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Mecklenburg-Vorpommern

23. Juli 2016 | 17:05 Uhr

MV tut gut? : Der verhinderte Botschafter

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Martin Reich möchte als Schwerbehinderter mit seinem Eigenbau-Rad kostenlos Werbung für unser Land machen, doch niemand lässt ihn

Martin Reich redet ohne Punkt und Komma: Über die Jahre in einem DDR-Kinderheim. Über die Erkrankungen, die zu seiner Schwerbehinderung führten. Vor allem aber über seine ganz große Leidenschaft, das Radfahren. Und natürlich über sein Rad Marke Eigenbau, mit dem er schon mal eben von seiner Heimatstadt Stralsund ins 30 km entfernte Greifswald „zum Einkaufen“ fährt. Oder nach Rostock, um sich dort Teile zu holen, die er ebenfalls in seinem Gefährt verbauen will.

Komponenten aus fünf verschiedenen Rädern habe er in seinem verbaut, vom Tandem bis zum Crosser, erzählt Martin Reich. Um das passende Zubehör zu bekommen, hat der Hansestädter namhafte Hersteller angeschrieben – und überraschend viel Unterstützung bekommen. Kostenlos, wie er betont. Dafür würde er seinen Sponsoren die Gelegenheit geben, sich über sein Rad zu präsentieren. Zum Beispiel vor drei Jahren auf der Berliner Fahrradmesse Velo. Oder jetzt im März auf der Rad- und Outdoor-Messe in Bremen, wo er sogar im Bühnenprogramm auftreten und von seinem Eigenbau-Gefährt und den Touren damit erzählen darf.

Gern hätte er dabei auch einfließen lassen, wo er herkommt und wie man ihn als Behinderten zu Hause unterstützt hat. Doch vom Oberbürgermeister seiner Heimatstadt, dem Schweriner Wirtschaftsministerium, dem Behindertenbeauftragten des Landes und dem Landesmarketing habe er auf seine Bitte um Unterstützung hin entweder gar keine oder nur sehr abweisende Antworten bekommen, ärgert sich Reich. „Dabei will ich kein Geld. Aber ich würde zum Beispiel gerne das Logo ,MV tut gut‘ haben und damit dann quasi als Werbebotschafter für unser Land unterwegs sein“. Doch für Privatpersonen sei das nicht möglich, beschied man ihn.

Martin Reich, der trotz gesundheitlicher Einschränkungen nicht auf den Kopf gefallen ist, fragte daraufhin auch in anderen Bundesländern nach. „Wenn ich in Nordrhein-Westfalen gelebt hätte, hätte man mich dort zum Beispiel uneingeschränkt unterstützt“, erzählt er von der Antwort aus dem Düsseldorfer Wirtschaftsministerium.

Mit seinem Messeauftritt wolle er in erster Linie anderen Menschen mit einer Behinderung Mut machen, zeigen, dass man trotzdem das Leben bewältigen und Spaß haben kann, betont Reich. „Ich will mein Rad nicht verkaufen. Es bleibt auf ewig ein Prototyp.“ Das heißt, zurzeit arbeite er an einer Gelände-Variante, das Straßenrad habe doch Grenzen.

Tagfahr- und Bremslicht, Navi, Kamera und Handy: Zählt Martin Reich auf, womit sein Fahrzeug alles ausgestattet ist, denkt man dabei ganz bestimmt nicht sofort an ein Fahrrad. „Ich habe es an meine Behinderung angepasst“, sagt der 37-Jährige dazu. Und an seine Reiselust. Nach Tschechien, Frankreich und Schweden ist er schon geradelt. Sein ganz großer Traum ist eine USA-Tour – doch der wird sich zumindest vorerst nicht erfüllen, denn Martin Reich lebt von Grundsicherung.

„Ich kann meine ganze Technik ohne Solarzellen, nur über Nabentechnik am Fahrrad laden“, erzählt Reich stolz. Und muss beinahe lachen, wenn er erzählt, das sich auch schon Diebe an der mittlerweile wohl 10 000 Euro teuren, für ihn unbezahlbaren Edel-Karosse zu schaffen machten. „Ich habe GPS am Rad.“ Über sein Handy habe er es so jedes Mal schnell auffinden und mit Hilfe von Freunden wieder zurückholen können. Seitdem, so Reich, lasse er allerdings den Hänger ständig am Rad. Es sei dadurch 3,26 Meter lang – und für Ungeübte einfach zu unhandlich.

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erstellt am 08.Jan.2016 | 06:25 Uhr

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