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Mecklenburg-Vorpommern

03. Dezember 2016 | 16:41 Uhr

Seltene Ehre : Der mit den Rentieren zieht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Andreas Hoffmann aus Wesenberg wurde im Kreise der Sami aufgenommen – eine Ehre, die nur wenige erhalten

„Das ist ein ganz privater Moment. Ich bin natürlich draußen geblieben, denn ich gehöre ja nicht dazu. Doch dann rief Wille: Wo bleibst du denn? Du bist jetzt einer von uns.“ Andreas Hoffmann hat Tränen in den Augen. Vielleicht liegt es nur an der beißenden Kälte, die sich über das Land gelegt hat. Behutsam kommt Lars näher. Mit seinen pelzigen Nüstern schnüffelt das Rentier nach etwas Essbarem. „Da kann man stolz drauf sein. Das ist ein Privileg, das mir niemand mehr nehmen kann“, meint Hoffmann und streckt Lars eine Hand voll Pellets entgegen.

Andreas Hoffmann ist in eine Welt eingetaucht, die den meisten Menschen verborgen bleibt. Nämlich in die Welt derer, die mit den Rentieren ziehen. Der „Kinder des Nordlichts“. Der Sami. Einst bevölkerten sie – auch Samen genannt – große Teile Skandinaviens. Als Nomaden zogen sie durch die Weiten der Tundra und die dichten Fichtenwälder – immer den Spuren der Rentierherden hinterher. Auf den Tieren fußt ihre Lebensgrundlage und ihre Kultur.

Hoffmann hat sich 2009 ein Stück der Sami-Welt in seine Heimat nach Wesenberg geholt. Hier, an der Mecklenburgischen Seenplatte, leben er und seine Frau Cornelia inzwischen von der Rentierzucht. Touristen können die Tiere hautnah erleben, sie streicheln, Rentierspezialitäten verkosten oder – was besonders beliebt ist – an einer der geführten Rentiertrekking-Touren teilnehmen.

„Das würde kein Sami verraten“, antwortet Hoffmann dann immer, wenn er nach der genauen Anzahl seiner Rentiere gefragt wird. „Das ist so, als wenn man fragen würde, wie viel Geld jemand auf dem Sparbuch hat.“ Der gelernte Zootechniker respektiert die Gesetze der Sami. Er hält sich an ihre Traditionen. Zur Sommersonnenwende stellt er auf seinem Grundstück einen geschmückten Baum auf – wie die Sami. Seinen Rentieren schneidet er Muster als Kennzeichnung ins Ohr – wie die Sami. Ein Sami in Mecklenburg-Vorpommern.

Über Jahrhunderte wurden die Sami durch mitteleuropäische Völker immer weiter in den Norden von Norwegen, Schweden, Finnland und Russland verdrängt. Sie kannten keinen Landbesitz. Keine Grenzen. Sie waren frei. Nach und nach wurde ihnen der Lebensraum genommen. „Es ging um Fläche. Es ging um Macht“, sagt Hoffmann. „Mit der Christianisierung wurde die Sprache verboten, die Schamanen unterdrückt, ihre Trommeln verbrannt.“ Heute haben die Sami den Status einer anerkannten Minderheit. Schätzungen nach leben noch zwischen 20    000 und 60    000 im Norden der Länder Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. Die wenigsten lebten heute noch von der Rentierzucht.

Die Verbundenheit zu den Tieren sei dennoch geblieben. „Fast jeder Sami besitzt zumindest ein paar Rener“, erklärt er. Jeden Herbst finden die großen Scheids statt. Tausende Rentiere werden dabei von den Sami zusammen getrieben und markiert. In Norwegen und Schweden ist die Zucht der Rentiere ausschließlich den Sami vorbehalten. Außenstehende können dem Spektakel beiwohnen. Helfen dürfen sie nicht.

Dass diese Regel für den Mecklenburger gebrochen wurde, ist eine große Ehre. „Alle anwesenden Sami mussten zustimmen. Hätte auch nur einer was dagegen gehabt, wäre es das gewesen“, sagt Hoffmann. Sechs Jahre dauerte es, bis im östlichen Finnland bei Kuusamo der Sami Wille schließlich Hoffmann seinen größten Wunsch erfüllte. Im vergangenem November war es dann so weit. „Ich wurde komplett in die Arbeit integriert.“

25 Tage dauerte der Scheid. Zunächst half Hoffmann unendlich lang erscheinende Zäune aufzustellen. Gegen diese werden die Rentiere getrieben, um sie dann in große Gatter zu führen. So wird es seit Jahrhunderten gemacht. „Das allein dauerte zwei Tage.“ Mit Quads fuhren Dorfbewohner los, um die Tiere zu suchen und zusammenzutreiben. Bei der Ortung helfen GPS-Geräte, die an den Halsbändern der Leittiere befestigt sind. Wenn Schnee liegt, werden Schneemobile genommen. Mancherorts werden sogar Hubschrauber eingesetzt. – Früher war das alles viel mühsamer. Sind die Tiere zusammengetrieben, müssen die Sami ihre eigenen Tiere finden und feststellen, welche Kälber zu welcher Kuh gehören. „Es ist teilweise unbegreiflich, wie sie da durchsehen können“, meint Hoffmann. Die Jungtiere werden markiert und anschließend sortiert. Etwa 80 Prozent der Kälber werden anschließend geschlachtet. „Die Skandinavier behandeln das Fleisch wie einen Goldbarren. Selbst die Knochen werden teuer verkauft. Alles wird verwertet“, meint Hoffmann. Rentierfleisch sei vergleichbar mit Rind. Nur viel zarter mit einer leicht nussigen Note. Außerdem sei das Fleisch allergikerfreundlich. „Das alles war ein unglaubliches Erlebnis. Und ich habe viel gelernt für meine eigene Zucht“, sagt Hoffmann.

In den nächsten Jahren will Hoffmann seine Herde vergrößern und selbst Fleisch produzieren. Vom Tourismus allein können er und seine Frau sich kaum über Wasser halten. Die Zucht ist schwierig. Die Tiere brauchen spezielles Futter und haben andere Bedürfnisse als Kühe oder Pferde. Förderungen gebe es jedoch keine. „Ich sag immer, Rentiere haben keine Lobby. Wären es Wölfe, gebe es mehr Unterstützung“, meint Hoffmann und streichelt Lars. Das Rentier kaut genüsslich auf den Pellets. „Dabei tun wir hier noch etwas für den Tourismus. Sollte es zu schwierig werden, werden wir wohl nach Finnland gehen.

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erstellt am 08.Jan.2016 | 12:00 Uhr

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