufenthalts in Chile diese Insel zu besuchen. Durch den Roman „Mayas Tagebuch“ der chilenischen Schriftstellerin Isabel Allende, dessen Geschichte sich größtenteils dort ereignete, wurde meine Begeisterung für diesen Ort geweckt.

Zahlreiche Mythen und Sagen ranken sich um Chiloé. So soll es ein Geisterschiff namens Caleuche geben, das mit feierlichen Klängen andere Schiffe anlockt und dann spurlos verschwindet. Andere Sagengestalten sind der deformierte und an alleinstehenden Frauen interessierte Troll Trauco, die schöne Meerjungfrau Pincoya oder die Hexe Voladora, die sich in einen Vogel verwandeln kann. Wandert man durch die Natur der Insel, begreift man, wie sich solche Sagen entwickeln konnten. Kantige Felsformationen, durch den scharfen Wind zur Seite wachsende Bäume und die rauschenden, wilden Wellen des Pazifiks laden zum Fantasieren ein. Diese Mythologie stammt von den Ureinwohnern des Inselarchipels, den Huiliche-Indianern. Die Huiliche gehören zur Gruppe der Mapuche. Heute bekennen sich noch ca. 10 Prozent der Huiliche zu ihrer traditionellen Religion, während der weitaus größere Teil seit der jesuitischen Missionierung unter der spanischen Krone dem Christentum angehört.

Deutlich ist dieser christliche Einfluss auf dem gesamten Inselarchipel zu erkennen, denn die Jesuiten errichteten ab 1612 Kirchen aus Holz, die auch Stabkirchen genannt werden. Ähnliche Kirchen findet man sonst nur noch in skandinavischen Ländern, besonders in Norwegen. Heute gehören 16 der Kirchen auf Chiloé zum Weltkulturerbe der Unesco. Diese Kirchen sind innen oft sehr farbenfroh gestaltet.

Hauptsächlich leben die Chiloten, wie die Bevölkerung genannt wird, vom Tourismus und vom Fischfang. Lachszucht spielt außerdem eine wichtige Rolle, obwohl die großen Lachsfarmen von der einheimischen Bevölkerung zum Teil stark kritisiert werden, da sie Umweltpro-bleme hervorrufen. Auch ein geplanter Windpark und eine Brücke, die die Insel mit dem Festland verbinden und so für mehr Tourismus sorgen soll, sorgen für Kritik. Nicht zuletzt weil die Einheimischen fürchten, Chiloé könnte durch einen Anstieg des Tourismus seinen besonderen Charme verlieren.

Viele Menschen arbeiten in der Landwirtschaft. In einigen Teilen der Insel kam es mir vor, als sei die Zeit stehen geblieben. Ochsengespanne, Schafherden und Kühe blockierten die Straßen, sodass geduldiges Warten im Auto angesagt war. Chiloé wird nicht umsonst als „Insel der Langsamkeit'“ bezeichnet – dort läuft das Leben ruhiger und traditioneller. Eine der Traditionen, die sich bis heute erhalten hat, ist die „Minga“. Es beschreibt die Realisierung eines Projektes durch die kooperative Unterstützung anderer Menschen. Hier spielt das Prinzip des Gebens und Nehmens eine wichtige Rolle – hilft man anderen, wird einem auch selbst bei der Arbeit geholfen. Eine Minga kann unterschiedlichste Ziele verfolgen, wie die gemeinsame Kartoffelernte oder auch, was ein besonders typischer Brauch ist, Holzhäuser mithilfe von Ochsengespannen umzusetzen.

Wir gelangten bei einer geführten Tour spontan zu einer wunderschönen Bucht, die als Geheimtipp gehandelt wird. Nach anstrengender Wanderung über steile Pfade hat sich uns ein atemberaubender Anblick des vor Gischt schäumenden Ozeans geboten.

 

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