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Spaltung der Burschenschaften : Den Blick nach rechts

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Liberal oder extrem populistisch? Die Spaltung der Burschenschaften schreitet voran.

Sie stoßen an. Auf die Ehre, die Freiheit und das Vaterland. Dumpf prallen die Bierkübel aneinander. „Obotritia“ steht in verschnörkelter Schrift darauf manifestiert, gefolgt von dem lateinischen Leitspruch „virtute duce comite fortuna“. „Sei ein anständiger Kerl, dann wirst du glücklich werden“, übersetzt Tony Prestin. Seit 2009 ist er Mitglied der Burschenschaft „Alte Rostocker B! Obotritia“. Ob er ein anständiger Kerl geworden ist? „Die Zeit hat mich geerdet.“ Prestin trägt an diesem Abend weder Band noch Mütze, stattdessen Chucks und ein Shirt der Band „Wanda“. „Wir sind eben ganz normale Studenten“, sagt er. Studenten, die in der öffentlichen Darstellung gerne als elitär, sexistisch und rassistisch bezeichnet werden. „Wir bekennen uns zur freiheitlich demokratischen Grundordnung. Unsere Mitglieder haben sich politisch zu bilden, links- und rechtsextremes Verhalten lehnen wir aber strikt ab“,betont Prestin. Er sitzt im Bar-zimmer der „Obotritia“-Vereinsvilla im Rostocker Bahnhofsviertel. An den Wänden hängen Fotos aus vergangenen Tagen zwischen Fecht-Schwertern, Mitbringseln befreundeter Burschenschaften und einer Deutschland-Fahne. „Sind wir deshalb gleich Nazis? Weil wir eine Flagge aufgehängt haben?“ Die Mitgliedschaft in der Verbindung ist nicht an eine bestimmte Abstammung gebunden, die Herkunft der Mitglieder sei egal. Dennoch steht in der Vitrine im Wohnzimmer Thilo Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ – als eines von zwei Büchern. Das Verbindungshaus wird regelmäßig angegriffen, mit Farbbeuteln attackiert, Fensterscheiben werden eingeworfen. Warum, fragt sich Prestin – und auch die AfD.

Erst im März stellte Nikolaus Kramer, Mitglied der AfD-Landtagsfraktion und Sympathisant der Burschenschaft „Markomannia Aachen Greifswald“, eine Kleine Anfrage an die Landesregierung zu den Anschlägen auf Studentenverbindungen in MV. In der Antwort heißt es, dass innerhalb des Zeitraums vom 1. Januar 2015 bis zum 5. März 2017 insgesamt 15 Straftaten polizeilich registriert worden sind, allesamt politisch links motiviert. Das Innenministerium wolle sich diesbezüglich mit dem Verfassungsschutz in Verbindung setzen.

Fakten zur Burschenschaft

Ehre, Freiheit, Vaterland:

1815 spricht Ernst Moritz Arndt „von den wahren und unsterblichen Grundsätzen von deutscher Ehre, Freiheit und Vaterland“. Am 18. März 1816 übernahm ihn die Jenaer Ur-Burschenschaft als studentischen Wahlspruch.

Fux und Bursch:

Ein Fux ist ein neuaufgenommenes Mitglied, das eine Probezeit von etwa zwei Semestern durchlaufen muss, bevor es Bursch wird. In dieser Zeit werden Geschichte, Brauchtum und Traditionen des Verbindungswesens erlernt.

Aktivitas und Alte Herren:

Aktivitas sind die aktuellen Studenten. Wer nach erfolgreichem Studium im Beruf steht, wird Alter Herr. Die Finanzierung der Burschenschaften erfolgt über Mitgliedsbeiträge, die primär von Alten Herren getragen werden.

Mensur:

traditioneller, streng reglementierter Fechtkampf zwischen zwei männlichen Mitgliedern verschiedener Studentenverbindungen

Coleur:

Gesamtheit aller Kleidungs- und Schmuckstücke sowie aller Accessoires und Gebrauchsgegenstände. Wichtigste Bestandteile sind das um die Brust getragene Band und die Mütze.

Zirkel:

dem Namen hinzugefügtes Zeichen der Zugehörigkeit zu einer studentischen Korporation, die Orden verwendeten die Anfangsbuchstaben ihres Wahlspruches als Erkennungszeichen; ursprünglich nebeneinander gesetzt, dann oft miteinander verschlungen

Aufnahme in die Burschenschaft:

Wer einer Burschenschaft beitreten möchte, muss männlich und an einer deutschen Hochschule eingeschrieben sein.

 

„Ich wurde selbst angegriffen, verbal und körperlich. Die Täter haben mir ins Gesicht geschlagen, meine Freundin und mich beschimpft.“ Tony Prestin sei ein gebranntmarktes Kind und trotzdem stolz auf seine Burschenschaft. Die Studentenverbindung bewege sich im liberalen Umfeld. Von Regeln, dass nur Mitglieder aufgenommen werden dürfen, die einen Wehrdienst geleistet haben oder dass keine Frauen zu den öffentlichen Veranstaltung zugelassen sind, hätte sich „Obotritia“ längst gelöst. Seit dem 12. Dezember 2012 sei der Verein auch nicht mehr im Dachverband der Deutschen Burschenschaft (DB) organisiert. Zu rechts sei die Organisation geworden, nicht zuletzt wegen ihrer Führungsriege. So ist zum Beispiel der Sprecher der Vereinigung, Philip Stein von der Marburger Burschenschaft Germania, Mitbegründer der Initiative „Ein Prozent“ , die sich selbst als „Deutschlands größtes Bürgernetzwerk“ bezeichnet und „als Stimme des Volkes den Widerstand vernetzen“ und gegen die „Flüchtlingsinvasion“ kämpfen will. In der Vergangenheit publizierte er für die Zeitschrift „Blaue Narzisse“, die als Organ der neuen Rechten gilt. In einem Telefoninterview gegenüber der „Zeit“ gab Stein Anfang März zu, radikale rechte Positionen zu vertreten. Damit ist er nicht das einzige Mitglied der DB, das sich zum extremistischen Lager hingezogen fühlt. Dirk Taphorn, Schriftleiter der Burschenschaftlichen Blätter und der Burschenschaft „Normannia-Nibelungen zu Bielefeld“ zugehörig, ist Fraktionsreferent der AfD im Dresdner Stadtrat. Darüber hinaus schreibt er ebenfalls für die „Blaue Narzisse“, betont aber die politische Neutralität der DB. Dennoch teilen die Bundesbrüder auf Sozialen Netzwerken Bilder der populistischen Identitären Bewegung Deutschland, appellieren für „Remigration“, machen Werbung für die Alternative für Deutschland. Dass sich zahlreiche AfD-Politiker zu Burschenschaften bekennen, ergänzt das Bild. In MV sind es nebst Nikolaus Kramer, unter anderem der Greifswalder Rechtsprofessor Ralph Weber, der zu seinen Vorlesungen in Kleidung der unter Neonazis verbreiteten Marke „Thor Steinar“ erschien und den „Reichsbürger“ Thomas Mann ins Audimax der Hochschule einlud, sowie Enrico Komning, der auf Facebook unter den brüderlichen Studenten einen Abgeordnetenreferenten für sich suchte. Sowohl Weber, als auch Komning erwärmen sich für die Greifswalder Burschenschaft „Rugia“, die ebenso wie „Markomannia Aachen Greifswald“ innerhalb der DB organisiert ist. Der Dachverband zählt laut eigenen Angaben derzeit 67 Mitgliedsburschenschaften, in denen sich rund 700 aktive Studenten sowie mehr als 5000 Alte Herren engagieren. „Damit eine Burschenschaft Mitglied in der Deutschen Burschenschaft werden kann, muss sie sich zum deutschen Vaterland als geistig-kultureller Heimat des deutschen Volkes bekennen“, beschreibt Dirk Taphorn.

Die Universitäten im Land zeigen sich distanziert, wenn es um ihre Meinung zu den männlichen Studentenverbindungen geht. „Das Rektorat der Universität Greifswald gibt zu außeruniversitären Einrichtungen grundsätzlich keine Stellungnahme ab“, heißt es aus der Hansestadt. Kristin Nölting von der Uni Rostock ist spezifischer: „Burschenschaften und ihr Wirken sind im Grunde nicht wahrnehmbar.“ Lediglich bei der jährlichen feierlichen Immatrikulation würden sie Gesicht zeigen. Der Allgemeine Studierendenausschuss der Hochschule (Asta) distanziert sich hingegen ausdrücklich von den Verbindungen. „Sie sind ein veraltetes Konstrukt, das sich insbesondere durch ein reaktionäres Weltbild auszeichnet: Der konsequente Ausschluss und die Abwertung von Frauen durch ihre patriarchale Denkweise ist nicht nur mit den Grundwerten der Universität nicht vereinbar, sondern auch aus einer humanistischen und weltoffenen Einstellung abzulehnen“, erklärt die Asta-Vorsitzende Katharina Wilke. Perspektivisch seien Burschenschaften eine Bedrohung für ein „freiheitliches Zusammenleben“.

Die Mitglieder von „Obotritia“ verstehen die Vorwürfe als Vorurteile. Die Tür der Verbindung stehe für jeden offen. „Wir dürfen übrigens auch alle eine Freundin haben und diese auch mitbringen“, versucht Tony Prestin der Sexismus-Anschuldigung zu begegnen. „Aber die Linksorientierten reden ja nicht mit uns. Lieber vertreten sie ein absolutes Denken: Ihr nehmt keine Frauen auf, also seid ihr frauenfeindlich.“ Der Lehramtsstudent wirkt müde. Vom Erklären und Verteidigen. Dann schaut er auf die Uhr. Die Liebste wartet bereits – in der gemeinsamen Wohnung, nicht im Verbindungshaus.

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erstellt am 21.Apr.2017 | 12:00 Uhr

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