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Mecklenburg-Vorpommern

09. Dezember 2016 | 20:18 Uhr

Das Netz als Selbsthilfegruppe? : Der Krebs auf Facebook

vom
Aus der Onlineredaktion

Online-Foren, Soziale Netzwerke und Blogs unterstützen junge Erwachsene beim Umgang mit der Erkrankung

„Ich habe meine Erkrankung früh kommuniziert. Spätestens als die Haare ausfielen, hätte es sowieso jeder gesehen.“ Sandra Otto steht vor Ärzten, vor Pflegepersonal, vor Betroffenen und erzählt ihre Geschichte. „Ich war 34, als bei mir Brustkrebs diagnostiziert wurde, 18 Monate später kam das Rezidiv.“ Heute ist Sandra Otto 39, momentan sei „alles gut.“

In Deutschland erkranken jährlich 15 000 Menschen zwischen 15 und 39 Jahren an Krebs. Am häufigsten wird Brustkrebs festgestellt, gefolgt von Hodenkrebs. „Die Heilungschancen bei den jungen Erwachsenen sind sehr gut. Sie liegen bei 80 Prozent“, sagt Prof. Mathias Freund. Als Vorsitzender des Kuratoriums der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs war er gestern zu Gast auf dem sechsten Symposium zu Krebserkrankungen im Jugend- und jungen Erwachsenen-Alter an der Uniklinik Rostock. In einem Projekt begleitet Freund Betroffene, die anderen Erkrankten Mut geben, eine erste Hilfe nach der Diagnose sozusagen. Zu den Gesichtern der Kampagne gehört auch Nadine Fischer. Sie war 31, als sich ihr Leben schlagartig änderte. „Die Diagnose kam unerwartet“, schreibt sie auf Facebook. Ein Nebennierenkarzinom. Es folgte die erste OP, anschließend die Chemotherapie, dann wurden vier Rezidive entdeckt. Mittlerweile hat sich der Krebs ausgebreitet, Metasten an Magen, auf der Niere und am Pankreas gebildet. Inzwischen ist Nadine 35. Aber sie gibt nicht auf. Begleitet wird ihr Kampf von mehr als 14  000 Facebook-Nutzern, die ihrer Seite „Nadine und das Leben mit dem Krebs“ ein „Gefällt mir“ gaben.

Online-Foren, Soziale Netzwerke oder Blogs seien die Selbsthilfegruppen von heute, weiß Freund. Wobei der Begriff Selbsthilfegruppe bei den Betroffenen nicht gut ankomme. „Aber im Grunde ist es genau das. Junge Leute tauschen ihre Erfahrungen aus. Das Internet schafft Möglichkeiten zueinander zu kommen und Gleichgesinnte zu finden, mit denen man die Gefühle, die im Alltag der Krankheit entstehen, teilen kann.“ Die Blogs heißen „Radioaktivgirl“ oder „Krebstierchen“ und sind eine Art Tagebuch, deren Einträge tiefe Einblicke in das Leben mit dem Krebs gewähren. „Das Netz ermöglicht neue Umgangsformen mit der Krankheit. Es gibt Facebook-Gruppen, die wie Vereine funktionieren, über die Yoga-Kurse organisiert werden“, erläutert Freund. Es ginge darum, sich gegenseitig zu stützen.

Sandra Otto hat ein Buch geschrieben. Es heißt "Brustkrebs - Hilfe im Bürokratie-Dschungel". „Darin stehen gebündelt wichtige Adressen und Tipps.“

Das Netz als Selbsthilfegruppe?

Der Schock der Diagnose Krebs rumort. Er lässt einen in den ersten Wochen danach nicht mehr los, bestimmt die Gedanken, alles Schönes scheint sich zu verkleinern, Dunkelheit schwirrt durch den Kopf. Irgendwann aber muss er Platz machen für Hoffnung. Und die hatte ich, sogar fast zu jedem Zeitpunkt. Wofür sonst die Torturen von sechs Chemotherapien? Ich lernte zu filtern, mit jedem Tag ein bisschen mehr: Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, nur das an mich heranzulassen, was ich wirklich hören wollte.

Das Internet ist voll von Informationen und Hilfe für Krebspatienten: Google listet beim Begriff Krebs über 30 Millionen Treffer. Immer beliebter werden persönliche Geschichten von Krebserkrankten, in Blogs oder auf Plattformen wie Facebook berichten sie über die Zeit mit der Krankheit. Ein schönes Mittel, um sich den Schmerz von der Seele zu schreiben. Aber ebenso kann es für Patienten zum Gift werden.

Doch jede Erkrankung ist individuell. Ich litt an einem Lymphdrüsenkrebs, ein Tumor in meinem Brustkorb von der Größe einer Faust. Mit 25 Jahren. Ich entwickelte einen krankhaften Egoismus, im wahrsten Sinne: Ich schaute nur auf mich selbst, steckte all meine Kraft in meinen Weg. Der Selbstschutz eines Eigenbrötlers: Es hätte mich runtergezogen, mich mit dem Leid der anderen auseinanderzusetzen, reagiert doch jeder Patient anders: auf den Krebs und auf die Therapie.

Patienten sind keine Mediziner. Sie schreiben ungefiltert das, was sie denken. Wie schnell verwechselt man die eigene Hoffnung mit der Wahrheit, die einem der Arzt ins Gesicht sagt?

Natürlich: Das Netz ist ein wunderbarer Treffpunkt. Ich bin mir sicher, dass viele Erkrankte es nutzen, um sich auszutauschen, um nicht alleine zu sein in einer Zeit, in der sie um ihr Leben kämpfen. Für mich war es nichts. Denn viele Geschichten enden tragisch: Jährlich sterben in Deutschland knapp 300 000 Menschen an Krebs. Ich hörte auf meinen behandelnden Onkologen. Er gab mir Heilungschancen von über 90 Prozent.

 

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erstellt am 10.Nov.2016 | 11:45 Uhr

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