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Mecklenburg-Vorpommern

26. September 2016 | 10:46 Uhr

Frauen in Führungspositionen : Der Chefin über die Schulter geschaut

vom

Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist im Grundgesetz verankert. Doch die Realität sieht in mancher Hinsicht anders aus. Deutschlandweit sind  zum Beispiel  nur 28  Prozent der Führungspositionen in der Wirtschaft mit  Frauen  besetzt. In Mecklenburg-Vorpommern sieht es etwas  besser aus. Hier ist  fast jeder dritte Chef (31  Prozent) eine Frau – denn hier gibt es nur wenige Großunternehmen, statt dessen viele Tourismusbetriebe und Dienstleistungsfirmen, vor allem in Gesundheits- und Sozialwesen. Das sind Branchen, in denen Frauen häufiger Führungspositionen einnehmen.

Das landesweite Mentoringprogramm „Zukunft  durch  Aufstieg“ soll nun weiteren jungen Frauen dabei helfen, in Führungspositionen hineinzuwachsen. Wir haben eines der „Tandems“ und seine Betreuerin besucht.

Die Aufstrebende: Anne Maibohm

Alles  begann im   letzten  Spätsommer mit  einer  Zeitungsnotiz:  Das  Sozialministerium  des  Landes Mecklenburg-Vorpommern  bot Frauen, die  eine  Führungsposition  anstrebten  oder  die  bereits  seit   kurzem  eine  solche innehatten, ein Mentoringprogramm  an. „Das  ist  genau das,  was ich für  meinen  beruflichen Werdegang  brauche“, sagte sich Anne  Maibohm – und  bewarb  sich um  einen Platz  als  Mentee.

„Für mich ist das eine große Chance  dazuzulernen“,  erklärt die   32-Jährige,  „vor  allem  wenn  es  um Konfliktmanagement oder Gesprächsführung geht“. Und: „Das  Programm  hilft  mir auch, Beruf  und Familie  besser  unter  einen Hut  zu  bekommen.“

Seit Anfang vergangenen  Jahres  leitet  Anne  Maibohm die Schweriner Filiale  des Rechenzentrums für Heilberufe, in der 27 Frauen und  Männer beschäftigt sind. „Ich  habe  eine  kaufmännische  Ausbildung  gemacht und 13 Jahre lang in Norderstedt für  einen amerikanischen Pharmaziekonzern gearbeitet“, erzählt die Schwerinerin. Dann kamen kurz nacheinander ihre beiden Töchter zur Welt – insgesamt drei  Jahre  lang  nahm Anne Maibohm  Elternzeit  und kümmerte sich um  sie. Doch  dann  wollte sie  beruflich  wieder  durchstarten. Anfang  2014  übernahm die  junge  Frau  die Filialleitung des Rechenzentrums.  „Das  ist ein  Familienunternehmen, das   1990 als Schweriner  Apothekenrechenzentrum von einer Frau gegründet wurde“, erzählt sie. Das Rechenzentrum  für  Heilberufe  sei  daraus  hervorgegangen, zwei Söhne der Gründerin seien heute die Geschäftsführer – und  damit ihre  Vorgesetzten.

Ein Problem  habe sie  mit   den Chefs  nicht.  „Wir  arbeiten  sehr entspannt  und harmonisch zusammen.“ Dass  vieles  am Telefon geregelt werden müsse – die beiden Geschäftsführer sitzen in Berlin und Erfurt, wo sie selbst Filialen  des Unternehmens  leiten – tue  dem keinen  Abbruch. Im Gegenteil: Dadurch  müsse  konzentriert gearbeitet  werden.

Akzeptanz  unter  Kollegen –  egal  ob  über-  oder  untergeordneten – sei für sie ohnehin  nicht  vom Geschlecht abhängig.  Eher schon  sei  es eine  Typfrage,  vor  allem  aber  eine  von Fachkompetenz  und Engagement,  meint  Anne  Maibohm.  Sie  selbst  habe   jedenfalls  beruflich  noch nie   davon  profitiert,  dass sie  eine  Frau  sei. Vorangebracht habe sie da schon eher ihr Leitspruch: „Jeder  Stillstand  ist  ein   Rückschritt.“ Deshalb würde  sie  sich  auch  immer  wieder neue  Ziele  setzen.

Wobei die  junge Chefin unumwunden  eingesteht:  Ohne die  Rückendeckung  durch  ihren Lebensgefährten  wäre sie beruflich im letzten Jahr nicht  so  schnell  vorangekommen.  Wenn  sie  sich  zum Beispiel  jetzt  auch  mal abends mit ihrer  Mentorin Daniela  See  trifft   oder beide  gemeinsam Termine   wahrnehmen,  dann kümmert er sich   um die  Kinder. Wichtig ist Anne Maibohm  aber  zu betonen,  dass das  keine Einbahnstraße  ist:  „Wir machen  das  partnerschaftlich.  Würde  nur einer   zurückstecken,  würde  das  nicht  gehen.“

Die  Erfahrene: Daniela  See

Daniela  See leitet  eines  der  größten  Unternehmen  der  Landeshauptstadt –  als Managing-Direktorin  der Sky Deutschland Service Center  GmbH in  Schwerin trägt  sie die  Verantwortung  für 720  Mitarbeiter. Zwar  hat  die  zierliche  48-Jährige, die  aus  Aschaffenburg  stammt,  Chemie  studiert –  „finanziert habe ich  mir  das  Studium aber,  indem ich  in Servicecentern  gearbeitet habe.“  Die  Branche  ließ  sie  auch  danach nicht  wieder  los. Nach mehreren  anderen  Stationen kam   Daniela  See  schließlich   im Jahr   2000   nach Schwerin,  verantwortete den  Aufbau  des  Service Centers  für  den Bezahlsender  Sky,  das  seitdem  immer  weiter  gewachsen  ist.

„Ich  selbst  hatte  ganz   phantastische  Führungskräfte, die  Vorbilder  für  mich   waren,  mich  aber  auch,  wo  es  Not  tat,  ein  bisschen  ,geschubst‘  haben“  erzählt  die  Direktorin. Ohne  dass sie  sich   in  den Vordergrund  gedrängt hätte,  sei sie  von  ihnen als   künftige  Führungskraft entdeckt und  gefördert  worden.  Mit  Anfang   30  wurde sie  dann schließlich  selbst in die Geschäftsführung  berufen.

„Die Unterstützung,  die  ich bekommen habe,  möchte   ich jetzt  gerne anderen geben“,  erklärt  die Schwerinerin, weshalb sie sich als Mentorin im  Programm  „Zukunft durch Aufstieg“,  aber  auch  beispielsweise  in  der Ausbildung   dualer Studenten  engagiert. Zumal: „Als  Mentorin  lerne  ich selbst  durch  meine  Mentees  noch eine Menge – es ist  also  eine Win-win-Situation.“

Natürlich  sei  ihr  Kalender auch  so  schon  randvoll. „Aber  ich mache  das sehr gern – und  wenn man  etwas  sehr  gern  macht,  dann schaufelt  man sich  dafür auch  frei.“  Zu terminieren und zu priorisieren – das sei  sowieso für Führungskräfte  unerlässlich, findet  Daniela  See. Auch  Entscheidungsfreude, Konsequenz und Durchsetzungsstärke  nennt  sie  in diesem Zusammenhang – „wobei   sich  durchzusetzen  nicht  bedeutet, mit  dem Kopf  durch die  Wand zu wollen. Diplomatie  ist gefragt.“  Ganz wichtig  sei es auch, sich   zu  positionieren,  eine  Meinung  zu  haben –  „auch  dann, wenn man damit unter  Umständen aneckt“.  Und: Fortbildung  ist  das  A  und  O,  betont  die  langjährige  Chefin –  nur  wer selbst  fachlich immer auf dem Laufenden ist, könne das  auch von seinen Mitarbeitern erwarten.

Hat  man  es  als  Frau  in leitender  Position  schwerer? Daniela See  findet, dass das  nicht  so  ist.  „Ich bin  von Männern,  mit denen ich zusammengearbeitet habe,  immer  akzeptiert  worden.“  Aber: „Es hilft  schon, die  Unterschiede   zwischen  Männern und Frauen zu  kennen und  weibliche  Stärken  auszuspielen,  wo  es nötig  ist“,  meint sie  augenzwinkernd. Das  gilt  auch  in    beruflichen    und  sozialen  Netzwerken, die  sie  für   unerlässlich  hält –  und  in die  sie  ihren „Schützling“ Anne  Maibohm deshalb  jetzt  auch gerne  einführt.

Dass es zwischen  ihnen beiden „passt“ , habe  sie  sehr  schnell  gemerkt.  Beide  haben sich  schon  gegenseitig  am Arbeitsplatz  besucht –  und  dabei  viele   Gemeinsamkeiten  bemerkt.  Beide  hatten  zum Beispiel     in  der  letzten Zeit  mit  Um-  bzw-  Erweiterungsbauten  zu  tun  - und  beide  haben  bei  der Auftragsvergabe  vor  allem  auf  Firmen  aus  der Region  gesetzt.  „Ich   finde,  das  gehört zu  unserer Verantwortung,  auch   andere  Unternehmen  vor Ort zu  fördern“,  meint  Daniela  See.

Die  Vermittelnde: Nicole  Dierker-Refke

Nicole  Dierker-Refkes  Chef  ist  ein Mann.  „Kein  Problem“,  meint  sie, „es  ist   erwiesen,  dass die  beste  Arbeit  von gemischten Teams  gemacht wird – weil sich  die  unterschiedlichen Kompetenzen  ergänzen“.  Dennoch verwendet  die  40-Jährige  momentan  einen  großen Teil  ihrer   Arbeitszeit  beim  BilSE-Institut für Bildung und Forschung in  Schwerin darauf,  Frauen  für   Führungsaufgaben   fit  zu  machen. Als Projektleiterin  im  regionalen Cross-Mentoring-Projekt „Zukunft durch Aufstieg“   begleitet sie  15 Tandems aus  Schwerin und Nordwestmecklenburg –  15  Paare  aus Frauen, die  eine  Führungsposition  anstreben oder gerade  angetreten   haben, und  erfahrenen  Mentoren, die   ihnen    ein  Jahr lang mit  Rat  und Tat zur Seite stehen.

Wen sie  als  Tandem zusammenführt,  das  habe  ganz   viel  mit  Bauchgefühl  zu  tun.  So habe sie   schon nach  dem  ersten  persönlichen Kennenlernen  von Anne  Maibohm  gleich  an  Daniela See als Mentorin  gedacht. Die  nämlich  kennt  sie  schon  länger–  einige  Jahre  lang  hat Nicole  Dierker-Refke selbst  als Trainerin bei  Sky  gearbeitet.

Andere Mentoren  gewinnt  sie   über  berufliche   und soziale  Netzwerke.  „Im Laufe  der Zeit lernt   man   so  viele  Leute   kennen, auf  die  man  bei   Bedarf  auch  immer  wieder  zurückkommen  kann.“ Schließlich  erlebt  das  aus  Mitteln  des   Europäischen Sozialfonds  geförderte  Landesprogramm  aktuell  schon  seine     zweite  Auflage.  „57  Mentees  aus  ganz  Mecklenburg-Vorpommern sind  diesmal dabei“, weiß Dierker-Refke. Nicht jede werde von  einer Frau  begleitet,  aber  jede könne  beruflich   von ihrem Mentor   oder  ihrer  Mentorin profitieren – und   von  dem umfangreichen Weiterbildungsangebot,  das  ebenfalls  zum  Programm  gehört. Im  ersten  Durchgang  seien von  den 49  Teilnehmerinnen übrigens als die  Hälfte tatsächlich  binnen eines Jahres beruflich  aufgestiegen. „Durch   die Begleitung  haben  die  Frauen  gelernt, sich anders  zu   produzieren, schneller  zu  entscheiden  und auf Partner   offener  zuzugehen.“

 

 

 

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erstellt am 11.Feb.2015 | 12:00 Uhr

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