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Mecklenburg-Vorpommern

30. April 2017 | 20:35 Uhr

Doping : „Den Opfern helfen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Doping und deren Aufarbeitung in Ost und West: 60 Leser beteiligen sich an spannender Podiumsdiskussion im Verlagshaus.

Die Doping-Vergangenheit des deutschen Sports und deren eher schleppend voranschreitende Aufarbeitung sind auch im 25. Jahr nach der Wiedervereinigung ein Thema, das die Gemüter erregt. Das war gestern Abend auch bei rund 60 Lesern unserer Zeitung im Casino unseres Verlagshauses zu spüren. Ausgangspunkt einer regen Podiumsdiskussion war der zunächst gezeigte Film „Unterstützende Mittel – das Trauma des DDR-Sports“. Darin lässt NDR-Journalist André Keil sowohl Dopingopfer, die als Teenager gedopt worden waren, als auch Trainer und Sportmediziner, die dafür verantwortlich zeichneten, zu Wort kommen.

„Der Film macht betroffen“, bekannte Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU), gemeinsam mit dem Autor des Films sowie Ines Geipel, Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfe-Vereins (DOH), Gast der anschließenden, von Michael Seidel, Chefredakteur unserer Zeitung, moderierten Podiumsdiskussion.

Dass der deutsche Sport mit Doping verbunden war, ist unstrittig. In der DDR gab es das 1974 aufgelegte staatliche Dopingprogramm, demzufolge 12  000 Leistungssportler „und zwar der Aussage des obersten Sportmediziners Höppner im damaligen Prozess gegen DTSB-Präsident Ewald zufolge in allen drei Kaderkreisen aller olympischen Sportarten außer Segeln und Rhythmischer Gymnastik leistungsfördernde Mittel bekamen“, so Ines Geipel.

Doch dass der Slogan „Doping hieß Osten“ längst nicht mehr haltbar ist, wird immer klarer – scheibchenweise. „In der Frage des Westdopings hängen wir in einer langen Warteschleife. Seit zehn Jahren warten wir auf die Studie, wieviel Klümper (Prof. Klümper war Chefdoper an der Uni Freiburg – d. A.) wir dort haben“, berichtete Geipel und prophezeit: „Es gibt Opfer im Osten und es gibt Opfer im Westen. Die Rollstühle in unsere Beratungsstelle werden demnächst auch aus Baden-Württemberg anrollen. Und es gilt, den Opfern zu helfen.“ Dass pünktlich mit dem 9. November 1989 im deutschen Sport die letzte Tablette geschluckt wurde, verweist die frühere Jenaer Sprinterin ins Reich der Fabel.

Aufarbeitung tut not, nicht zuletzt, um den Opfern – etwa 700 haben sich bislang bei der DOH gemeldet – wirksame Hilfe leisten zu können. Das liegt natürlich beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), „aber auch die Politik kann sich der Frage nicht in Gänze entziehen“, sagte Caffier und verwies in dem Zusammenhang auf den Sportausschuss des Deutschen Bundestages, da der Leistungssport beim Bundesministerium des Innern angesiedelt sei.

„Das ist die Quadratur des Kreises, in der wir uns seit vielen Jahren bewegen“, hielt ihm Ines Geipel entgegen. „Der Sport hatkeine Lust und die Politik hat keine Lust.“ Namentlich führte sie den früheren bundesdeutschen Turner Eberhard Gienger (CDU) an, der im Sportausschuss seit 15 Jahren versuche, alles in Sachen Doping-Problematik kleinzureden. Inzwischen wisse man auch, warum: Gienger habe nicht nur selbst gedopt, sondern auch Gelder für Klümper gesammelt.

Ein neues deutsches Selbstverständnis in Sachen Leistungssport mahnten alle drei Diskussionsteilnehmer an. „Uns in Deutschland geht es doch gut. Warum können wir nicht damit leben, dass ein deutscher Athlet bei einer WM auch mal Achter oder Zehnter wird und uns mit ihm darüber freuen“, fragte Andre Keil.

„Dafür müssen wir uns die Frage stellen, welche Erwartungshaltung die Bevölkerung und natürlich auch die Medien an den Leistungssport haben“, pflichtete Minister Caffier bei und warnte in dem Zusammenhang vor einem Antidopinggesetz, wie es derzeit in Vorbereitung ist. Das würde die Sportler kriminalisieren, die Hintermänner blieben erneut von Strafverfolgung verschont – und man käme in der Dopingproblematik keinen Schritt voran. „Das macht mir Sorgen.“

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erstellt am 21.Apr.2015 | 21:00 Uhr

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