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Mecklenburg-Vorpommern

01. Oktober 2016 | 09:01 Uhr

Video: Mela in Mühlengeez eröffnet : „Dem Schweinchen gehts ganz gut“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

26. Mela in Mühlengeez eröffnet. Wege aus der Milchkrise bestimmen die Messe

„Quiek, quiek, quiek“ – in Windeseile sprintet das Ferkel über den Platz, ungeachtet davon, dass seine zwölf Geschwister brav an Mamas Seite parieren. Dass Sebastian Constien (SPD), Landrat des Landkreises Rostock, gerade über die derzeit miserablen Bedingungen in der Landwirtschaft spricht, scheint den Ausreißer wenig zu interessieren. Auf diesen Moment hat der kleine Rabauke mit Niedlichkeits-Charme lange gewartet, seine Kräfte im Vorfeld gebündelt. Kaum hatte sich seine Stalltür geöffnet, zog es ihn in die große Freiheit. Mehrere Minuten dauerte es, bis seine Züchter ihn eingefangen hatten – natürlich nur unter lautem Protest. „Dem Schweinchen gehts ganz gut“, sagt Constien, der zugeben musste: Das Ferkel hat ihm bei der gestrigen Eröffnung der Mela die Show gestohlen und für Lacher gesorgt – stand diese doch im Zeichen der Milchmarktkrise.

 

Zum ersten Mal seit Gründung der Mela wird es keine Milchkühe zu sehen geben. Hintergrund ist ein Protest der Milchbauern, die auf diesem Weg auf die anhaltende Milchmarktkrise aufmerksam machen wollen. 68 Betriebe in MV hätten mittlerweile das Handtuch geworfen, deutschlandweit seien es knapp 5000. Die Situation sei schizophren, sagt Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). Die Preise pro Liter Milch müssten rauf, die Produktion runter. Mecklenburg-Vorpommern übernehme in diesem Kontext eine Vorbildfunktion, wurden in dem Bundesland die Produktionsmengen bereits um 2,8 Prozent reduziert. „In Nordrhein-Westfalen, Bayern oder auch Baden-Württemberg steigt die Produktion stattdessen weiter. Zuletzt lieferte NRW 4,5 Prozent mehr Milch“, klagt Backhaus an. Gegenwärtig bekämen die Bauern 22 Cent pro Liter. „Davon kann niemand produzieren, geschweige denn leben“, so Backhaus. „Die Molkereien speisen die Bauern ab und wirtschaften selbst 31 Cent in die eigene Tasche.“

Die Handelsbeziehungen zwischen beiden Parteien müssten künftig verschärft werden, darauf hätten sich die Agrarminister der Länder auf der vergangenen Agrarministerkonferenz in Rostock-Warnemünde kürzlich erst geeinigt. Zusätzlich müsse das 150 Millionen Euro beinhaltende EU-Hilfspaket zwei umgesetzt werden. Dieses beinhaltet, dass Bauern für jeden nicht produzierten Liter Milch 14 Cent bekommen. „Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber ein Anfang.“ Es sei schwierig dem „einfachen Bürger zu erklären, dass die Milchbauern nur überleben können, wenn sie weniger produzieren, wenn 3000 Kilometer südlich von uns Menschen hungern“, fügt Sebastian Constien hinzu.

Hinzu käme in diesem Jahr eine Erntekrise, die die Ackerbauern verzweifeln lasse. Die Erträge aus der pflanzlichen Produktion seien nicht ausreichend. So gäbe es beispielsweise ein Drittel weniger Raps als 2015. Ungeachtet dessen sei Mecklenburg-Vorpommern Deutschlands Agrar-Standort, der laut Backhaus als Schlüsselbereich der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes gelte. 1990 habe das Ministerium 1,4 Millionen Mark in die Messe investiert. Aus einem Hektar Fläche wurden 17, aus 180 Ausstellern mehr als 1000, aus 15 000 Besuchern 70 000. „MV hat ohne die Land- und Ernährungswirtschaft keine Zukunft“, verdeutlicht Backhaus. „Denn wir alle brauchen sie zum Leben.“

Die Mela in Mühlengeez bei Güstrow gilt als größte Agrarausstellung Norddeutschlands. Sie soll über die Entwicklungen im ländlichen Raum informieren, neue Technologien zeigen sowie Zuchtergebnisse präsentieren. „Wir Landwirte stellen uns den Fragen der Besucher. Wir sind offen, transparent und auskunftswillig“, sagt Detlef Kurreck, Präsident des Bauernverbandes MV. „Wir Bauern haben uns gefragt, ob es einen Grund zum Feiern gibt. Aber wir brauchen die Mela, hier gehen Erzeuger und Verbraucher auf Tuchfühlung.“

Jedes Jahr bekommt die Messe ein neues tierisches Gesicht. 2016 ist es das Widderkaninchen, das sich durch seine hängenden Ohren, einen großen und breiten Kopf sowie eine platte Nase auszeichnet. Im Vorfeld der Agrarmesse gab es Befürchtungen, dass die sogenannte Chinaseuche eine Teilnahme der Kaninchen bedroht. Erst im Juni dieses Jahres warnte das Friedrich-Loeffler-Institut vor einer bundesweiten Ausbreitung der Krankheit. „Wir mussten die Tiere im Vorfeld impfen lassen“, sagt Züchter Erik Adam. Das Problem: Der Impfstoff für den Typ zwei Virus sei in Deutschland bisher nicht zugelassen und müsse aus Frankreich importiert werden. „Das Prozedere ist sehr teuer. Für die meisten ist die Kaninchenzucht ein Hobby, die Impfung übersteigt für manch einen den Kostenrahmen. Deshalb sind weniger Kaninchen auf der Mela als ursprünglich geplant“, erklärt Adam. Er selbst habe rund 100 Tiere. Zur Zucht kam er durch seinen Großvater, der die Leidenschaft an seinen Vater und letztlich auch an ihn weitergab. Ein perfektes Kaninchen habe er noch nie gesehen. „Das gibt es einfach nicht. Bei Schauen werden unter anderem die Ohren, das Fell, die Kopfform und der Pflegezustand bewertet. 100 Punkte habe ich noch nie gesehen.“

In den vergangenen Jahren wurde das Sicherheits- und Brandschutzkonzept stetig ausgebaut. So auch in diesem Jahr. Gemeinsam mit den Sicherheitsdiensten und der Polizei sei laut Mela-Geschäftsführerin Christin Weinhold beschlossen worden, die Einlasskontrollen zu verschärfen. Besucher sollten hier ein wenig mehr Zeit mitbringen.

 

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erstellt am 15.Sep.2016 | 20:55 Uhr

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